https://www.faz.net/-gxh-9c2t8

Nachtzüge in Deutschland : Im fahrenden Bett

  • -Aktualisiert am

Dank der Österreichischen Bundesbahn rollen auch auf Schienen in Deutschland Nachtzüge. Bild: obs/ÖBB - Österreichische Bundesbahn

Einige Nachtzüge fahren wieder durch Deutschland. Für Familien könnten sie das perfekte Reisen sein. Sie sind es bislang aber nur fast.

          2 Min.

          Fliegt eine fünfköpfige Familie von Berlin nach Zürich, wird dabei mehr als eine Tonne Kohlendioxid ausgestoßen. Bei einer Bahnfahrt auf derselben Strecke ist es weniger als ein Fünftel davon. Rechnet man das Gleiche noch einmal für den Energieverbrauch durch, kommt man bei der Bahn auf etwa ein Zehntel dessen, was der Flug verbraucht.

          Zugegeben, es gibt mehr als nur ökologische Kriterien bei der Planung einer Reise – aber gerade mit Kindern möchte man Vorbild sein und nachhaltiger denken. Außerdem, wer einmal mit seinen Kindern am Flughafen Schönefeld in den engen, stickigen Gängen auf einen der verspäteten Jets gewartet hat, weiß, was Stress ist. Könnte der Nachtzug nicht die perfekte Lösung sein? Man fährt zum Bahnhof, steigt ein und reist im Schlaf nach Süden.

          Entsprechend groß war das Entsetzen, als die Deutsche Bahn im Jahr 2016 einfach alle ihre Nachtzüge einstellte. Sie sprach nicht nur ihrem eigenen Klimaanspruch Hohn, sie kappte auch eine schöne Tradition – Schlafwagen gibt es seit Bismarcks Zeiten. Inzwischen haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) übernommen, einige Nachtzüge rollen wieder. Der „Nightjet“ fährt von Berlin über Freiburg in die Schweiz, und von Hamburg nach Innsbruck oder Wien. Die Züge fahren jeweils gegen neun Uhr abends los.

          Und sofort wird herumgeturnt

          Das ist schon das erste Abenteuer: Die Kinder dürfen lange aufbleiben. Sie müssen sogar. Die Familie macht sich also auf zum Hauptbahnhof. Mit drei Kindern und Gepäck für zwei Wochen Urlaub wünscht man sich bald doch ein klein wenig, es hätte direkt vor der Haustür einen Kofferraum gegeben, der einfach nur beladen werden muss. Das Abteil, dessen Nummer auf der Reservierung steht, gibt es nicht. Aber das österreichische Personal ist gelassen bis unterkühlt: „Das ist jetzt einen Wagen weiter, nehmen’s den einfach.“ Also alle raus, alle wieder rein, immerhin, man ist da.

          Es gibt elegante Einer- und Zweierabteile mit eigenem Bad und Sitzecke für das Frühstück. Aber Familien müssen die guten alten Sechserabteile nehmen, die man schon von der Deutschen Bahn kannte. Wir klappen alle sechs Pritschen aus (weil ein Familienmitglied sich im Vorschulalter befindet und müde ist), und dann wird das Abteil so eng wie ein U-Boot. Die schmale Leiter, die zu den oberen Liegen führt, nutzen die Größeren sofort zum Herumturnen. Schnell noch ein Kinderbuch vorlesen: Das hervorragend geeignete „Mein Haus ist zu eng und zu klein“ von Axel Scheffler und Julia Donaldson.

          Im Jahr 2020 gibt es neue Hoffnung

          In gebückter Haltung – aufrecht ist nicht möglich – versuchen die Eltern noch zusammenzusitzen für ein Gespräch. Nicht sehr praktikabel. Leider gibt es draußen auch keinen Bereich, in dem man sich noch aufhalten könnte. Kein Zug brauchte ein Bistro so dringend wie der Nachtzug – es gibt aber keins. Allerdings setzen sich unsere Betten nun gemächlich in Bewegung, es geht über Magdeburg, Göttingen, Frankfurt in Richtung Freiburg, Basel und dann Zürich. Die ganze Fahrt dauert zwölf Stunden, wir stehen unterwegs immer wieder lange. Jetzt aber ruckelt es also, und das wiegt die Kinder irgendwann doch in den Schlaf.

          Die Pritsche ist hart und knapp kürzer als ein normalgroßer Mann, die Lüftung laut. Und nicht justierbar. Eisig weht der Hauch dem Schlafenden ins Gesicht. Ach, an Schlaf ist kaum zu denken. Nur die Kinder träumen süß.

          Sonnenaufgang. In einem anderen Land. Die Erwachsenen wachen gerädert auf. Gut, dass jetzt Urlaub anfängt. Doch dann öffnet ein Sohn die Augen, springt auf und ruft: „Das war das beste Reisen, das es gibt! Ein fahrendes Bett! Ich will jetzt immer nur noch Nachtzug fahren!“

          Im Jahr 2020 führen die ÖBB neue Liegewagen ein, auch eine Vier-Bett-Variante, alles im neuen Design. Einen Prototypen gibt es schon, er sieht elegant grau aus, ist praktischer eingerichtet und in der ersten Klasse geradezu schön. Man wird dem Nachtzug dann wieder eine Chance geben müssen. Vielleicht, wenn eines der Kinder auf Klassenfahrt ist – zu fünft ist es einfach zu eng und zu klein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Keine Vorverurteilungen: Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

          Kirche und Missbrauch : Wenn Bischöfe herumdrucksen

          Welche Unbedachtheiten ist man bereit in Kauf zu nehmen, solange es gegen den Kölner Kardinal Woelki geht? Sein Amtsbruder Bätzing hält nichts davon, Woelki als Blitzableiter zu benutzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.