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Im Pitztal : Alles in Zirbe

  • -Aktualisiert am

Greifvögel aus Hartholz: Es gibt nichts, was nicht aus einer Zirbe werden könnte Bild: Elsemaria Maletzke

Die zähe Alpenkiefer dient dem Menschen seit jeher vom Möbelstück bis zum Likör. Ihr Duft stimmt heiter und fördert gesunden Schlaf. Im Pitztal kommt sie in allen Darreichungsformen vor.

          Die Zirbe ist wie eine Tirolerin“, sagt Roswitha Reinstadler, „von außen a bisserl fürchterlich, aber nach innen hin ganz weich.“ Die Zirbe aus der Familie der Kieferngewächse macht auf den ersten Blick in der Tat einen reservierten Eindruck. Sehr bei sich, hält sie das dichte grüne Kleid gerafft, spendet keinen wirtlichen Schatten, und ihr Stamm ist so stark mit Ästen vergattert, dass sich nur ein Kind hindurchzwängen kann, um anschließend mit Harz geteert und immergrünen Nadeln gefedert wieder herauszukriechen.

          Doch wie tirolerisch die Zirbe und wie zirbenhaft die Tirolerin auch sein mögen: Frau Reinstadler aus Jerzens im österreichischen Pitztal gleicht ihr in keiner Weise. Sie ist blond und kein bisschen fürchterlich und trägt nach außen eine weiche aprikosengelbe Jacke, während sie am großen Kessel der Destille mit Trichtern und Flaschen hantiert. Pinus Cembra - im Pitztal Zirm genannt und andernorts in den Alpen auch Zirbelkiefer oder Arve - ist trotz ihres abweisenden Erscheinungsbilds dem Menschen dienstbar, vom Möbelstück übers Brotbrettchen bis zum Likör. Die Reinstadlers etwa pressen sie bis zum letzten Tropfen aus.

          Wenn sie beleidigt ist, macht sie die Poren zu

          Sepp Reinstadler - weißer Kinnbart und Schlapphut auf dem weißen Haar - war siebenundzwanzig Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Jerzens. Vor drei Jahren hat er sich nicht noch einmal zur Wahl gestellt, weil er „etwas Besonderes“ aus dem Zirmbaum machen wollte. In seinem Sägewerk verarbeitet er nicht nur Bretter aus dem Stamm, sondern presst in einer selbst konstruierten Dampfdestille aus Holz und Nadeln auch ein ätherisches Öl zur Aromatherapie gegen Erkältung und anderen Verdruss. Er hat eine grüne Zirbensuppe kreiert - frische Nadeln fein gerebelt zehn Minuten in Salzwasser kochen, pürieren, mit Limone, Honig und Sahne abschmecken -, und er tröpfelt gern ein wenig ätherisches Öl übers Vanilleeis. Der ausgelaugte Mulch aus der Destille taugt noch zum Heizen oder als Belag für Kinderspielplätze und Reitbahnen.

          Im Hofladen bieten die Reinstadlers außerdem Zirbengeist, Zirbenlikör, Zirbenseife, Zirbenbadelotion, mit Zirbenflocken gefüllte Kissen, Gedrechseltes aus Zirbenholz und Dekorrosen aus den langen weißen Hobelspänen an. Das helle glatte Holz ist ein Handschmeichler und riecht frisch, sauber und gesund. Dieser Duft ist das Alleinstellungsmerkmal der Zirbe als Älplerin. Kein Import aus Sibirien oder Kanada kann dagegen anstinken. Da dieses Holz in der Regel in Wärmekammern gelagert wurde, hat es sein Aroma verloren - oder, wie Roswitha Reinstadler sagt: „Wenn die Zirbe zu schnell getrocknet wird, macht sie die Poren zu und ist für immer beleidigt.“

          Neben ihrem leicht kränkbaren Wesen pflegt der Baum eine stilistische Nähe zum Rustikalen und Volkstümlichen, die nördlich der Alpen leicht daneben wirkt. Wegen der vielen Äste ist sein weiches Holz auffallend gefleckt, und weil es leicht zu bearbeiten ist, lädt es zu Schnitzereien ein, die man auch nicht überall ins Regal stellen möchte.

          Im Klammergriff der mächtigen Wurzeln

          Während der letzten Eiszeit ist die Zirbe aus Sibirien in die Alpen eingewandert und geriet dort im Lauf der Jahrhunderte mit Mensch und Vieh in Konflikt. Ihr Platz wurde als Weide gebraucht, und sie musste in Höhen um zweitausend Meter ausweichen, wo sie es bei Frost bis minus vierzig Grad und übelstem Wetter aushält. So auch im Pitztal, das nach Süden vom Inn abzweigt. Über seine anfängliche Weite und baldige Enge präsidieren der Kaunergrat und die Ötztaler Alpen. In den mittleren Lagen stehen kleine alte Heustadel aus dunklem Holz wie aus den Wiesen gewachsen. In den Dörfern sieht hingegen alles neu aus. Was früher bäuerlich breit war mit kleinen Fenstern, Spalierobst an der Mauer und tief übergezogenem Dach, ist nun maßlos, aufgeschossen, kurzbedeckelt, auf gesichtslose Weise funktional und heißt zum Beispiel Mittelstation. Ab Spätsommer werden Wintersportler auf Tirols höchsten Gletscher gefahren, der das Pitztalende wie ein eisiger Stopfen verschließt.

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