https://www.faz.net/aktuell/reise/hurrikan-ian-wie-es-nach-der-zerstoerung-in-florida-weitergeht-18385151.html

Zerstörung in Florida : Strand unter

Auch auf dieses Motel östlich von Orlando traf Hurrikan Ian. Bild: Imago

Der Wirbelsturm Ian hat Floridas beliebte Golfküste schwer verwüstet. In der Tourismusbranche schöpfen die Menschen nur sehr vorsichtig wieder Hoffnung.

          3 Min.

          Es ist vor allem der Anblick der Brücke nach Sanibel Island, den Carol Dover nicht vergessen kann. Wie Sturm und Wassermassen die Betonstruktur zerstört haben, mit Herkuleskräften, als seien die Betonpfeiler und Stahlkonstruktionen Spielzeugteile gewesen. An vier Stellen ist die einzige Landverbindung der Touristeninsel gebrochen oder weggeschwemmt worden. „Die Menschen erleben schiere Verwüstung und viel Schmerz“, sagt die Präsidentin von Floridas Hotel- und Gaststättenverband. Sie spricht am Telefon, sitzt gerade im Auto auf dem Weg von der Verbandszentrale in Tallahassee im Nordwesten Floridas an die Südwestküste – dorthin, wo der Hurrikan Ian mit Stärke vier Ende September die größte Zerstörung angerichtet hat.

          Sofia Dreisbach
          Politische Korrespondentin für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Wie schwer es den Bezirk Lee County getroffen hat, zeigen die Hinweise der Stadt Fort Myers Beach. Am vergangenen Wochenende erst, knapp zwei Wochen nach dem Hurrikan, war es den Bewohnern offiziell erlaubt, wieder in ihre Häuser, in die Geschäfte, Hotels und Unternehmen zurückzukehren. Auf der Website der Stadt heißt es: „Es gibt keinen Strom, kein Wasser- oder Abwassersystem und keine Müllabfuhr. Internet und Mobilfunk funktionieren nicht wie gewohnt. Viele Gebäude sind zerstört.“ Außerdem gebe es weder Nahrung noch Wasser. Gouverneur Ron DeSantis hatte in den Tagen nach dem Sturm gesagt, Fort Myers Beach „existiert nicht mehr“. Ähnliches gilt für Sanibel Island. Der Bezirk Lee County hat über die Hälfte der mehr als 120 Todesopfer des Hurrikans in Florida zu beklagen.

          Der Sturm hat den Hafen von Fort Myers Beach voll getroffen.
          Der Sturm hat den Hafen von Fort Myers Beach voll getroffen. : Bild: Reuters

          Die Tourismusagentur von Fort Myers bittet Besucher, „ihre Reisepläne in die Region vorerst auf Eis zu legen“. Wann der Tourismus im Südwesten wieder aufgenommen werden kann, will bislang niemand vorhersagen. Für die übrigen Regionen und die Hunderte Kilometer unbeschädigte Sandstrände macht die Marketingagentur „Visit Florida“ weiter Werbung: „Du könntest hier sein“, steht über dem Foto auf der Website, auf dem ein Paar Händchen haltend in ein türkisblaues Meer läuft, vor ihnen ein Kind mit pink Schwimmreifen. Etwa 122 Millionen Menschen haben Florida laut einer Schätzung der Agentur im vergangenen Jahr besucht; ihnen bleibt jetzt erst einmal vor allem die Ostküste. Wie entscheidend der Tourismus für den amerikanischen Bundesstaat ist, macht der Vergleich mit Deutschland deutlich: Für das komplette Vor-Pandemie-Jahr 2019 zählte das Statistische Bundesamt knapp 191 Millionen Gäste in deutschen Unterkünften.

          Bevor sich die Branche erholte, kam der nächste Schlag

          Noch im Februar hatte sich die Regierung Floridas mit höheren Touristenzahlen als vor der Pandemie gebrüstet; zwischen Oktober und Dezember vergangenen Jahres waren es demnach 30,8 Millionen. Das waren fast nur Amerikaner – viele von ihnen dürften den Bundesstaat 2021 wegen der lockereren Corona-Regeln ausgesucht haben. Nur 1,5 Millionen Besucher kamen im vierten Quartal dagegen aus Übersee, 42 Prozent weniger als in diesem Zeitraum vor der Pandemie. Bevor sich die Branche also erholt hatte, kam mit Ian schon der nächste Schlag.

