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Idylle in Tessin : Kameliendamen und Sexualbolschewisten

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Zu schön um wahr zu sein: Ronco sopra Ascona, Brissago Bild: © Bildagentur Huber

Im Frühling gerät das Tessin unter Kitschverdacht: blauer See, weiße Berge, bunte Blütenpracht. In Locarno und Ascona genießt man dazu den Abglanz der legendären Reformbewegung auf dem Monte Verità.

          Der Gärtner und Gemeinderat Fritz Zollinger fragte nicht lange, was seine Stadt Locarno mit der Bauschuttdeponie am Lago Maggiore vorhatte. Er nahm den Spaten und begann nach eigenem Gutdünken, Kamelien zu pflanzen: einfache Sorten, rote und weiße entlang der Straße. Immergrün statt Dreck. Als Zimmer- oder Balkonpflanze ist die Kamelie eine heikle Tussi, die auf jeden Formfehler mit dem Abwurf ihrer Knospen antwortet, aber am Lago Maggiore wirkt sie vollkommen entspannt und geradezu leutselig. „Hier ist die Kamelie glücklich“, sagt Verena Pedrotta,Mitglied der Schweizer Kameliengesellschaft, Floristin und Tochter des ehemaligen Gärtners, als sie durch den Parco delle Camelie führt, der einmal eine Bauschuttdeponie war und heute auf zehntausend Quadratmetern den Stolz von Locarno darstellt.

          Neben der Insel Izu-Oshima in Japan, dem Ursprungsland der Kamelie, ist die Stadt im Tessin der Austragungsort des größten Kamelien-Festivals. Früher rollten Blumenwagen durch die Straßen. Doch einen Park, der den Namen verdiente, gibt es erst seit Locarno für den Internationalen Kamelienkongress 2005 nominiert wurde. 1990 legte man richtig los und setzte noch einmal fünfhundert junge Pflanzen neben Fritz Zollingers knospende Rabatten: Lady Campbell, Le Lys, Spring Mist, gestreift, gefleckt, gefüllt und ungefüllt, anemonen- und päonienartige Sorten mit Blüten wie aus Porzellan oder speckiger Seide und manche so groß, dass man sie nur mit beiden Händen umfassen kann. Unter den Platanen am See genießt Camellia japonica ein erlesenes Mikroklima: Schatten, Frostfreiheit, sauren Boden, feuchte Frische. Manche duften sogar; das sind die eher unscheinbaren. Die großen Kühlen lassen sich nicht zu Gerüchen herab, wie fein auch immer. Vor dem blühenden Wall entlang der Straße, am künstlichen Bächlein und um die Rondelle herum falten Spaziergänger und Badegäste des nahen Seeschwimmbads heute ihre Liegestühle auf.

          Die glückliche Camellia japonica passt gut in diesen lächelnden Schweizer Landstrich um den nördlichen Zipfel des Lago Maggiore: Locarno und Ascona auf der einen, Gambarogno auf der anderen Seite. Im Frühling gerät die Gegend unter leichten Kitschverdacht. Vom Botanischen Garten in Vairano blickt man durch die von Säulenzypressen gerahmte Blütenpracht auf den funkelnden See, das grüne Maggia-Delta und die verschneiten Alpengipfel. Die Natur und der Gärtner Otto Eisenhut haben an dieser steilen Stelle farblich alles gegeben: flammende Azaleen, zartlila Glyzinien, rosa Kamelien und vierhundertfünfzig Magnolienbäume, darunter eine seltene gelbe Sorte. Alles ist zu einem lichten Dschungel zusammengewachsen, in den man auf Rindenpfaden hinabsteigt. Herr Eisenhut bleibt oben in seiner Gärtnerei. Er ist nun fast so alt wie die großen Tannen am unteren Ende, die Reste der Weihnachtsbaumplantage, mit der dieser Garten einmal seinen Anfang nahm.

          Legendäre Existenzen und neuer Reichtum

          Auch die Städte am gegenüberliegenden Ufer sind gewachsen und dabei außer Fasson geraten. Locarno sonnt sich im goldenen Abglanz legendärer Existenzen und dem etwas grelleren Licht neuen Reichtums. Dem See bleckt die Stadt eine blöde batterieartige Architektur entgegen; in ihrem Innern aber verbergen sich Laubengänge und würdige Patrizierhäuser in Pistaziengrün und Melonengelb. Auf der Piazza Grande, dem Austragungsort des internationalen Filmfestivals, stehen hundertsechzig Jahre alte Kamelienbäume, die ihr weißes und rotes Blütenkleid aufs Pflaster fallen lassen, noch im Vergehen unbeirrbar elegant und verschwenderisch.

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