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Peru : Das schreckliche Schicksal der Prinzessin Juanita

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Die schönste Symbiose aus Natur und Kultur: Wie eine gigantische Skulptur, geschaffen aus Fels und Erde, wirkt das Colca-Tal in Peru. Bild: Volker Mehnert

Das Colca-Tal im Süden Perus war die Kornkammer des Inka-Imperiums. Es ist eine kunstvoll gestaltete Kulturlandschaft, die über Jahrtausende von den Völkern der Anden geschaffen wurde und bis heute intakt ist.

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          Seine Majestät der Kondor gibt sich die Ehre. Wie bestellt, taucht er gegen neun Uhr morgens auf und beginnt seine famose Flugschau. Mühelos lässt er sich von der Thermik am Rand des Canyons entlangtragen, segelt fast ohne Flügelschlag durch die Luft, sackt dann mutwillig ein paar hundert Meter ab, nur um sich anschließend in noch größere Höhen aufzuschwingen. Lautlos fliegt er nur fünf Meter an der Felsnase vorbei, von der aus die Zuschauer das Spektakel verfolgen. Sie können die drei Meter Flügelspannweite und das schwarze Gefieder mit der markanten weißen Halskrause aus der Nähe bewundern.

          Das Auftauchen des Kondors ist kein Zufall. Hier, in den senkrecht abfallenden Felswänden der zwölfhundert Meter tiefen Colca-Schlucht, hat eine der wenigen verbliebenen Populationen des größten Raubvogels der Erde ihre Nester in den Felshöhlen eingerichtet, und an einem sonnigen Vormittag machen die Könige der andinen Lüfte gern einen Ausflug. Manchmal treffen sich zehn bis fünfzehn von ihnen, um den Aufwind zu genießen, manchmal zeigt sich gar keiner. An diesem Morgen ist es ein einzelner Kondor, der seine aeronautische Darbietung aufs Beste beherrscht. Nach ein paar weiteren Rundflügen freilich verabschiedet er sich in Richtung Hochland oder Küste, um auf Nahrungssuche zu gehen. Dort nimmt das Leben des stolzen Seglers eine banale Wendung, denn entgegen dem südamerikanischen Mythos ist er kein großartiger Jäger, der Lämmer, Kälber oder gar kleine Kinder verschleppt, sondern begnügt sich mit totem Getier. Während er seinen Auftritt beendet, müssen sich die Beobachter mit Falken und Adlern zufriedengeben. Wenn diese Raubvögel hier allein wären, würden sie ebenfalls einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen. Doch neben dem mächtigen Hauptdarsteller sind sie dazu verdammt, Statisten zu bleiben.

          Beinahe die tiefste Schlucht der Erde

          Der Kondor war in der Vorstellung der andinen Völker ein wichtiger Teil ihres spirituellen Weltgebäudes. Die Inkas haben ihn in Machu Picchu sogar aus einem kolossalen Stein herausgemeißelt. Während der Puma das irdische Dasein und die Schlange die Unterwelt repräsentierten, stand der mächtige Vogel als Symbol für Licht und Sonne und galt als Mittler zur himmlischen Sphäre. Im Valle del Colca ist er für die wenigen Besucher, die sich dorthin verirren, die Krönung eines landschaftlichen Sensationsspektakels. Das gigantische Tal zwischen den sieben Vulkanriesen Mismi, Huallca-Huallca, Sabancaya, Ampato, Coropuna, Ajirhua und Luceria, die bis zu sechstausend Meter hoch aufragen, beherbergt eine chaotische Binnenlandschaft, geschaffen von der Auffaltung der Anden, von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Erosion, Schmelzwasser und dem stetigen Nagen des Río Colca. Sanfte Hänge wechseln sich mit Steilwänden ab, riesige Felsvorsprünge sind abgeteilt durch Gesteinsrinnen, es gibt Plateaus und Hügel, Tafelberge, kleine Vulkankegel und tiefe Felsspalten, und immer wieder tauchen im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel der Vulkane auf. Flussabwärts, westlich des Dörfchens Cabanaconde, verengt sich das weite Tal schließlich zu jener Schlucht, in der die Kondore ihr Zuhause haben.

          Der Himmelsherrscher der Anden: Wer einen Kondor zu Gesicht bekommt, verstummt unwillkürlich vor lauter Ehrfurcht.
          Der Himmelsherrscher der Anden: Wer einen Kondor zu Gesicht bekommt, verstummt unwillkürlich vor lauter Ehrfurcht. : Bild: Volker Mehnert

          Auch wenn es in Peru gern behauptet wird - die Colca-Schlucht ist nicht die tiefste der Erde. Misst man von der Spitze des Berges Ajirhua bis zum Talgrund, dann wird tatsächlich der Grand Canyon in Arizona um mehr als zweitausend Meter Tiefe übertroffen. Aber das ist ein wenig gemogelt, weil die eigentliche Colca-Schlucht an einer Abbruchkante beginnt und erst von dort zwölfhundert Meter senkrecht abfällt, während der Grand Canyon bis zu achtzehnhundert Meter tief in sein Hochplateau eingekerbt ist. Lässt man jedoch die Kalkulation mit dem etwas abseits stehenden Gipfel gelten, dann findet man im Himalaya eine Reihe von Tälern, die noch weitaus tiefer unter ihren angrenzenden Berggipfeln enden. Die ganze Rechnerei jedoch ist sowieso müßig, weil das Colca-Tal jenseits aller Größenverhältnisse auf ganz andere Weise spektakulär wirkt: Der Canyon am westlichen Rand des Tals ist zwar ein eindrucksvolles Naturphänomen, aber er bildet lediglich den Abschluss einer grandiosen Kulturlandschaft, die innerhalb von zwei bis drei Jahrtausenden von den Collagua und anderen Völkern der Anden geschaffen und schließlich von den Inkas übernommen, erweitert und perfektioniert wurde.

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