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Österreich : Haben die uns vergessen?

Blick ins Schneefilmmern: War das erst vor einem Jahr? Oder vor zwei? Drei? Bild: Andreas Lesti

In einer stehengebliebenen Bergbahn, nachts im Schneesturm: So begannen die Winterferien vor einem Jahr. Über ein entrücktes Abenteuer aus einer anderen Zeit.

          4 Min.

          Irgendwie hatten sie es dann tatsächlich noch in diese letzte Gondel des Tages geschafft. Das war um zwanzig vor vier, die Nacht hatte die Dämmerung schon fast vertrieben. Es war kalt, und die Schneeflocken flogen senkrecht durch die Luft. Sie waren erschöpft, die Skistiefelschnallen der Kinder standen noch offen, die Rucksäcke waren eiligst gepackt, und was alles fehlte, würde sich erst oben, auf der Hütte, zeigen. Die Hütte! Darum war es gegangen in diesem Wettlauf im Schneesturm, dass sie es irgendwie noch auf die Hütte schaffen. Sie schauten durch die schneekristallbesetzten Schiebefenster, dunkle Tannen zogen vorbei, Flocken wirbelten wild durcheinander und verschwanden im Schwarz der Nacht. Gedanklich waren sie schon beim Abendessen in der kaminbeheizten Stube. Doch dann: ein Ruckeln, ein Ächzen. Und die Bahn stand. Die Kabine schwankte sanft aus. Keiner sagte etwas, bis eine Kinderstimme die Frage formulierte, die allen durch den Kopf ging: „Haben die uns vergessen?“

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war der 27. Dezember vor genau einem Jahr. Erst? Schon? Damals fuhr man nach den Feiertagen einfach nach Österreich in ein Skigebiet, um auf einer Berghütte mit anderen Menschen ein paar Tage im Schnee zu verbringen. Doch nun, da alles dicht und sogar Tirol unerreichbar weit weg ist, klingt es wie eine Erzählung aus einer anderen Epoche, wie eine Expedition unserer Vorfahren. Und irgendwie war es das ja auch, eine Expedition durch Nacht und Schnee, mit ungewissem Ausgang. Ein bisschen wie in Adalbert Stifters „Bergkristall“, jene Erzählung, in der zwei Kinder an Weihnachten eine Nacht im Schneesturm am Berg überstehen müssen. Aber dann auch wie in diesem Horrorfilm, in dem ein paar junge Menschen im Lift vergessen werden und am Ende mit gebrochenen Beinen im Schnee liegen und von Wölfen gefressen werden. Das waren so die Gedanken in der stehenden Gondel. Sie schwankte im Sturm hin und her. Ein Blick aufs Telefon. Ein Balken, 23 Prozent Akku. Ein Blick nach unten. Definitiv zu hoch zum Springen.

          „Nein, das schafft ihr nicht mehr“

          Etwa drei Stunden zuvor war ihnen auf der Autobahn zum ersten Mal in den Sinn gekommen, dass es knapp werden könnte. Im Stau auf dem Münchner Ring zeigte das Navi plötzlich eine beunruhigende Ankunftszeit an. Aber, nein, das schaffen wir schon. Doch als sie anderthalb Stunden später im strömenden Regen und im Schritttempo über die österreichische Grenze fuhren, da war ihnen dann doch klar, dass sie ein Problem hatten. Der Anruf beim Hüttenwirt war eher ernüchternd: „Nein, das schafft ihr nicht mehr.“ „Nein, zu viel Schnee und viel zu gefährlich.“ „Nein, die Titanic wird sinken.“ Bei diesem Menschenschlag – Hüttenwirte, Bergführer oder Schiffskapitäne – merkt man dann doch schnell, wie ernst er es meint und ob es da noch Verhandlungsspielraum gibt. Gab es nicht.

