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„Scube Park“ am Tempelhofer Feld : Das Eckige muss ins Runde

  • -Aktualisiert am

Schlafen auf dem Feld: Im „Scube Park“ Bild: Thomas Lindemann

Der „Scube Park“ am Tempelhofer Feld in Berlin bietet das Camping der Zukunft – im Holzwürfel mit drei Metern Kantenlänge. Ideal für den Kurzurlaub mit Kind. Nebenbei auch eine Entscheidungshilfe für den Volksentscheid.

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          „Hurra, wir schlafen im Würfel!“ Kinder sind sehr begeisterungsfähig. Und sie bekommen die mieseste Laune, wenn etwas später doch nicht passt. Eigentlich sind sie die perfekten Reisekritiker.

          Also verreisen mein Sohn Leo und ich. Väter sollten viel öfter mit Söhnen weg, meiner ist acht und mag schon jetzt nicht mehr ständig an Papas Rockzipfel hängen. Eine teambildende Maßnahme muss her, und davon hat mein Sohn so seine Vorstellungen: „Das Skateboard muss mit“ und „ich schlafe im oberen Bett“.

          Wir wollen also in den Würfel. In Berlin-Tempelhof steht eine kleine spektakuläre Anlage: Der „Scube Park“. Das Wort soll „Sleep“ und „Cube“ vereinen. Drei Berliner Gründer haben ein Stück Wiese vom Freibad gepachtet und darauf den Urlaub im superkompakten Schlafwürfel erfunden. Er sieht aus wie ein finnisches Designobjekt, enthält fast nichts außer Betten und macht schon beim Anschauen viel Spaß. Dort ziehen wir übers Wochenende ein.

          Roller in allerlei Variationen

          Denn nebenan liegt das Tempelhofer Feld, dieser seltsame Symbolort Deutschlands. Die über 350 Hektar ehemaliger Flughafen sind der vielleicht flachste Park der Welt – auf den Wiesen liegen Träumende, über die Landebahnen rasen Kitesurfer und E-Skater. Der Horizont scheint unendlich weit. Doch der Senat will das Gelände bebauen. Mit ganzen Quartieren, die tief in das Feld hineinschneiden. Dafür nennt er die Wohnungsnot als sicherlich guten Grund. Doch das Spektakuläre der gigantischen Freifläche wäre weg. Berlin würde etwas verlieren, was es so nirgends sonst gibt. Heute stimmt die Stadt per Volksentscheid ab. Mein Sohn hat schon abgestimmt. „Auf keinen Fall“, schreit er, als wir an der gelben Markierung stehen, „Bis hier wird gebaut“, hat einer mit Kreide auf den Boden geschrieben. Der Rand des Feldes liegt da schon erstaunlich fern. „Ich will hier überall Kettcar fahren, da brauch’ ich Platz.“

          Beim Rollerverleih stehen zehn verschiedene Gefährte bereit, die man so noch nie gesehen hat. Tretroller, auf denen vor und zurück wackelt, wer sie antreiben will. Longboards, unter die ein Elektromotor geschraubt wurde, die Skater geben Gas mit einer Art Bluetooth-Pistole. Polizeimotorräder für Zweijährige. Segways gibt es auch, aber – gähn! – mein Sohn schnappt sich einen Easy Glider, ein motorisiertes Rollbrett. Weg ist er. Das Feld mag zwar flach sein, wie durch ein physikalisches Wunder ist es auch unübersichtlich. So lange kann ich skaten. Wichtig für Eltern: Ihr braucht auch ein Skateboard. Zwar ist es lächerlich, wenn Vierzigjährige den Ollie üben. Aber erstens tut Lächerlichkeit gut, und zweitens: Besser, als am Rand rumzusitzen.

          „100 Prozent Tempelhofer Feld“

          Direkt neben dem (fast) runden Tempelhofer Feld steht das Eckige – unser Wohnwürfel. Der „Scube Park“ beherbergt 35 dieser Kästen, jeder ist innen anders: ein bis vier Betten, mit Schreibtisch oder ohne, mit Wandbildern oder schlicht. Vom heimlichen Paar bis zum Dichter in Schreibklausur findet jeder ein Modell. Nur der 35.Würfel ist hüfthoch – in ihm leben Kaninchen.

