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Hotel Chisinau : Unter dem Blümchenplumeau

Das Hotel Chisinau ist das älteste in Moldawiens Hauptstadt. Viel ist seit Errichtung des Gebäudes nicht verändert worden. Bild: Andrea Diener

Schon die Empfangshalle hat den Charme einer russischen U-Bahn-Haltestelle: Im Hotel Chisinau in Moldawiens Hauptstadt ist der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen.

          Es gibt Hotels, die man aus ganzem Herzen empfehlen kann, weil der Aufenthalt so angenehm ist, dass man dieses Erlebnis auch anderen Personen gönnt. Und dann gibt es solche wie das Hotel Chisinau in Moldaus Hauptstadt. Es ist kein schlechtes Hotel, nicht für den Preis von knapp über dreißig Euro pro Nacht, Frühstück inbegriffen, und die Lage am zentralen Constantin-Negruzzi-Boulevard ist auch nicht schlecht. Direkt vor dem Hoteleingang gemahnt auf dem „United Nations Square“, der wirklich nicht so aussieht, eine Figurengruppe an die Befreiung vom Faschismus, das ist ja nie schlecht. Rundherum bröselt der Beton von den Fassaden und vermutlich auch dahinter, wenn man das sehen könnte. Und dann das Hotel, vollverfliest innen und außen, ein Haufen Marmor, ein Haufen Messing, ein Haufen sowjetisch dreinblickender Angestellter.

          Wer wissen möchte, wie die Welt aussähe, wäre der Kalte Krieg nie zu Ende gegangen, der steigt für ein paar Tage hier ab. Schon die Empfangshalle hat den Charme einer russischen U-Bahn-Haltestelle, also marmorn ausgekleidet mit Lüsterlicht. Zwischen dem ledergepolsterten Tresen und dem Schlüsselbrett steht eine einsame, immer ein wenig überforderte Figur, denn die elektronische Datenverarbeitung hat im Hotel Chisinau noch nicht Einzug gehalten. Stattdessen wird jeder Pass kopiert, jedes Formular dreifach gefaltet, alles sorgfältig in dunkelbraunen Kunstledermäppchen verstaut, die hier seit schätzungsweise 1962 ihren Dienst tun. Erst dann bekommt man den Schlüssel ausgehändigt – und wird sich selbst überlassen.

          „Individuell eingerichtet“ nennt man das wohl. Und da ist noch nicht das zahnbelagweiße Bad mit seiner flackernden Neonröhre zu sehen, dessen Armaturen sich nach fünfzehn Minuten Vollaufdrehung auch zu Warmwasser überreden lassen.

          Sehr viel braune Auslegeware

          Gleich neben einer eindrucksvollen Ausstellung aus der Mode gekommener Zimmerpflanzen, die sich daranmachen, das Gebäude zuzuwachsen und damit schon erstaunlich weit gekommen sind, ist der Lift. Es gibt tatsächlich nur einen, und es passen mit gutem Willen gerade einmal vier Leute hinein, aber es ist der zackigste Lift, den ich je gesehen habe, weshalb man nie lange auf ihn wartet. Er ist so alt wie das Hotel, aber die Eisentür rummst zu, sobald man einen der schwarzen Plastikknöpfe gedrückt hat, und schon geht es ohne eine Sekunde Verzögerung nach oben, dann ist man da und sobald man denken kann, „ach, ich bin da“, ist die Eisentür auch schon wieder offen und gibt den Blick frei auf sehr viel braune Auslegeware mit sehr vielen Blumentischchen darauf.

          Falls Sie einen Thriller drehen, der im Kalten Krieg spielt, und noch einen Drehort für die Szene suchen, in der der Agent die Mikrofiches übergibt.

          Die Zimmer sind, nun ja, individuell. Man weiß nie, welches verwaschene Blumenmuster übrig war, um das Bett zu beziehen, welche Möbel gerade irgendwo herumstanden, um in diesem Zimmer zu enden. Meines verfügte außerdem über einen kaputten Kühlschrank und darauf den gigantischsten Weihnachtskaktus, den ich je gesehen habe. Manch einer hatte vermutlich noch Großmütter, deren Nähzimmer so ähnlich aussahen, und wenn da ein Gästebett drinstand, hat man eine ungefähre Vorstellung des Einrichtungsstils. Eine Tagesdecke aus Glanzstoff, ein warmes Plumeau, das Kopfkissen schwer wie ein Medizinball.

          Das Frühstück, die wichtigste Mahlzeit des Tages. Oder gehen Sie einfach ins Café Propaganda, das beste der Stadt, und essen Sie erstmal was Ordentliches.

          Das Frühstück ist ein weiteres Erlebnis. An der Rezeption bekommt man einen laminierten Zettel hingehalten, Menü eins, zwei, drei, dann geht es treppab, dann noch mal treppab, dann kommt der Keller. Eine schwere Holztür, Tonnengewölbe, kein Tageslicht, ein Raum von der Heiterkeit eines Dungeons. Auf halber Strecke lebt ein verwunschener Troll in einer Steinhöhle, der dazu verdammt ist, Tee und Kaffee zu kochen.

          Das Geschirr war auch irgendwo übrig, das Ei ist schön heiß, die Bedienung knallt einem die Cornflakes hin. Wer hier nicht glücklich wird, geht am besten geradewegs zur Bar in der Lobby, wo einem von einer Dame mit rotgefärbtem Haarbusch mit halb mitleidigem, halb gleichgültigem Blick ein Bier über den Tresen geschoben wird. Es zieht ihr wohl, sie trägt eine Pelzweste. Draußen hingegen ist es warm geworden. Ich lasse mit der Drehtür den Kalten Krieg hinter mir und fahre in eine Stadt, die dann doch überraschend freundliche Ecken hat.

          Hotel Chisinau, im Internet unter chisinau-hotel.md. Die Website vermittelt einen ziemlich realistischen Eindruck.

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