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Bad Soden : Bäume sind gefragte Untermieter

  • -Aktualisiert am

Wo hört das Haus auf, wo fängt die Natur an? Bei Hundertwasser sind die Grenzen fließend. Bild: Picture-Alliance

Mit optischem Frohsinn untermalt das Hundertwasser-Haus in Bad Soden am Taunus den jahreszeitlichen Wandel der Natur.

          3 Min.

          Wenn die Sonne untergeht, schauen wir mit Vorliebe aus dem Badezimmerfenster. Das machen wir schon lange so, in diesen reisearmen Zeiten aber hat es einen besonderen Reiz. Denn das Fenster öffnet uns den Blick auf eine echte Sehenswürdigkeit. Zugegeben, es handelt sich weder um die Elbphilharmonie noch um den Campanile oder gar das Empire State Building. Aber das Hundertwasserhaus in der Altstadt von Bad Soden am Taunus ist in aller Bescheidenheit ebenfalls ein gelungenes architektonisches Unikat. Es entstammt einer Vision des unkonventionellen österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser.

          Nach seinen Entwürfen wurde ein historisches Gebäude, das erste Sodener Kur- und Badehaus aus dem Jahr 1722, umgestaltet und erweitert. Fassade, Innenausstattung und sogar die Tiefgarage der so entstandenen Wohnanlage „In den Wiesen“ tragen die typische Handschrift von Hundertwassers „dunkelbunter, ringelgrüner und kugelroter“ Scherbenkeramik, und sie folgen einer Linienführung, bei der „rechtwinklige Gedanken“ tabu sind. Türmchen und Säulen, Kugeln und Rundungen, spitze und stumpfe Winkel, schiefe Ebenen und krumme Konturen sowie Fenster in unterschiedlichen Formen und Größen strahlen optischen Frohsinn aus. Die Wohnungen in diesem Märchenschlösschen haben individuelle Grundrisse und verteilen sich zum Teil über mehrere Etagen, sie sind als eigene „Häuser im Haus“ konzipiert. „Ein menschlicher, freundlicher, heiterer Geist soll einziehen“ – das war der Wunsch des Künstlers.

          Die Schwärmerei der Gäste

          Im Unterschied zu anderen Hundertwasser-Kreationen sind Farbgebung und architektonische Verspieltheit allerdings eher zurückhaltend eingesetzt. Dafür hat der Künstler einen anderen Aspekt in den Vordergrund geschoben: die Natur. Für die siebzehn Wohneinheiten stehen auf dem Gebäude dreitausend Quadratmeter Grünflächen zur Verfügung: kleine und große ökologische Nischen auf Dächern, Terrassen, Mauervorsprüngen, Erkern und Fensterbänken. Manchmal haben sie bloß die Ausmaße eines Blumentopfs, an anderen Stellen sind sie bis zu achtzig Quadratmeter groß. Damit wollte Hundertwasser der Natur zumindest teilweise zurückgeben, was ihr durch Bodenversiegelung genommen wurde. Seine „Baum-Mieter“ waren dem Baukünstler ebenso wichtig wie die Wohnungsbesitzer. Deshalb wachsen auf den grünen Inseln des Gebäudes inzwischen mehr als achthundert Bäume und Sträucher. Im Laufe der Jahre und der Jahreszeiten wandeln sie ständig ihre Formen und Farben, und so erscheint das Haus wie ein lebendiger Organismus, der mit den Grünflächen der beiden angrenzenden Kurparks verwachsen ist, förmlich aus ihnen hervorquillt.

          Sodenias kalte Schulter: Der Bau war in dem Kurort am Taunus nicht unumstritten.
          Sodenias kalte Schulter: Der Bau war in dem Kurort am Taunus nicht unumstritten. : Bild: Picture-Alliance

          Hundertwassers Bau war Anfang der neunziger Jahre in Bad Soden nicht unumstritten, und bis heute gefällt er nicht jedem. Auch die Dame Sodenia, das Heilquellen-Wahrzeichen von Bad Soden, zeigt dem Haus die kalte Schulter und schaut in die andere Richtung. Aber die schlichte weiße Statue steht nun einmal seit 1888 fest verankert auf ihrem Sockel über dem Solbrunnen, und jetzt ordnet sie sich als ruhender Pol in das Farbspektakel ein, das Hundertwasser und die Natur rund um den Kurpark aufführen.

          Inzwischen ist das Haus „In den Wiesen“ eine international beachtete Sehenswürdigkeit, die allerdings häufig hinter anderen Bauwerken des verschrobenen Österreichers zurücksteht. Sogar im Rhein-Main-Gebiet kennen viele eher seine Wohnhausanlage in Wien, das Fernwärmewerk Spittelau oder die Thermenlandschaft im steirischen Bad Blumau. In Asien jedoch ist auch das Bad Sodener Haus ein Begriff. Bis vor kurzem stromerten deshalb kleine Gruppen von Japanern, Koreanern und Chinesen auf der Suche nach dem Gebäude durch die Altstadtgassen und Kurparks – von manchen Einheimischen wegen ihrer eifrigen Schwärmerei ein wenig belächelt. Jetzt aber vermissen wir plötzlich den zurückhaltenden Trubel, den diese sachkundigen Besucher verbreitet haben.

          Für uns gehört das Haus nach wie vor zum Alltag, sein Anblick ist dennoch nicht zur beiläufigen Routine geworden. Denn auf dem Weg zum Bäcker und zur Buchhandlung oder beim Parkspaziergang am Wochenende beobachten wir immer wieder überrascht, wie wunderbar harmonisch sich das Haus in den Wandel der Natur einfügt, in der es zu keinem Zeitpunkt als Fremdkörper erscheint. Zwischen blühenden Magnolien und Rhododendron behauptet es sich im Frühjahr, hinter dem dichten Grün von Ahorn und Kastanien versteckt es sich ein wenig im Sommer, mit dem changierenden Rot von Efeu und Weinranken schmückt es sich im Herbst, und an nebligen Wintertagen setzt das Gebäude selbst seine lebendig- bunten Farbakzente. Und natürlich fesselt uns bei schönem Wetter immer wieder vom Badezimmerfenster aus der Sonnenuntergang. Dann leuchten die Farben auf der Fassade besonders intensiv, und die glänzende Kugel auf dem Dach des dreißig Meter hohen, neunstöckigen Turms glüht so rotgolden, als versinke hier eine zweite Sonne hinter dem Horizont. Um dieses Panorama beneiden uns sogar die privilegierten Bewohner des Hundertwasser-Hauses.

          Information unter www.bad-soden.de.

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