          „Hier riecht es wie in Uromas Altersheim“, sagt mein Sohn beim Betreten der zentralen Waschräume. Das scheint ungerecht. Diese Anlage wirkt sehr jung. Der Rezeptionist sieht aus wie ein Surfer und spricht in einer Mischung aus Du und Sie. Hier ist man Teil einer Gemeinschaft. Mitten zwischen den „Scubes“ sitzt man an Tischen und plaudert. Zwei Gothic-Typen rauchen Selbstgedrehte und erklären uns mit sächsischem Akzent alles.

          Skaten auf dem Feld: Auf der Rollbahn des Tempelhofer Flughafens
          Skaten auf dem Feld: Auf der Rollbahn des Tempelhofer Flughafens : Bild: Thomas Lindemann

          Unser Würfel beherbergt Ameisen. Nur fünf etwa, aber Leo mag sie nicht. Fasziniert beobachtet er, wie der nette Herr vom Empfang mit dem Insektenspray kommt. „Alles bio!“ Um dennoch kurz zu lüften, gehen wir, klar, wieder aufs Feld. Am Eingang hat die Aktion „100 Prozent Tempelhofer Feld“ sich aufgebaut. Einen Vorteil hat ihr Plan sicher: Kosten von null Euro, diesmal kein Flughafendebakel. Der Aktionist trägt ein dunkles Jackett und spricht ruhig, mit braunen Haaren und traurigem Blick sieht er aus wie der Bestsellerautor Michael Chabon in jungen Jahren. Man kann nicht anders, als ihm recht zu geben. Drum herum tauschen Dutzende sich erhitzt aus. Perfide Tricks wende die Stadt an, rechne die Restfläche schön! Früher war Wowereit Bürgermeister der Herzen, heute liegen Verwaltung und Berliner einander nur in den Haaren. Das alles spürt man hier.

          Der Sohn entscheidet: „Tempelhof bleibt“

          Wir skaten, wir schauen in den Sonnenuntergang, wir sehen einer Tanzenden zu – aus einem Einkaufswagen mit Boxen dröhnt Elektro. Wir fallen erschöpft ins Bett im Kubus. Die Landluft im Berliner Zentrum, die 2,8 Kilometer Startbahn, das Rennen ohne Hindernisse sind schuld. Nebenan im Park „Hasenheide“ ist Kirmes, wir schauen ins Feuerwerk. „Es ist viel gemütlicher hier, als ich gedacht habe“, sagt mein Sohn. Er hat recht. Trotzdem wache ich nachts auf. Drei Uhr vierzehn. Kalte Luft kriecht durch die Ritzen. Draußen zwitschern Vögel, und es wird hell. Jetzt fällt mir wieder ein, warum ich nie Campen gehe. Immerhin ist der Würfel cool.

          Dabei hätte es ihn beinahe nie gegeben. Das erzählt beim Frühstück Tanja Rathmann, Geschäftsführerin der Anlage. Seit 24 Monaten gibt es die so wie heute. „Die Architekten, die wir fragten, sahen alles durch ihre Expertenbrille und antworteten nur, das geht nicht“, sagt sie. Also entwarf ihr Kompagnon Marius Jast selbst den Wohnwürfel. Drei mal drei mal drei Meter, aus Holz, an einer Seite Glas. Heute verkaufen sie die Würfel sogar. „Ich hatte immer die Idee, dass man diese Unterkünfte in Katastrophenregionen einsetzen könnte. Deswegen haben wir auch ein paar wasserdichte aus glasfaserverstärktem Kunststoff bauen lassen.“ Dit ist Berlin. Man macht Urlaub und tut, irgendwie, noch etwas Gutes.

          Entscheidungen, selbst politische, fallen auch leichter in so einem Vater-Sohn-Kurzurlaub. Ich frage immer gern mein Kind. Es sagt: „Tempelhofer Feld bleibt gefälligst so, wie es ist. Und wir kommen nächste Woche mit Mama und den anderen wieder!“ Er hat zwei Geschwister. Mal sehen, wie eng es im Würfel wird.

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