https://www.faz.net/-gxh-ah2wg

Fotomuseum : Ich entscheide, es wird riskiert

Die habe ich mir gebaut: Oskar Barnacks Ur-Leica. Bild: Leitz-Museum

Hinschauen und mitmachen: Das neu eröffnete Leitz-Museum in Wetzlar erzählt die Geschichte der kleinen Leica und ihrer großen Wirkung.

          5 Min.

          Dass alles eine Frage der Perspektive ist, lernt man im Ernst Leitz Museum schon, bevor man die erste Stufe zur neu eingerichteten Dauerausstellung hinauf genommen hat. Über der Treppe baumeln schwarze Stäbe in der Luft, dazu sind schwarze Linien an die Wände gemalt, woraus sich vor weißem Hintergrund ein wildes Muster ganz im Stil der Op-Art ergibt, das sich mal hierhin, mal dorthin verschiebt und unentwegt verändert, bis sich das Wirrwarr von einem einzigen Punkt aus zu einem Strahlenkranz sortiert.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Frage des Blickwinkels ist der rote Faden durchs Haus und bleibt in vier Erlebnisarealen auf sechshundert Quadratmetern nicht nur zentral, wenn die Möglichkeiten der Bildgestaltung aufgeblättert werden, vom Goldenen Schnitt über die Goldene Spirale des Nautilus bis zum Goldenen Dreieck, sondern sogar bei den Ausführungen zur Entwicklung der Kleinbildfotografie. Denn auch dabei, so stellt sich heraus, trafen zunächst sehr unterschiedliche Ansichten aufeinander, als in einer heute historisch zu nennenden Konferenz im Juni 1924 die Führungsriege der Leitz-Werke, allesamt Männer, aus unterschiedlichen Perspektiven und äußerst kontrovers die Frage debattierte, ob man mit dem Kleinbildfotoapparat in Serie gehen solle. Einer nannte die technischen Möglichkeiten der Produktionsstätte unzureichend. Ein anderer verwies auf die angespannte wirtschaftliche Situation im Land. Wieder ein anderer stellte infrage, dass überhaupt genügend Menschen das Bedürfnis verspürten, sich und ihre Umgebung zu fotografieren.

          Ein Moment poetischer Anwandlung

          In einer wunderbaren Animation, bei der man als Besucher die Regie übernimmt, erweckt man diese Diskussion noch einmal zum Leben. Dann warnt der Betriebsleiter vor mangelnder Erfahrung mit großen Stückzahlen, der Vertriebsleiter führt aus, man überfordere die Fotohändler, und der technische Direktor weist auf die kaum zu stemmende Herausforderung hin, dass für die erforderlichen hundertneunzig Einzelteile jeweils ein eigenes Werkzeug gebaut werden müsse. Wohin er auch schaue, sagt er, „überall sehe ich Probleme“.

          Plattenkameras waren ihm zu schwer: Leitz-Mitarbeiter Oskar Barnack, Erfinder der Leica.
          Plattenkameras waren ihm zu schwer: Leitz-Mitarbeiter Oskar Barnack, Erfinder der Leica. : Bild: picture alliance / dpa

          Ernst Leitz aber hielt all das nicht davon ab, die dreieinhalb Stunden dauernde Konferenz mit dem knappen Schlusswort „Ich entscheide, es wird riskiert“ zu beenden. Auch Leica, geht es dem Besucher da durch den Sinn, war also einmal ein Start-up. Nun, nicht ganz. Schon vor dem Einstieg in die Fotografie blickte das Unternehmen mit der Entwicklung und dem Bau von Mikroskopen auf eine erfolgreiche Geschichte zurück und hatte damals bereits mehr als zweihunderttausend Geräte verkauft.

          Außerdem gab es eine Abteilung für Filmkameras, geleitet von Oskar Barnack. Er hatte eine Minikamera entwickelt, mit der während der Produktion von Kinofilmen auf einfachstem Weg Teststreifen belichtet werden konnten, ohne die große Filmkamera benutzen zu müssen. Anschließend konstruierte er, in privater Arbeit, einen Fotoapparat, in den man das gleiche Material einlegte, also einen schmalen Filmstreifen. Antrieb für die Entwicklung, so geht die Legende, sei sein Asthma gewesen, das es ihm nahezu unmöglich machte, schwere Platten- und Großformatkameras zu tragen. Dass nicht einmal er selbst begriffen hat, welche Sensation sich hinter seiner Erfindung verbarg, ist indes durch einen Eintrag in seinem Tagebuch verbürgt. Im Juni 1914 notiert er zwischen einem Gedanken zum Panoramakopf für Kinostative und Untersuchungsmethoden des Kehlkopfes lapidar: „Mikrokamera mit Kinofilm fertig“ – wird aber noch während des Schreibens offenbar von einem Moment poetischer Anwandlung ereilt, streicht kurzerhand das Wort Mikro durch und ersetzt es durch Liliput. Mit dieser Liliputkamera ändert sich die Welt der Fotografie. Grundlegend.

          Weitere Themen

          Unentdeckte Schönheit Russlands Video-Seite öffnen

          Karelien : Unentdeckte Schönheit Russlands

          Noch ist er eher ein Geheimtipp für Touristen: der Onegasee in der Republik Karelien. Seine Felsbilder aus der Jungsteinzeit gehören zum UNESCO-Welterbe, genauso wie die Insel Kischi mit ihren malerischen Holzkirchen.

          Topmeldungen

          „Querdenker“-Demo in Frankfurt Ende November.

          Neue Studie zu Corona : Politische Propaganda für Verschwörungsgläubige

          Die AfD in Deutschland oder Pis in Polen: Eine Studie zeigt, wie europäische Rechtspopulisten Corona nutzen, um gegen den Staat zu agitieren und sich neue Wähler zu erschließen. Doch die Mobilisierung hat Grenzen.