          Und so begannen sie, nach einer Unterkunft im Tal zu suchen. Da klingelte das Telefon. Es war noch mal der Hüttenwirt. Eine einzige Möglichkeit gäbe es. „Wenn ihr es bis 15.30 Uhr nach Westendorf schafft“, erklärte er, „dann könnt ihr von dort mit der Alpenrosenbahn hinauffahren, dann bis zur Fleidingeralm abfahren, und dort kann ich euch mit meinem Motorschlitten abholen.“ Es ist so: Die Hütte befindet sich auf der Rückseite eines riesigen Berges, von dort muss man nur mit einer Bahn hoch fahren, um sie zu erreichen. Das war ihr Plan. Doch dazu hätten sie eine halbe Stunde lang um den Berg herum fahren müssen. Und diese halbe Stunde hatten sie nicht mehr. „Ihr müsst euch immer links halten, ihr dürft auf der Piste auf keinen Fall falsch abbiegen“, fügte der Hüttenwirt noch hinzu, und es klang wirklich ernst. 15.27 Uhr sagte das Navi zur Ankunftszeit in Westendorf. Sie atmeten tief durch und sagten: „Ja, das sollten wir schaffen.“

          Letzte Bergfahrt: Pötzlich blieb die Gondel stehen und schwankte im Sturm.
          Letzte Bergfahrt: Pötzlich blieb die Gondel stehen und schwankte im Sturm. : Bild: Picture-Alliance

          Von nun an zählte jede Sekunde. Während der Fahrt kramten sie die Taschen aus dem Kofferraum und zogen sich im Auto um, so gut das eben ging. Als draußen der prasselnde Regen zum Schneesturm wurde und die Landschaft plötzlich weiß strahlte, packten sie zwei Rucksäcke mit den nötigsten Dingen und fuhren schließlich auf den fast leeren Parkplatz der Alpenrosenbahn, weil der Skitag für alle anderen nun ja zu Ende war. Sie warfen Ski und Stöcke aus dem Kofferraum, hasteten zum Tickethäuschen und sprangen unter den verwunderten Blicken des Personals um 15.40 Uhr in eine der letzten Kabinen.

          Und nun hingen sie da in der Dunkelheit und überlegten, ob es an der Zeit wäre, einen Notruf abzusetzen. Noch 19 Prozent Akku. Besser jetzt. Da ruckelte und ächzte es, und die Bahn fuhr an, blieb nach wenigen Metern aber wieder stehen. „Die hängen oben nur die Kabinen aus, weil gleich Betriebsschluss ist“, redeten sie sich in einer Mischung aus Verzweiflung und Zuversicht ein. Da fuhr die Bahn wieder an. Und diesmal fuhr sie weiter, bis zur Bergstation.

          „Auf keinen Fall falsch abbiegen!“

          Es war dunkel, als sie oben ausstiegen und die irritierten Männer, die tatsächlich die Kabinen auskoppelten, fragten, was in aller Welt sie jetzt noch hier oben wollten. „Ah, zur Fleidinger, ja dann, also, da hinten müsst ihr runter, aber auf keinen Fall rechts abbiegen!“ Der Schneesturm hatte noch mal zugelegt, und sie konnten nur ein paar Meter weit sehen. Zum Glück strahlten Scheinwerfer und wiesen ihnen den Weg. Die Erwachsenen verkauften den Kindern die Szenerie als „einzigartiges Abenteuer“. Doch die Kinder fragten sich nun doch, ob diese Erwachsenen wissen, was genau sie da eigentlich machen. Sie rutschten gemeinsam durch den Sturm, sich immer links haltend, die mahnende Stimme des Hüttenwirtes im Ohr – „auf keinen Fall falsch abbiegen“. An jeden Wegweiser fuhren sie ganz nahe heran, um auch wirklich keinen Fehler zu machen. Da! „Fleidinger Alm“ stand unter einem Pfeil nach links. Die Piste zweigte hier auf einen dunklen und kaum auszumachenden Ziehweg ab. Sie schoben, zogen und motivierten die Kinder vorsichtig hinüber, dort drüben, seht ihr, das sind die Lichter der Alm. Und so war es auch. Es war die Alm, und da stand wirklich der Hüttenwirt neben seinem Motorschlitten und sagte erleichtert: „Da seid ihr ja!“

          Von nun an war es mehr Ian Fleming als Adalbert Stifter. Der Motorschlitten fräste sich im mittlerweile knietiefen Schnee durch die Nacht. Es war eiskalt, aber das empfand keiner von ihnen so, weil sie nun selbst Hauptdarsteller in diesem James-Bond-Film waren, auf dem Weg zu einer als Skihütte getarnten Kommandozentrale. Und da schälte sie sich aus der Dunkelheit, das Ziel, die Wärme der Stube, mit heißer Schokolade und Kaiserschmarrn. Was für ein Abenteuer war das. War das alles wirklich erst vor einem Jahr? Oder vor zwei? Oder drei? Und wann wird man so etwas wieder erleben?

          Ihre Finger waren noch kalt, als sie durchs Fenster nach draußen schauten: ins Schneeflimmern.

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