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Auf Halde

Text von OLAF TARMAS
Fotos von ENNO KAPITZA

4. Mai 2021 · Louvre-Außenstelle, Welterbe und ökologisches Engagement: Aus einer Bergbaustadt wird eine Kulturlandschaft. Zu Besuch im „Bassin Minier“ rund um die Stadt Lens.

Auf den letzten Metern wird es sogar richtig steil: Der Gipfel will doch noch erklommen und nicht nur erwandert werden. Als wir aus dem Windschatten treten, fangen auch die Haare und Hosenbeine an zu flattern, als hätte sich der Berg auf den letzten Metern entschieden, uns ein bisschen Naturgewalt zu bieten. Das gilt auch für den Blick, der sich eröffnet, als wir auf die Kuppe treten: ein weiter Himmel, dazu gewaltige Wolkenschiffe, weißgrau, durchbrochen von schrägen Lichtbalken, bis an den Horizont. Denn so weit kann man blicken von hier oben, der mit 185 Metern höchsten Erhebung weit und breit, vom Gipfel des „Terril 11-19“.

Doch es ist eben kein Werk der Natur, das wir soeben bezwungen haben, sondern ein Haufen, den die Menschheit in der Szenerie hinterlassen hat. Eine Abraumhalde, eine von über 300, die das „Bassin Minier“, den französischen Kohlenpott, in eine bizarre Sekundärlandschaft verwandelt haben: eine weite Ebene, aus der hie und da düstere Kegel und Pyramiden ragen.

Diese Pyramiden wurden von französischen und polnischen Bergarbeitern geschaffen.
Diese Pyramiden wurden von französischen und polnischen Bergarbeitern geschaffen.

Über fast 200 Jahre wurde in der Region um die Stadt Lens Kohle abgebaut. Bis in eine Tiefe von 1400 Metern ist das Terrain durchzogen von Schächten und Minengängen. Das Material, das bei der Förderung nicht verwertbar war – der „Abraum“ –, wanderte von den Gruben auf die Halden, die im Laufe der Zeit immer höher wuchsen. Mit dem Ende des Kohlebergbaus ab den 1970er Jahren gerieten die riesigen Berge aus Geröll, Schutt und Schlacke sozusagen in voller Sicht in Vergessenheit.

Und mit ihnen, so schien es, auch die ganze Region samt ihren Einwohnern. Erst vor zehn Jahren setzte allmählich ein Wandel ein. Er begann 2012 mit der Eintragung des Kohlereviers als Unesco-Welterbe, gefolgt von der Eröffnung des Louvre Lens im selben Jahr: das erste Louvre-Museum außerhalb von Paris, ausgerechnet in einer Region, die bis dahin als kulturelles Niemandsland angesehen wurde. Schließlich begann man sich zu fragen, was man eigentlich mit diesen riesigen Haufen anfangen sollte, die unübersehbar, aber stets übersehen, das Landschaftsbild bestimmen.

Die kucken alle in der Röhre: Mit dem Bau des Architekturbüros Sanaa zeigt der Louvre Paris seine Kunstschätze nun auch im Norden des Landes.
Die kucken alle in der Röhre: Mit dem Bau des Architekturbüros Sanaa zeigt der Louvre Paris seine Kunstschätze nun auch im Norden des Landes.

Aus der Ferne nehmen sie sich wunderlich aus: riesige, dunkle Präsenzen, die aus dem flämischen Flachland ragen, vulkanartige Kegel aus Asche, Schlacke und Geröll, besetzt mit zartem, grünem Flaum. Beim Näherkommen löst sich dieser erhabene Eindruck allmählich auf – bis man schließlich am Fuße eines öden Geröllhaufens steht, einer Art vertikalen Brache, deren Gestrüppbewuchs nur noch zur Trostlosigkeit beiträgt. Ernüchtert stapfen wir an diesem Morgen zunächst über aschene Spazierwege, das Grau des Himmels passt perfekt. Nur Nieselregen könnte das Ganze noch steigern – und tatsächlich wehen schon bald die ersten Tropfen heran. Das hat seine ganz spezielle Stimmigkeit – ein Schuss an Tristesse gehört nun einmal dazu, wenn man sich für Kohlenpötte interessiert, sei es Duisburg, Kattowitz oder Lens.

