Die Straße ins Anaga-Gebirge ist eine Straße in die Wolken, mit jeder Serpentine sinkt die Temperatur. Farne und hellgrüne Sukkulenten, rund wie Teller, wachsen auf Felsen, dünnstämmige Baumheide zittert im Wind. Wolken fegen über sie hinweg wie quellender Rauch, der sich in Wirbeln über der Straße verliert. Dann setzt dichter Regen ein, der fast waagerecht zu fallen scheint.
© Mirco Lomoth
Auf lehmigen Pfaden
Von MIRCO LOMOTH26.11.2016 · Das Anaga-Gebirge ist die ursprünglichste und regenreichste Gegend Teneriffas. Seit kurzem ist es ein Biosphärenreservat der Unesco. Eine Wanderung.
Am Morgen bin ich noch durch eine vertrocknete, wüstenähnliche Landschaft im Süden Teneriffas gefahren. Jetzt wuchert zu allen Seiten üppige Vegetation. Das Anaga-Gebirge im Nordosten der Insel ist eine grüne und abgelegene Bergwelt, in der kaum Menschen leben und die nur von wenigen der Millionen Touristen besucht wird, die jedes Jahr auf Teneriffa Urlaub machen. Auch ich habe diesen Teil der Insel bisher ignoriert, meine Urlaube immer an der Nordküste zwischen Buenavista del Norte und La Orotava verbracht. Nur einmal haben wir einen Abstecher ins Anaga-Gebirge gemacht, es war eine lange Fahrt durch Nebel und Regen, bei der wir das Auto nicht verlassen haben. Jetzt will ich dem Gebirge eine zweite Chance geben. Vor einem Jahr wurde es zum Unesco-Biosphärenreservat erklärt. Vielleicht lohnt es sich doch, die Regenjacke anzuziehen und es näher zu erkunden.
Mein erster Halt ist ein matschiger Parkplatz. Auf einem Lehmpfad laufe ich in den Wald, in einen dichten Wirrwarr dünner Stämme, die wie Korkenzieher gewunden sind, wulstig verwachsen und mit Flechten und Moosen überzogen. Überall tropft Wasser von Blättern und Nadeln, prasselt auf den Blätterboden. Es ist feucht und kalt. Aber die Vögel zwitschern, als wäre heute ein sonniger Tag.
© Mirco Lomoth Nebel prägt das Anaga-Gebirge im Nordosten Teneriffas.
Das feuchte Klima des Anaga-Gebirges kann ein Segen sein. Wenn unten an der Küste die Sonne unerbittlich brennt, findet man hier oben oft eine willkommene Abkühlung. Passatwinde treiben unablässig kühle Wolken vom Atlantik heran, die an den Nordhängen anbranden und sich selbst im Sommer oft wie eine Glocke über das Gebirge wölben. So konnte ein immergrünes Ökosystem entstehen, der subtropische Lorbeerwald, dessen tausendblättrige Bäume die Feuchtigkeit aus den Wolken herauskämmen.
Am Aussichtspunkt El Bailadero auf knapp 700 Metern stiebt der Nebel fast senkrecht aus einem konturlosen Wolkental herauf. Nur für einen kurzen Moment erscheinen tief unten die Umrisse von Häusern inmitten grüner Hügel, dahinter das blasse Abbild des Meeres mit erstarrten Gischtkronen. Dann verschwindet alles wieder im grauen Nichts. Ich folge der gewundenen Straße weiter ins Gebirge hinein, bis zu dem Dorf Chamorga, wo sie endet. Dort steht eine einsame weiße Kapelle zwischen Drachenbäumen. Manche der Häuser sind mit dem Fels verwachsen, doch alle Türen sind verschlossen, Menschen sind keine zu sehen. Ich bin allein mit dem Nebel.