          Der Sender CBS zitierte jüngst einen Fachmann von Enki Research, einem Unternehmen, das die Auswirkungen von Naturkatastrophen schätzt: Die Tourismusbranche müsse mit Einbußen von bis zu acht Milliarden Dollar rechnen – zehn Prozent des gesamten Umsatzes. Der Schaden beziehe sich auf die unmittelbare Zerstörung und die fortbleibenden Touristen. Aber wenigstens konnten die Freizeitparks und die drei Kreuzfahrthäfen in der Nähe des Epizentrums von Ian, die Millionen Touristen anziehen, ihren Betrieb schon nach zwei Tagen Pause wieder aufnehmen. Als letzter Flughafen eröffnete am vergangenen Dienstag der Southwest Florida International Airport nahe Fort Myers wieder, der auch aus Deutschland angeflogen wird.

          Doch ist es angemessen, schon über Urlaub zu sprechen, wenn es vielen im Südwesten noch am Nötigsten fehlt? Hotel- und Gastronomieverbandschefin Dover findet: Ja, mit Fingerspitzengefühl. Ihre Mitarbeiter fahren herum, hören zu, helfen, wo es geht. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, dieser Industrie wieder auf die Beine zu helfen.“ Im Lee County machten im vergangenen Jahr laut Tourismusbehörde des Bezirks 4,6 Millionen Menschen Urlaub. Knapp 70 000 arbeiteten demnach in der Branche, die 3,7 Milliarden Dollar einbrachte. Bis man wieder solche Zahlen schreibt, wird es Jahre dauern.

          Positiv denken

          Hoteliers und Gastronomen versuchten jedoch, das Positive in allem Unglück zu sehen, sagt die Verbandschefin Dover. „Das ist nicht unsere erste Herausforderung hier in Florida.“ Nach 27 Jahren an der Spitze des Verbands weiß sie, wovon sie spricht. „Das ist der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, im Paradies zu leben.“ Viele Hotels entschuldigen sich auf ihren Websites und in den sozialen Medien bei ihren Gästen. Die Strand-Webcams sind ausgeschaltet, ganze Computersysteme weggespült worden, in einigen Fällen steht nicht einmal mehr das Gebäude. Doch auch darin liege eine Chance, sagt Dover. Die schwerste Zerstörung haben Häuser erlitten, die noch nach alten Bauverordnungen errichtet wurden. Fachleute und auch die Verbandsvorsitzende sind sich sicher, dass eine derartige Naturkatastrophe beim nächsten Mal glimpflicher ausgehen könnte. „Wir lernen von jedem Sturm.“

          Die schwerste Zerstörung, wie in Fort Myers Beach, haben Häuser erlitten, die noch nach alten Bauverordnungen errichtet wurden. Im Wiederaufbau liegt daher auch die Chane, es besser zu machen.
          Die schwerste Zerstörung, wie in Fort Myers Beach, haben Häuser erlitten, die noch nach alten Bauverordnungen errichtet wurden. Im Wiederaufbau liegt daher auch die Chane, es besser zu machen. : Bild: AP

          Weitere Themen

          Veltins mit Absatzrekord

          Deutsche Bierbrauer : Veltins mit Absatzrekord

          Die Deutschen trinken wieder mehr Bier. Die Traditionsbrauerei Veltins hat im vergangenen Jahr sogar so viel Bier verkauft wie noch nie. Die Fußball-WM im Winter hat dazu aber nichts beigetragen.

          Topmeldungen

          Da war er schon Reichskanzler: Adolf Hitler mit Reichspräsident Paul von Hindenburg

          Vor 90 Jahren : Als Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte

          Der Führer der Nationalsozialisten wurde im In- und Ausland lange sträflich unterschätzt. Widerstand regte sich erst, als es zu spät war. An den Folgen trägt nicht nur Deutschland bis heute schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.