Kein Werk der Natur und doch eine herrliche Gegend, um aufzusteigen: Der Terril 11-19 ist die höchste Erhebung der Gegend
Kein Werk der Natur und doch eine herrliche Gegend, um aufzusteigen: Der Terril 11-19 ist die höchste Erhebung der Gegend

Es braucht eine gute Führerin wie Cécile Touquet, um die Augen aufzuschließen für die Reize des Unscheinbaren. Die 38-jährige Botanikerin kennt sich nicht nur mit dem Pionierbewuchs der Halden aus, sondern ist selber familiär tief verwurzelt in der Region. Ihr Großvater war Minenarbeiter, wohnte in einer der klassischen Backstein-Reihenhaussiedlungen, die sich um die Halden herumgruppieren, mit einer ganz typischen Skyline: „Kirchturm und Förderturm, immer auf gleicher Höhe.“ Die Kirche in Loos-en-Gohelle, der Gemeinde, aus der Touquets Familie stammt, weist eine Besonderheit auf: Ihr Dach spiegelt in der Sonne, weil es mit Solarpaneelen gedeckt ist – das Werk eines grünen Bürgermeisters, der dort seit fast zwanzig Jahren im Amt ist und die einst marode Stadt mit viel Bürgerbeteiligung zu einer Öko-Vorzeigegemeinde entwickelt hat. In einer Region, die mehrheitlich dem Front National zugeneigt ist, eine bemerkenswerte Ausnahme.

Eine klassische Backstein-Reihenhaussiedlungen in Lens
Eine klassische Backstein-Reihenhaussiedlungen in Lens

Ganz in ihrem Element ist Touquet, wenn Botanik und Sozialgeschichte verschmelzen – wie bei den Kirschbäumen, an denen wir am Fuße des „Terril 11-19“ vorbeispazieren. „Es ist kein Zufall, dass sie hier wild wachsen“, erzählt sie. „In der Generation meines Großvaters haben die Bergarbeiter während ihrer langen Schichten unter Tage viel Obst zu essen bekommen. Die Überreste gelangten mit dem restlichen Abraum auf die Halden, wo sie austrieben. Auch Apfel-, Birnen- und Feigenbäume haben sich so hier angesiedelt.“ Poetischer kann’s kaum werden im Pott, als wenn im Frühjahr Kirschblüten an die Vorfahren erinnern, die unter Tage geschuftet haben. Auf einmal betrachtet man auch die anderen Pflänzchen mit mehr Respekt. Touquet weist auf lila Natternkopf und gelben Mohn hin, es findet sich Mini-Rucola, daneben tatsächlich Feigen, Birnen, Äpfel. Die Halde wirkt nun eher wie ein riesiger Freilandversuch, bei dem die Besiedlung eines fremden Planeten mit Leben erprobt wird.

Cécile Touquet erwähnt Füchse, Kröten und Schlangen, die wir aber nicht zu Gesicht bekommen. Dafür einige Exemplare der Gattung Mensch samt Hund, die sich in das Neuland vorwagen: Einen älteren Mann, der von seinem Terrier quer über den Hang gezerrt wird, und knapp unterhalb des Gipfels treffen wir ein junges Paar, das sich mit Geländeläufen fit hält, immer hin und her zwischen zwei Halden. Sie arbeiten in Lens, stammen aber aus der Schweiz und „finden sonst in Flandern nichts Vertikales“, wie sie sagen.

Was von der Mittagspause der Bergarbeiter übrigblieb: Kirschbäume und andere Obstsorten wachsen ganz von selbst auf dem Abraum.
Was von der Mittagspause der Bergarbeiter übrigblieb: Kirschbäume und andere Obstsorten wachsen ganz von selbst auf dem Abraum.

Vor drei Jahren hätten wir sogar auf den Präsidenten der Republik treffen können: Emmanuel Macron erklomm die Halde im November 2018, um seinen Respekt vor der Leistung der Bergarbeiter kundzutun – und vom Gipfel aus über die Perspektiven zu referieren, die sich für die Region auftäten. Für uns bestehen diese an diesem Morgen vor allem aus der Aussicht auf die anderen Halden, die sich ringsum auftun – mit einer erstaunlichen Formenvielfalt, auf die uns Touquet hinweist: Da gibt es Pyramiden wie den 11-19, aufgeschichtet von einer Seilbahn, die einst bis zum Gipfel führte und dort ihre Gerölllast abwarf. Dann Kegel, mit einem leichten Knick, auf die früher Loren fuhren, deren steile Gleisbetten und Bahnschwellen heute beliebte, aber nicht ganz ungefährliche Aufstiegswege sind. Und schließlich Schnecken, deren Material von Lkw herantransportiert wurde, die sich spiralförmige Pisten heraufwanden.

