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Natur-Oasen in der Hauptstadt : Im grünen Himmel über Paris

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Grüne Oase im grauen Dächermeer: Blick auf Montmartre mit Dachgarten. Bild: Picture-Alliance

Die grauen, verwinkelten Dächer der französischen Hauptstadt sind schon oft besungen worden. Geht es nach der Oberbürgermeisterin, sollen dort künftig auch Tomaten wachsen.

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          Wie durch einen Luftzug aufgewirbelt, fliegen plötzlich achthundert Blätter durch den lichten Raum der Eingangshalle. Es wirkt beinahe so, als hätte man sie alle beim Betreten der Lobby durch das Ingangsetzen der Drehtür in Bewegung versetzt. Doch die sogenannten tanzenden Blätter sind Teil einer Skulptur, die tschechische Glasspezialisten vom Atelier Lasvit fast unsichtbar Blatt für Blatt an durchsichtigen Nylonfäden als Laubkaskade im Raum verankert haben. Diese mundgeblasenen Kristallblätter in der Lobby des Peninsula sollen einen Bezug herstellen zu den vielen Platanenbäumen, die draußen vor dem Palasthotel die Avenue Kléber und die Champs-Elysées säumen.

          Geht es nach einer Initiative der Stadt, will man bis zum Jahr 2020 nicht nur zwanzigtausend neue Bäume und weitere dreißig Hektar öffentlich zugängliche Grünflächen pflanzen, sondern auch einhundert Hektar auf Dächern und an Häuserwänden begrünen. Das Peninsula hat deshalb gleich die Gärtner auf seine riesige Hoteldachterrasse geschickt, schließlich verfügt das Haus auf dem dreistöckigen Dach über viele Steilgiebel, Mansarden, Balkone und Terrassen, die reichlich Platz für Pflanzen bieten. Nicht nur Restaurantbesucher können jetzt hier oben zwischen Buchsbäumen, Oleander, Lavendel und kleinen Rasenflächen flanieren. Die im Dachbereich gelegenen fünf Luxus-Suiten haben nun sogar Privatgärten bekommen. Ausgebucht sind sie regelmäßig zur Fashion Week, denn von hier oben hat man einen gigantischen 360-Grad-Panoramablick über die ganze Stadt mit Eiffelturm, Arc de Triomphe, Montmartre und Sacré-Coeur. Vor dieser Szenerie machen sich spektakuläre Modeaufnahmen quasi wie von selbst.

          Die grandiose Kulisse des Peninsula über den Dächern von Paris faszinierte Besucher bereits 1908. Seinerzeit hieß das Hotel noch Majestic.
          Die grandiose Kulisse des Peninsula über den Dächern von Paris faszinierte Besucher bereits 1908. Seinerzeit hieß das Hotel noch Majestic. : Bild: Margit Kohl

          Die grandiose Kulisse über den Dächern von Paris faszinierte hier oben Besucher bereits 1908. Seinerzeit hieß das Hotel noch Majestic und war schon damals für seine ausgesprochen große Dachterrasse stadtbekannt. Die Besucher kamen aber nicht nur wegen des fantastischen Ausblicks. Verlockend war vor allem die Möglichkeit, hier oben der Geburtsstunde der Fliegerei beizuwohnen. Auf historisch erhaltenen Aufnahmen ist zu sehen, wie elegant gekleidete Pariser auf der Dachterrasse beobachteten, wie Flugpioniere in kleinen Doppeldeckern über die Stadt schwebten. Nichts faszinierte Frankreich seinerzeit mehr als die Fliegerei, schließlich steuerte der Franzose Léon Delagrange bereits 1908 den weltersten Passagierflug, und Louis Blériot überflog ein Jahr später erstmals den Englischen Kanal. In Frankreich ist man überdies bis heute fest davon überzeugt, dass zwei Franzosen auch die ersten Atlantiküberquerer waren. Charles Nungesser und François Coli starteten 1927 nur wenige Tage vor Charles Lindbergh den ersten Nonstopflug von Paris nach New York. Das Dilemma dabei war nur, dass die beiden spurlos verschwanden, kurz bevor sie auf dem nordamerikanischen Kontinent zur Landung ansetzen konnten. Nach ihrem Doppeldecker „L’Oiseau Blanc“ – „Weißer Vogel“ – ist heute das Dachterrassenrestaurant des Peninsula benannt.

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          Die charakteristische graublaue Farbe der Dachlandschaft taucht die Stadt oft in ein sanft-melancholisches Licht, denn die meisten Altbaudächer sind kunstvoll aus Zink und Schiefer gefertigt, während über ihren vielen Gauben, Kuppeln und Vordächern tönerne Schlote auf schmalen Simsen wie kleine Orgelpfeifen in die Höhe ragen. Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud haben den Dächern von Paris schwärmerische Verse gewidmet, in Chansons wurden sie von Edith Piaf oder Maurice Chevalier genauso besungen wie von Künstlern wie Vincent van Gogh oder Gustave Caillebotte gemalt.

          Privatgarten mit Blick auf die Basilika Sacré-Cœur de Montmartre von der Dachterrasse des Hotels Peninsula.
          Privatgarten mit Blick auf die Basilika Sacré-Cœur de Montmartre von der Dachterrasse des Hotels Peninsula. : Bild: Margit Kohl

          Wenn es nach dem Willen von Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo geht, soll es Besuchern künftig leichter gemacht werden, einen Blick auf Paris von oben zu werfen, denn von Seiten der Stadt will man die beeindruckende Dachlandschaft besser öffentlich zugänglich machen. Geplant sind zusätzliche Aussichtsterrassen, Dachcafés und Terrassenrestaurants, die sich auch Normalsterbliche leisten können, sowie der ein oder andere Obst- und Gemüsegarten. Schließlich will Paris ja grüner werden, denn wie viele andere Metropolen dieser Welt kämpft auch Frankreichs Hauptstadt mit steigender Luftverschmutzung. Und schon lange warnte Oberbürgermeisterin Hidalgo: „Wenn wir nichts tun, dann wird man in Paris bald nicht mehr atmen können.“ Flächenmäßig ist Paris zwar die kleinste der europäischen Hauptstädte, aber zugleich eine der dichtbesiedeltsten. Im Stadtgebiet leben 2,3 und in der Metropolregion gar mehr als zwölf Millionen Menschen.

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