© Mirco Lomoth Kapelle in Chamorga
Am nächsten Morgen hängen die Wolken erfreulich höher. Wanderführer Cao Sánchez holt mich an der „Albergue Montes de Anaga“ ab, einer einfachen staatlichen Unterkunft für Wanderer. Er ist ein energiegeladener Mann mit krausem ergrauendem Haar, der schon als Kind mit dem Großvater durch diese Berge gezogen ist. Heute begleitet er Wandergruppen hierher. An diesem Tag ist eine Frau aus Madrid dabei und ein Ehepaar aus München von einem Kreuzfahrtschiff. Wir wollen zu dem Dorf Taborno wandern. Über alte Lehmstufen laufen wir unter Baumheide und Lorbeerbäumen hindurch, vorbei an Farnen, gigantischem Löwenzahn und Stechpalmen mit warnend roten Früchten. Cao Sánchez zeigt uns Johanniskraut, das gegen Depressionen wirkt, kanarische Glockenblumen und Fingerhut und erklärt, dass wir uns im Anaga-Gebirge auf einem der ältesten Teile Teneriffas bewegen. Vor etwa acht Millionen Jahren erhoben sich hier die ersten Vulkane aus dem Meer, lange bevor Teneriffas mächtiger Hauptvulkan entstand, der Teide, der mit 3718 Metern der höchste Berg Spaniens ist.
© picture alliance Blick auf das Anaga-Gebirge, im Hintergrund schneebedeckt der Berg Teide
Bald tauchen die Häuser von Taborno auf, bunte Würfel auf einem Bergrücken, der zu beiden Seiten steil und faltig zum Meer abfällt. Auf Terrassenfeldern wachsen junge Kartoffelpflanzen, neben den Häusern stehen massige Drachenbäume. Menschen sind auch hier kaum zu sehen. Wie viele der abgelegenen Bergdörfer im Anaga-Gebirge ist Taborno von Armut und Abwanderung betroffen. „Früher haben die Bauern hier bis tief in die Schluchten hinein Wein angebaut und Flachs für Leinen, aber das ist vielen zu mühsam geworden und bringt nicht mehr genügend ein“, sagt Sánchez. „Heute wandert man hier oft ganz für sich allein.“
Sánchez’ Agentur Anaga Experience will die schwache Wirtschaft der Region unterstützen: Um die 30 Prozent der Einnahmen der Wandertouren gehen an Leute vor Ort, vor allem durch Besuche von Dorfgasthäusern und die Degustation traditioneller Produkte wie Ziegenkäse, Kartoffeln mit Mojo-Soße, Wein oder Gofio – das typische kanarische Mehl aus geröstetem Getreide. Jetzt, wo das Gebirge zum Biosphärenreservat erklärt wurde, will die Agentur sogar ein Büro in Taborno eröffnen, um von hier aus kurze Wanderungen anzubieten. „Anaga hat viel Potential, aber es ist bisher touristisch kaum erschlossen, wir hoffen, dass sich durch den Titel der Unesco mehr Wanderer für die Gegend interessieren werden.“
© Mirco Lomoth An den steilen Hängen helfen Wanderstöcke.
Am Weg zur Felsnadel von Taborno hat Don Hilario seinen Ziegenhof, ein kräftiger Mann, der uns durch das offenstehende Zauntor bittet. Seine schwarzen Ziegen liegen zwischen Kakteen. Nachts laufen sie frei in den Schluchten herum, morgens kommen sie unaufgefordert zurück. Jetzt am Vormittag melkt Don Hilario sie. Er massiert ihre Zitzen und reicht uns ein Glas lauwarme, schaumige Milch, die köstlich schmeckt. „Ich mache frischen Käse daraus, den ich zu jeder Mahlzeit esse“, sagt Don Hilario. Er holt einen etwa drei Meter langen Stab mit eiserner Spitze aus dem Ziegenstall. „Damit ist mein Vater früher mit seinen Tieren durch die Berge gelaufen, in dem steilen Gelände hilft der Stab sehr, um voranzukommen“, sagt er. „Man sticht ihn vor sich in die Erde und rutscht an ihm herab.“
Schon die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, nutzten solche Stöcke. „Sie haben hier überall gelebt, in den Schluchten gibt es unzählige Höhlen, in denen Knochen lagen“, erzählt Don Hilario. Die Urkanarier wanderten vor etwa 2500 Jahren aus Nordafrika ein. Vermutlich sprachen sie eine Berbersprache, die heute noch in Ortsnamen wie Taborno oder Anaga erhalten ist, brachten Ziegen und Hunde mit und beteten zu Naturgottheiten – so lange, bis die spanischen Eroberer kamen. Die letzten Guanchenanführer ergaben sich 1496. Kaum irgendwo auf Teneriffa fühlt man sich ihrer Kultur so nah wie im Anaga-Gebirge, wo sich vermutlich noch nach der Conquista viele Guanchenrebellen versteckt hielten.
