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Wandern im Hunsrück : Im Wald, da sind die ...

  • -Aktualisiert am

Nichts strahlt grüner als ein Buchenwald im sonnigen Mai: Der Schinderhannespfad führt von Kastellaun über Simmern nach Gemünden. Bild: Stefan Nink

Wie ist das, wenn der „Schwarze Peter“ im eigenen Stammbaum sitzt? Eine Spurensuche auf dem Schinderhannespfad im Hunsrück.

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          Der Schrecken, der wunderbar wohlige Schrecken schlich sich immer dann ins Schlafzimmer ihres Enkels, wenn sie vom Fund in der Jackentasche berichtete. Sie selbst hatte diese Geschichte über ihren Vorfahren vor langer Zeit von ihrer eigenen Großmutter erzählt bekommen, das erwähnte sie immer zum Auftakt, bevor sie begann: Wie der Schwarze Peter eines Abends zusammen mit dem Schinderhannes nach Hause gekommen sei und seinen Mantel in die Ecke geworfen habe. Wie seine Frau ihn aufhob und ihren Mann schalt, er solle sorgsamer umgehen mit seinen Sachen. Wie sie erschauderte, als sie das getrocknete Blut an seinem Mund entdeckte. Wie sie den Mantel abklopfte und stutzte und in die Tasche griff und herausholte, was drin steckte, nämlich den...„Den Daumen!“ rief ihr Enkel in seinem Bett an dieser Stelle dann immer, „den abgebissenen Daumen! Den Daumen des Franzosen!“ Und meine Großmutter lächelte. „Genau. Den Daumen des Franzosen“. Dann strich sie mir über das Haar, sagte „Schlaf’ gut!“ und verließ das Zimmer.

          Psychologen würden heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen bei so einer Gute-Nacht-Geschichte. Ich liebte sie. Anschließend träumte ich davon, zusammen mit meinem Vorfahren und dem Schinderhannes über den Hunsrück zu ziehen. Wir überfielen französische Besatzer, raubten ihnen das Geld, und wenn sie uns festhalten wollten, bissen wir ihnen in die Hand. Anschließend verschwanden wir im dunklen Forst.

          Ein Prachtstück von Mann

          Der Wald hinter Kastellaun beginnt auch gut zweihundert Jahre später von einem Meter auf den anderen: Eben war da noch Vereinsheimseligkeit und Parkplatzschotter, zwei Minuten später hat einen das dichte Grün verschluckt. Kastellaun ist der Startpunkt des Schinderhannespfads, einer 40 Kilometer langen Wanderstrecke, die am ersten Tag bis nach Simmern führt (und am zweiten weiter nach Gemünden) und damit mitten durch das Revier der berühmtesten Räuberbande in diesem Teil Deutschlands. Den Schinderhannes kennt man spätestens seit der Verfilmung mit Curd Jürgens, mit der er posthum zu einer Art Robin Hood des Hunsrücks geadelt wurde. Hier, im westlichen Rheinland-Pfalz, ist sein Name auch deswegen noch immer allgegenwärtig. Mein Vorfahr ist weit weniger bekannt, obwohl er zu Lebzeiten wahrscheinlich berühmter war und ein beliebtes Kartenspiel nach ihm benannt ist. Ein halbes Jahrhundert nach der letzten Gute-Nacht-Geschichte will ich ihm ein bisschen näher kommen auf diesem alten Weg, den er möglicherweise genutzt hat. Ich wandere hier also gewissermaßen mit genealogischem Gepäck.

          Burg Kastellaun war das Versteck des Schwarzen Peter.

          Schnell ein paar Infos zur Person: Johann Peter Petri, geboren 1752 in Burgen bei Bernkastel an der Mosel. Holzfäller und Köhler, daher – oder wegen seiner Haarfarbe – der Spitzname Schwarzer Peter. Verheiratet mit Maria Katharina; meine Großmutter – eine geborene Petri – war seine Ur-Ur-Urenkelin. Zu ihren Lebzeiten war die Geschichtsforschung noch nicht so weit, vielleicht fehlte ihr auch der Zugang, jedenfalls war der Schwarze Peter meiner Großmutter ein Prachtstück von Mann und ein Held sowieso. Einer, der es mit den französischen Besatzern aufnahm und das Geld aus Diebstählen an die „unterdrückten Hunsrücker“ verteilte. Als ich später recherchierte und ihr erzählte, dass unsere Familiengeschichte ganz andere Facetten aufwies, reagierte sie brüskiert.

          In der Ruine hinter mir hat er sich oft versteckt – falls meine Großmutter das richtig in Erinnerung hatte. Ende des 18.Jahrhunderts war die im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstörte Burg Kastellaun ein Steinbruch und sicherlich ein guter Schlupfwinkel. Der Wald lag damals so nah wie heute, was im Notfall überlebenswichtig gewesen sein muss für jemanden, hinter dem jeder einzelne französische Soldat im Département de Rhin-et-Moselle her war. Selbst heute kann man hier mit wenigen Schritten von der Bildfläche verschwinden.

          Er war kein Held

          Der Schinderhannespfad ist kein schwieriger Weg. Über lange Passagen führt er ohne große Höhenunterschiede in gerader Linie durch den Wald. Manchmal knickt er ab und verläuft am Rand von Kornfeldern und blühenden Rapsflächen, aber diese Schlenker hinaus ins Offene sind dem alten Weg wahrscheinlich nachträglich hinzugefügt worden. Dort, wo die Bäume am Schinderhannespfad dicht stehen und er so schmal wird, dass er sich kaum von einem Wildwechsel unterscheidet, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie es gewesen sein muss vor zweihundert Jahren. Als jedermann hier zu Fuß unterwegs war. Als Reisende auf solchen Wegen von meinem Vorfahr überfallen wurden.

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