Auch verschiedene Farben gibt es: Schwarz bei den Halden, auf denen der Abraum unverändert blieb; Rot bei den Halden, auf denen der Abraum abgefackelt wurde. Der schieferhaltige Schutt verfärbte sich dann und wurde bröselig-pulvrig.

Eine Landschaft, die auch zur sportlichen Ertüchtigung auffordern kann.
Eine Landschaft, die auch zur sportlichen Ertüchtigung auffordern kann.

Den Franzosen ist der Farbton wohlvertraut – viele Parks und Schotterwege wurden mit dem so entstandenen Sand planiert. „Und natürlich Roland Garros“, fügt Touquet hinzu – die Tennisplätze der French Open. Vor allem aber konnte das Material zu Backstein weiterverarbeitet werden, der beim Bau der Arbeitersiedlungen Verwendung fand. Bis heute prägt er das Bild der langen Reihenhausreihen in Lens und den kleinen Nachbargemeinden wie Loos-en-Gohelle.

So unterschiedlich wie ihre Formen sind auch die Anschlussverwendungen, die die Halden in den vergangenen Jahren fanden: der 11-19, aufgeschichtet in der letzten Phase des Bergbaus zwischen 1961 und 1986, ist zweifellos der Star – die Wanderhalde. Der gegenüberliegende Berg ist so steil, dass er nur mit besonderer Lizenz bestiegen werden darf, ein anderer dient Crossfahrern als Abenteuergelände, der Terril 94/94a ist mit Geräten und grob behauenen Baumstämmen zu einer Art Outdoor-Fitness-Park umgestaltet, dem „Arena Terril Trail“ . Rund um den Terril in Nœux-les-Mines ist gar ein ganzer postindustrieller Freizeitpark entstanden: Man kann dort Ski fahren, skaten und im Baggersee Wasserski fahren.

Die weiteren Pläne sind ehrgeizig: Für die gesamte Region soll an rund fünfzig Standorten ein Netzwerk aus Wasser-, Wander- und Radwegen entstehen, die „Chaîne des Parcs“. Hundert der geplanten 420 Kilometer Radweg sollen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Rund um den Terril Noeux-les-Mines ist ein postindustrieller Freizeitpark entstanden.
Rund um den Terril Noeux-les-Mines ist ein postindustrieller Freizeitpark entstanden.

Wie unterschiedlich die Atmosphäre auf den Halden sein kann, zeigt sich beim Besuch des Terril d’Haillicourt am nächsten Tag: Die Wolken vom Vortag haben sich verzogen, am Hang duftet es nach Kräutern und Gras, üppiges Grün umfängt uns. Der Terril d’Haillicourt ist eine Wein-Halde: 3000 Rebstöcke einer widerstandsfähigen Chardonnay-Traube machen den steilen Südhang des Terril zu Frankreichs nördlichstem Weinberg.

„Schon unsere erste Ernte 2014 war ein voller Erfolg“, erzählt der Winzer Johann Cordonnier stolz, während er uns durch die Rebenreihen auf einer Höhe zwischen 110 und 160 Metern führt. Bis zu tausend Flaschen seines Weißweins kann Cordonnier pro Jahr abfüllen – „Charbonnay“ hat er ihn getauft, ein Wortspiel aus „Charbon“ (Kohle) und „Chardonnay“. Der dunkle Schieferboden sei zwar nicht unbedingt nährstoffreich, erläutert er, aber er speichere die Wärme gut – sowohl die, die von der Sonne kommt, als auch die, die aus der Tiefe aufsteigt: Chemische Reaktionen in den Halden sorgen dafür, dass die Bodentemperatur auf ihnen immer etwas höher ist als in der Umgebung. Eine Etage höher, in der Gipfelregion des Terril, erwartet ein weiteres kulinarisches Idyll die Besucher: 18 Alpenziegen halten dort das Gestrüpp kurz und sorgen nebenbei mit ihrer Milch für schmackhaften Käse.