© Mirco Lomoth Zwanzig Kilometer Wanderweg, zwanzig Meter Sicht
Nur wenige leben hier oben noch wie Don Hilario von dem, was sie züchten oder anbauen. Der Aktionsplan für das Biosphärenreservat sieht neben dem Naturschutz zwar eine Unterstützung für traditionell wirtschaftende Landwirte vor. Doch Don Hilario setzt nicht darauf. „Ob Biosphärenreservat oder nicht, bei uns kommt eh nichts an, das war schon immer so“, sagt er und schaut sehr ernst. Dann holt er die nächste Ziege zum Melkstand, die bereits vor der Tür wartet. Wir machen uns auf den Rückweg. Weit unten am Meer, wo die Wellen des Atlantiks gegen die steile Küste brechen, leuchten für einen Augenblick die spitzen Felsen von Anaga im Sonnenlicht auf.
In der „Albergue“ serviert der Wirt am Abend dampfenden puchero, einen kanarischen Eintopf mit Hühnchen, Kichererbsen, Kürbis, grünen Bohnen, Mais und kanarischen Kartoffeln – passend zum Wetter. Vor den breiten Panoramafenstern peitscht der Wind durch Baumkronen, löst sich das Grau der Wolken allmählich in Dunkelheit auf. Gerade diese Rauhheit ist es, die das Anaga-Gebirge zu dem macht, was es ist: die ursprünglichste Gegend Teneriffas. Ich werde wiederkommen, um sie weiter zu erkunden, auch mit Regenjacke.
© F.A.Z.-Karte sie.
Am nächsten Tag starten wir an einem Friedhof nahe des Dörfchens Chamorga, um zum Meer abzusteigen. Aus dem Lorbeerwald treten wir hinaus auf einen offenen Bergrücken, auf dem Agaven mit meterhohen Blütenständen wachsen, Lavendelbüsche, Feigenkakteen und ganze Wälder orgelpfeifenförmiger Sukkulenten. Mit jeder Wegbiegung wird es wärmer. An einem Bachlauf steht dichter Klee, Schmetterlinge flattern zwischen weißen, gelben und violetten Blüten umher. Bald erreichen wir das Meer, eine einsame Bucht mit schwarzen Vulkansteinen und schwarzem Sand, die vor einer Steilwand endet. Wir legen uns in die Sonne und schauen zurück. Oben, über den Höhen des Gebirges, hängen bereits wieder dunkle, verlockende Wolken.
Der Weg ins Anaga-Gebirge
Hinkommen: Viele Fluggesellschaften bieten günstige Flüge an, etwa Air Berlin, Easyjet, Iberia, German Wings, Norwegian oder Ryan Air.
Unterkommen: Die öffentliche Herberge „Montes de Anaga“ ist eine von wenigen Übernachtungsmöglichkeiten im Anaga-Gebirge, geheizte Doppel- und Mehrbettzimmer für 15 Euro pro Person, www.alberguestenerife.net. In der Altstadt von La Laguna bietet das historische Hotel „Laguna Nivaria“ geräumige Zimmer und ökologische Küche, Doppelzimmer ab etwa 41 Euro pro Person, www.lagunanivaria.com. Essen Die „Casa Paca“ in Benijo an der Nordküste bietet deftige Hausmannskost rund um Hase, Zicklein, frischen Fisch und Napfschnecken. In der „Casa Domingo“ in Las Mercedes am Eingang zum Anaga-Gebirge lohnt sich der Stockfisch in Zwiebeln und der hausgemachte Flan mit Palmsirup.
Geführte Wanderungen: Anaga Experience bietet unterschiedliche Wanderungen mit deutschsprachigen Guides an, ohne Abholung im Hotel ab 15 Euro, mit Abholung und Essen vor Ort ab 50 Euro, Information und Reservierung unter Telefon 00 34/ 6 90 36 90 89, anagaexperience.com.
Weitere Informationen beim Tourismusbüro von Teneriffa, www.webtenerife.de
Quelle: F.A.Z.
Veröffentlicht: 27.11.2016 11:08 Uhr