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Norwegen : Eine Gradwanderung

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Eis im Sonnenschein: Der Jostedalsbreen, Europas größter Festlandgletscher, schmilzt. Beim Blick in das Blau der tiefen Spalten wird manchem Besucher ganz blümerant. Bild: Christoph Moeskes

Land der Stunde: In Norwegen kann man den Sommer bei 36, aber auch bei minus 18 Grad verbringen. Stationen einer Reise.

          36 Grad: Fram-Museum Oslo

          Die Ankunft in Oslo beginnt mit einem kleinen Schock: Es ist wüstenhaft heiß. Spaziert man auf dem schneeweißen Dach der Oper, läuft man Gefahr, vom gleißenden Sonnenlicht erschlagen zu werden. Sonnenbrille auf und nix wie raus nach Hovedøya, eine der vorgelagerten Inseln im Oslofjord. Das Badetuch landet wie ein Flughörnchen auf dem letzten schattigen Platz, aus den Tuben werden zweistellige Lichtschutzfaktoren gequetscht. Es herrscht eine große Erschlaffung auf dem 60. Breitengrad, die auch die tutenden Kreuzfahrtschiffe und Fähren nicht stören können.

          So haben wir uns das nicht vorgestellt. Doch zum Glück gibt es das Fram-Museum, das den norwegischen Polarforschern Fridtjof Nansen und Roald Amundsen gewidmet ist. Amundsen erreichte 1911 als Erster den Südpol. Nansen brach 1893 zum Nordpol auf. Hierfür ließ er die „Fram“ drei Jahre lang vom Packeis einschließen, in der Hoffnung, dass ihn die Eisdrift zum Ziel führt. Die „Fram“ ist heute eines der beliebtesten Besucherziele des Landes. Abkühlung jedoch findet man in dem Museum nicht, da nutzen auch ein arktischer Expeditionssimulator und an die Decke projizierte Polarlichter wenig. Es ist einfach zu voll und zu eng in dem 1936 errichteten Gebäude, weit über 30 Grad. Nach einer guten Stunde verlassen wir die polare Sauna. Draußen machen wir ein hübsches Erinnerungsfoto von fünf bronzenen Polarforschern im Anorak.

          25 Grad: Sognefjord

          „Fjorde sind ertrunkene Täler“, schrieb der große Humorist und Zeichner F. K. Waechter in den 1980er Jahren in sein Reisetagebuch. Das Bonmot hat nichts von seiner Gültigkeit verloren, wie die Fahrt durch den Sognefjord, Norwegens tiefsten Meereseinschnitt ins Land, beweist. Auf Atlantikniveau gleitet die Fähre vorbei an schroffen Felsen und vereinzelten, dem Pegel angepassten Bauernhöfen. Zweieinhalb Stunden dauert die Passage durch dieses Bilderbuch-Norwegen, für die man keine Kreuzfahrt buchen muss. Die Fähre von Gudvangen nach Sogndal verkehrt mehrmals täglich im Bilderbuch-Dienst.

          Während die Autos in Schlittenhundformation im Unterdeck auf Entlassung warten, kann es für uns gar nicht langsam genug gehen. Der Fjord ist von geradezu schnapshafter Klarheit, die Sonne scheint, ein laues Lüftchen weht: 25 Grad. Wohlfühlwetter, Fleecejackenausziehwetter, Beinausstreckwetter. 25 Grad ist auch die weltweit anerkannte Normtemperatur in Chemielaboren. 25 Celsius, wohlgemerkt. Das sind 77 Grad Fahrenheit oder 298,15 Grad Kelvin. Ob es Zufall ist, dass alle drei Wissenschaftler aus dem Norden kommen? Fahrenheit wurde in Danzig geboren, Celsius im schwedischen Uppsala, der spätere Lord Kelvin in Belfast. Vielleicht träumten alle drei von eben jener Temperatur, die das Leben leicht macht, bei der man sich gern im Freien aufhält, bei der man weder schwitzt noch friert. Bei 25 Grad stimmt einfach die Chemie.

          -18 Grad: Tiefkühlpizza

          Am späten Nachmittag, wenn sich der Campingplatz Jostedalen wieder füllt mit müden, sich glücklich gelaufenen Wanderern und Gletschergängern, schlägt die Stunde der Tiefkühlpizza. Der schockgefrorene Rundfladen macht nicht nur satt, er ist auch vergleichsweise günstig. Eine „Pizza Grandiosa“ kostet im Supermarkt 49,80 Norwegische Kronen, umgerechnet gut fünf Euro. In den meisten Restaurants müsste man dafür glatt das Fünffache zahlen.

          Sommer und Winter liegen in Norwegen nah beieinander.

          Norwegen ist ein teures Land; die H-Milch und Nudelvorräte, welche die Wohnmobile aus Mitteleuropa mitgebracht haben, sind schnell aufgebraucht. Und so macht sich der halbe Campingplatz gegen 17 Uhr ein letztes Mal auf zum Supermarkt, legt das versteinerte Salamirund in die Öfen der Gemeinschaftsküche und wartet, bis der zerlaufene Käse ein schmackhaftes Endprodukt anzeigt. Minus 18 Grad: Kälter wird es im Sommer in ganz Norwegen nicht. Das Eis der Marke Eskimo wird natürlich auch in der vorgeschriebenen Mindesttemperatur gelagert. Und schmilzt in glücklichen Kinderhänden.

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