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Wandern im Hunsrück : Im Wald, da sind die ...

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Weit verbreitet: das Kartenspiel Schwarzer Peter.

Er hat nämlich mitnichten den Besatzern genommen und den Armen gegeben, der Schwarze Peter. Seine Hütte war 1792 beim Einmarsch der Franzosen niedergebrannt worden, möglicherweise stammt die Gutmensch-Legende daher. Zur ersten dokumentierten Straftat kam es fünf Jahre später: Bei einem Einbruch stahlen der Schwarze Peter, der Schinderhannes und drei Kumpane mehrere Säcke Wolle und Tuche. Nach den Gesetzen der Französischen Republik stand bereits darauf die Todesstrafe. Es folgten Pferdediebstähle (damals so etwas wie das Entwenden von Luxuslimousinen heute) und Überfälle auf Wohnhäuser. Fanden die Räuber zu wenig Beute, folterten sie die Bewohner; einer alten Frau zündeten sie das Nachthemd am Leib an. 1798 massakrierte der Schwarze Peter im Hunsrücker Wald einen jüdischen Viehhändler und machte sich mit dessen Kuh davon. Mein Vorfahr war kein Held. Mein Vorfahr war ein kaltblütiger Mörder.

Eine stattliche Hinterlassenschaft

Irgendwann hinter Laubach verändert sich der Schinderhannespfad. Er führt nun öfter steil bergauf und wieder bergab, touchiert Höfe und Weiler und wird auch mal zum Wiesen- und Weidenweg vorbei an Pferdekoppeln. In Neuerkirch denke ich darüber nach, ob er wohl auch hier durchgekommen ist (bestimmt), im Wirtshaus getrunken hat (wahrscheinlich) und anschließend in ein abgelegenes Haus eingestiegen sein mag (nicht verbürgt). Noch immer gibt es in diesem Teil des Hunsrücks Höfe und Mühlen, die abgeschieden vom Rest der Welt in den Falten des Mittelgebirges sitzen. Wenn man die allgegenwärtigen Windräder am Horizont ausblendet, könnte man glauben, die Zeit sei irgendwann stehen geblieben und warte seitdem mit angezogener Handbremse darauf, dass es endlich weitergeht.

Als die Franzosen ihn zum ersten Mal fassten, sperrten sie den Schwarzen Peter in den Gefängnisturm von Simmern, der heute – natürlich – Schinderhannesturm heißt und eine Attraktion der Kreisstadt ist: ein wuchtiges Gebäude mit dicken Mauern und kleinen vergitterten Fenstern. Mein Vorfahr floh dennoch. Er setzte sich in den Odenwald ab, kehrte aber immer wieder zu Raubzügen in den Hunsrück zurück. Das berühmte Kartenspiel soll er im Gefängnis erfunden haben, und weil er wohl ziemlich eitel war, wäre er wahrscheinlich stolz darauf, dass die Floskel „jemanden den Schwarzen Peter zuschieben“ ebenfalls auf ihn zurückgeht. Überhaupt hat er es für einen Räuber aus einfachsten Verhältnissen auf eine stattliche Hinterlassenschaft gebracht: Restaurants, Bäckereien und etliche Kaschemmen sind nach ihm benannt, es gibt eine Oper mit seinem Namen („Ach, ich hab in meinem Herzen“ stammt aus ihr, Rudolf Schock konnte das herzzerreißend singen) und der anderswo als Kalter Hund bekannte Kekskuchen heißt in einigen Gegenden Schwarzer Peter. An die japanischen Peanuts wird sich der eine oder andere auch noch erinnern: Mitte der Sechziger Jahre hatten die japanischen Zwillingsschwestern – die die Welt bis dahin nur aus dem Film „Godzilla und die Urweltraupen“ kannte – mit „Schwarzer Peter“ einen respektablen Hit; die beiden klangen dabei wie eine gedoppelte Catharina Valente. Der Blog des Bundestagsabgeordneten und Staatssekretärs Peter Tauber heißt übrigens auch wie mein Urahn.

Der Schinderhannes starb 1803 in Mainz unter dem Fallbeil der Franzosen, mein Vorfahr irgendwann nach 1812 in einem Pariser Verlies. So viel man weiß, hat er sich zu Tode gesoffen, was man in einem Gefängnis Anfang des 19.Jahrhunderts auch erst einmal hinbekommen musste. Aber vielleicht war alles ja auch ganz anders. Gerüchten zufolge wurde der Schwarze Peter noch Jahre nach seinem offiziellen Tod in seiner alten Heimat gesehen. Manche wollen ihm sogar noch Jahrzehnte später im Hunsrück begegnet sein, aber das ist bestimmt eine Räuberpistole. Wie wahrscheinlich vieles, was meine Großmutter damals erzählt hat, über ihren Vorfahr und meinen.

Der Weg der Räuber

Wandern Der 40 Kilometer lange Schinderhannespfad ist eine Zwei-Tages-Wanderung von Kastellaun über Simmern nach Gemünden. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in allen drei Städten. (Infos über Hunsrück Touristik, hunsruecktouristik.de).
Rund um Bernkastel-Kues an der Mosel soll der Rundweg „Grafen, Gold und Schwarzer Peter“ an den Räuber erinnern (bernkastel.de).
Spielen „Schwarzer Peter“-Karten gibt es in jedem Spielzeuggeschäft. Der Autor weist darauf hin, dass er am millionenfachen Verkauf der Spiele leider nicht prozentual beteiligt ist.

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