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Wandern im Hunsrück : Im Wald, da sind die ...

  • -Aktualisiert am

Nichts strahlt grüner als ein Buchenwald im sonnigen Mai: Der Schinderhannespfad führt von Kastellaun über Simmern nach Gemünden. Bild: Stefan Nink

Wie ist das, wenn der „Schwarze Peter“ im eigenen Stammbaum sitzt? Eine Spurensuche auf dem Schinderhannespfad im Hunsrück.

          5 Min.

          Der Schrecken, der wunderbar wohlige Schrecken schlich sich immer dann ins Schlafzimmer ihres Enkels, wenn sie vom Fund in der Jackentasche berichtete. Sie selbst hatte diese Geschichte über ihren Vorfahren vor langer Zeit von ihrer eigenen Großmutter erzählt bekommen, das erwähnte sie immer zum Auftakt, bevor sie begann: Wie der Schwarze Peter eines Abends zusammen mit dem Schinderhannes nach Hause gekommen sei und seinen Mantel in die Ecke geworfen habe. Wie seine Frau ihn aufhob und ihren Mann schalt, er solle sorgsamer umgehen mit seinen Sachen. Wie sie erschauderte, als sie das getrocknete Blut an seinem Mund entdeckte. Wie sie den Mantel abklopfte und stutzte und in die Tasche griff und herausholte, was drin steckte, nämlich den...„Den Daumen!“ rief ihr Enkel in seinem Bett an dieser Stelle dann immer, „den abgebissenen Daumen! Den Daumen des Franzosen!“ Und meine Großmutter lächelte. „Genau. Den Daumen des Franzosen“. Dann strich sie mir über das Haar, sagte „Schlaf’ gut!“ und verließ das Zimmer.

          Psychologen würden heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen bei so einer Gute-Nacht-Geschichte. Ich liebte sie. Anschließend träumte ich davon, zusammen mit meinem Vorfahren und dem Schinderhannes über den Hunsrück zu ziehen. Wir überfielen französische Besatzer, raubten ihnen das Geld, und wenn sie uns festhalten wollten, bissen wir ihnen in die Hand. Anschließend verschwanden wir im dunklen Forst.

          Ein Prachtstück von Mann

          Der Wald hinter Kastellaun beginnt auch gut zweihundert Jahre später von einem Meter auf den anderen: Eben war da noch Vereinsheimseligkeit und Parkplatzschotter, zwei Minuten später hat einen das dichte Grün verschluckt. Kastellaun ist der Startpunkt des Schinderhannespfads, einer 40 Kilometer langen Wanderstrecke, die am ersten Tag bis nach Simmern führt (und am zweiten weiter nach Gemünden) und damit mitten durch das Revier der berühmtesten Räuberbande in diesem Teil Deutschlands. Den Schinderhannes kennt man spätestens seit der Verfilmung mit Curd Jürgens, mit der er posthum zu einer Art Robin Hood des Hunsrücks geadelt wurde. Hier, im westlichen Rheinland-Pfalz, ist sein Name auch deswegen noch immer allgegenwärtig. Mein Vorfahr ist weit weniger bekannt, obwohl er zu Lebzeiten wahrscheinlich berühmter war und ein beliebtes Kartenspiel nach ihm benannt ist. Ein halbes Jahrhundert nach der letzten Gute-Nacht-Geschichte will ich ihm ein bisschen näher kommen auf diesem alten Weg, den er möglicherweise genutzt hat. Ich wandere hier also gewissermaßen mit genealogischem Gepäck.

          Burg Kastellaun war das Versteck des Schwarzen Peter.

          Schnell ein paar Infos zur Person: Johann Peter Petri, geboren 1752 in Burgen bei Bernkastel an der Mosel. Holzfäller und Köhler, daher – oder wegen seiner Haarfarbe – der Spitzname Schwarzer Peter. Verheiratet mit Maria Katharina; meine Großmutter – eine geborene Petri – war seine Ur-Ur-Urenkelin. Zu ihren Lebzeiten war die Geschichtsforschung noch nicht so weit, vielleicht fehlte ihr auch der Zugang, jedenfalls war der Schwarze Peter meiner Großmutter ein Prachtstück von Mann und ein Held sowieso. Einer, der es mit den französischen Besatzern aufnahm und das Geld aus Diebstählen an die „unterdrückten Hunsrücker“ verteilte. Als ich später recherchierte und ihr erzählte, dass unsere Familiengeschichte ganz andere Facetten aufwies, reagierte sie brüskiert.

          In der Ruine hinter mir hat er sich oft versteckt – falls meine Großmutter das richtig in Erinnerung hatte. Ende des 18.Jahrhunderts war die im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstörte Burg Kastellaun ein Steinbruch und sicherlich ein guter Schlupfwinkel. Der Wald lag damals so nah wie heute, was im Notfall überlebenswichtig gewesen sein muss für jemanden, hinter dem jeder einzelne französische Soldat im Département de Rhin-et-Moselle her war. Selbst heute kann man hier mit wenigen Schritten von der Bildfläche verschwinden.

          Er war kein Held

          Der Schinderhannespfad ist kein schwieriger Weg. Über lange Passagen führt er ohne große Höhenunterschiede in gerader Linie durch den Wald. Manchmal knickt er ab und verläuft am Rand von Kornfeldern und blühenden Rapsflächen, aber diese Schlenker hinaus ins Offene sind dem alten Weg wahrscheinlich nachträglich hinzugefügt worden. Dort, wo die Bäume am Schinderhannespfad dicht stehen und er so schmal wird, dass er sich kaum von einem Wildwechsel unterscheidet, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss vor zweihundert Jahren. Als jedermann hier zu Fuß unterwegs war. Als Reisende auf solchen Wegen von meinem Vorfahr überfallen wurden.