Es ist angerichtet: Die Küche der Gegend ist auch von den polnischen Bergarbeitern geprägt, die nicht nur Kohlrouladen mitgebracht haben.

Kulinarisch landet man im Bassin Minier sonst schnell mal bei polnischen Kohlrouladen, Bier und Wodka – ein Erbe der polnischen Minenarbeiter. Ähnlich wie im Ruhrgebiet pflegten sie sprachlich und kulturell ihre Verbindung zur alten Heimat. Im Restaurant „Comme Chez Babcia“ posiert der Inhaber Vincent Vignacourt stolz vor einer Fotowand, die Porträts polnischer Großmütter zeigt – die erste Stammkundschaft seines Lokals, die einen erheblichen Teil der polnischen Rezepte beisteuerte. „Polen im Land der Sch’tis – das sind die Sch’tis-kys“, zitiert Vignacourt ein allgegenwärtiges Bonmot.

Und abseits der Terrils? Gibt es in der Region ebenfalls einiges zum Thema „Bergbau“ zu sehen, angefangen vom hübsch-kuriosen Art-déco-Bahnhof von Lens, dessen Silhouette an die Konturen einer Dampflok erinnern soll, über das bereits 1984 eröffnete Bergbau-Museum „Centre Historique Minier“ bis zu historischen Bergarbeiter-Siedlungen. Vor allem aber hat der Louvre Lens den Besuchswert der Region gesteigert: Außen unauffällig, innen spektakulär, schmiegt sich der langgestreckte, silbrig schimmernde Bau zwischen alten Bahntrassen und dem Fußballstadion in eine parkartig umgestaltete Haldenlandschaft. Einige Ausstellungen, wie die großartige, leider ausgelaufene „Soleils Noirs/Black Suns“, thematisieren den Bergbau ganz direkt. Andere widmen sich, quasi als Kontrastprogramm, Themen wie der Geschichte bürgerlicher Tischsitten in Frankreich. Gemeinsam sind allen die zugänglichen Themen und die Verankerung der Sujets im Lebensalltag. Für die vermeintliche „Provinz“ musste sich die alte Pariser Kulturinstitution durchaus neue, zeitgemäße Formen der Präsentation einfallen lassen. Auch das spricht Bände über die Kraft, die von der Bergbauregion „Bassin Minier“ ausgeht.

 


Der Weg nach Lens

Aktuelle Bestimmungen
Noch sind touristische Reisen nach Frankreich nicht möglich, das Auswärtige Amt warnt und ändert dies, sobald die Lage das zulässt: auswaertiges-amt.de

Anreise
Mit dem Zug zum schönen Bahnhof von Lens über Brüssel und Lille. (de.oui.sncf)

F.A.S.-Grafik: sie.

Übernachten
Die Adresse der Region: Hotel Louvre Lens. Vier Sterne in einem ganzen Straßenzug der ehemaligen Bergarbeiter-Siedlung Cité 9, direkt gegenüber dem Museum Louvre Lens. Derzeit geöffnet, Doppelzimmer ab 95 Euro, hotel-louvre-lens.com.

Restaurants dürfen vermutlich im Juli wieder öffnen. Beste polnische Sch’tis-kys-Küche, folkloristisches Ambiente: Comme Chez Babcia, commechezbabcia.eatbu.com.

Elegant und modern, mit kulinarischen Terrils auf dem Teller: L’Atelier de Marc Meurin, gegenüber vom Louvre, atelierdemarcmeurin.fr/

Museen
Weltklasse in der Provinz: Das Musée Louvre Lens öffnet ­vermutlich Mitte Mai wieder: www.louvrelens.fr. Arbeiterklasse unter Tage: Bergwerk-Museum Nord-Pas-de-Calais, derzeit ebenfalls noch geschlossen: www.chm- lewarde.com

Weitere Informationen
Beschreibung von 100 Sehenswürdigkeiten des Unesco-Welterbes Bassin Minier: www.bassinminier-patrimoinemondial.org.

 Allgemeine Informationen zur Region unter tourisme-lenslievin.fr


Rübenzucker Der den Rüben Zucker gab
Brasilien Land der Indigenen

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 04.05.2021 16:13 Uhr