          Weit verbreitet: das Kartenspiel Schwarzer Peter.

          Er hat nämlich mitnichten den Besatzern genommen und den Armen gegeben, der Schwarze Peter. Seine Hütte war 1792 beim Einmarsch der Franzosen niedergebrannt worden, möglicherweise stammt die Gutmensch-Legende daher. Zur ersten dokumentierten Straftat kam es fünf Jahre später: Bei einem Einbruch stahlen der Schwarze Peter, der Schinderhannes und drei Kumpane mehrere Säcke Wolle und Tuche. Nach den Gesetzen der Französischen Republik stand bereits darauf die Todesstrafe. Es folgten Pferdediebstähle (damals so etwas wie das Entwenden von Luxuslimousinen heute) und Überfälle auf Wohnhäuser. Fanden die Räuber zu wenig Beute, folterten sie die Bewohner; einer alten Frau zündeten sie das Nachthemd am Leib an. 1798 massakrierte der Schwarze Peter im Hunsrücker Wald einen jüdischen Viehhändler und machte sich mit dessen Kuh davon. Mein Vorfahr war kein Held. Mein Vorfahr war ein kaltblütiger Mörder.

          Eine stattliche Hinterlassenschaft

          Irgendwann hinter Laubach verändert sich der Schinderhannespfad. Er führt nun öfter steil bergauf und wieder bergab, touchiert Höfe und Weiler und wird auch mal zum Wiesen- und Weidenweg vorbei an Pferdekoppeln. In Neuerkirch denke ich darüber nach, ob er wohl auch hier durchgekommen ist (bestimmt), im Wirtshaus getrunken hat (wahrscheinlich) und anschließend in ein abgelegenes Haus eingestiegen sein mag (nicht verbürgt). Noch immer gibt es in diesem Teil des Hunsrücks Höfe und Mühlen, die abgeschieden vom Rest der Welt in den Falten des Mittelgebirges sitzen. Wenn man die allgegenwärtigen Windräder am Horizont ausblendet, könnte man glauben, die Zeit sei irgendwann stehen geblieben und warte seitdem mit angezogener Handbremse darauf, dass es endlich weitergeht.

          Als die Franzosen ihn zum ersten Mal fassten, sperrten sie den Schwarzen Peter in den Gefängnisturm von Simmern, der heute – natürlich – Schinderhannesturm heißt und eine Attraktion der Kreisstadt ist: ein wuchtiges Gebäude mit dicken Mauern und kleinen vergitterten Fenstern. Mein Vorfahr floh dennoch. Er setzte sich in den Odenwald ab, kehrte aber immer wieder zu Raubzügen in den Hunsrück zurück. Das berühmte Kartenspiel soll er im Gefängnis erfunden haben, und weil er wohl ziemlich eitel war, wäre er wahrscheinlich stolz darauf, dass die Floskel „jemanden den Schwarzen Peter zuschieben“ ebenfalls auf ihn zurückgeht. Überhaupt hat er es für einen Räuber aus einfachsten Verhältnissen auf eine stattliche Hinterlassenschaft gebracht: Restaurants, Bäckereien und etliche Kaschemmen sind nach ihm benannt, es gibt eine Oper mit seinem Namen („Ach, ich hab in meinem Herzen“ stammt aus ihr, Rudolf Schock konnte das herzzerreißend singen) und der anderswo als Kalter Hund bekannte Kekskuchen heißt in einigen Gegenden Schwarzer Peter. An die japanischen Peanuts wird sich der eine oder andere auch noch erinnern: Mitte der Sechziger Jahre hatten die japanischen Zwillingsschwestern – die die Welt bis dahin nur aus dem Film „Godzilla und die Urweltraupen“ kannte – mit „Schwarzer Peter“ einen respektablen Hit; die beiden klangen dabei wie eine gedoppelte Catharina Valente. Der Blog des Bundestagsabgeordneten und Staatssekretärs Peter Tauber heißt übrigens auch wie mein Urahn.

          Der Schinderhannes starb 1803 in Mainz unter dem Fallbeil der Franzosen, mein Vorfahr irgendwann nach 1812 in einem Pariser Verlies. So viel man weiß, hat er sich zu Tode gesoffen, was man in einem Gefängnis Anfang des 19.Jahrhunderts auch erst einmal hinbekommen musste. Aber vielleicht war alles ja auch ganz anders. Gerüchten zufolge wurde der Schwarze Peter noch Jahre nach seinem offiziellen Tod in seiner alten Heimat gesehen. Manche wollen ihm sogar noch Jahrzehnte später im Hunsrück begegnet sein, aber das ist bestimmt eine Räuberpistole. Wie wahrscheinlich vieles, was meine Großmutter damals erzählt hat, über ihren Vorfahr und meinen.

          Der Weg der Räuber

          Wandern Der 40 Kilometer lange Schinderhannespfad ist eine Zwei-Tages-Wanderung von Kastellaun über Simmern nach Gemünden. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in allen drei Städten. (Infos über Hunsrück Touristik, hunsruecktouristik.de).
          Rund um Bernkastel-Kues an der Mosel soll der Rundweg „Grafen, Gold und Schwarzer Peter“ an den Räuber erinnern (bernkastel.de).
          Spielen „Schwarzer Peter“-Karten gibt es in jedem Spielzeuggeschäft. Der Autor weist darauf hin, dass er am millionenfachen Verkauf der Spiele leider nicht prozentual beteiligt ist.

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