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: Humboldts langer Schatten

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Manche Dinge ändern sich nie. Das bornierte Geschwätz von unfreiwilligen Reisebekanntschaften zum Beispiel. Die beunruhigende Wirkung von strikten Zeitplänen. Und - vorsichtig formuliert - die nicht allzu ausgeprägte Lust der Fremdenführer ...

          Manche Dinge ändern sich nie. Das bornierte Geschwätz von unfreiwilligen Reisebekanntschaften zum Beispiel. Die beunruhigende Wirkung von strikten Zeitplänen. Und - vorsichtig formuliert - die nicht allzu ausgeprägte Lust der Fremdenführer von Teneriffa, auf ihren Berg zu steigen, den Teide, der, von unten aus betrachtet, wirklich sehr hoch und sehr schwierig aussieht: dunkelgrüne Wälder unter braungrauen Graten unter schwarzschimmernden Lavahängen unter schneeweißen Flanken unter einem kantigen Gipfel - und damit sind wir schon mitten im Repertoire der Konstanten, ohne die sich diese Geschichte von Teneriffa und von Alexander von Humboldt, dem deutschen Naturforscher und Abenteurer, dem Universalgelehrten und Alpinisten, der sich im Jahre 1799 hier mit einer Bergtour verewigte, nicht erzählen ließe.

          Denn wer im Humboldt-Jubiläumsjahr 2009 (am 6. Mai ist sein 150. Todestag) auf den Teide steigt, der stellt schnell fest, dass sich viele Dinge nach über 200 Jahren nicht allzu dramatisch verändert haben. "Dort wollt ihr hinauf? In diese Höhe? Wo es kalt ist und nach faulen Eiern riecht?", fragen Touristenführer bergambitionierte Kunden und bieten dann alternativ einen Ausflug nach La Gomera an. Von der Nachbarinsel Teneriffas aus, "glauben Sie mir", habe man die beste Sicht auf den Teide, dessen Besteigung damit - heute wie damals - schon vor dem ersten Schritt beendet wäre. So ähnlich ging es auch Alexander von Humboldt, der im Juni 1799 gemeinsam mit seinem Gefährten Aimé Bonpland für sechs Tage auf der Insel war, den Berg bestieg und später notierte: "Leider trug die Faulheit und der üble Wille unserer Führer viel dazu bei, uns das Aufsteigen sauer zu machen; (. . .) Sie waren träg zum Verzweifeln; (. . .) Sie setzten sich alle zehn Minuten nieder, um auszuruhen; sie warfen uns die Handstücke Obsidian und Bimsstein, die wir sorgfältig gesammelt hatten, weg, und es kam heraus, dass noch keiner auf dem Gipfel des Vulkans gewesen war."

          Humboldt wäre natürlich nicht Humboldt, wenn er nicht trotzdem oben gewesen wäre, und wie er folgen nun auch wir unserem Forscher- und Tatendrang, schlagen alle Warnungen in den Scirocco-Wind und wandern wagemutig und führerlos Richtung Gipfel. Wir brauchen nicht lange, um zu erkennen, dass das alles grober Unsinn ist: die Warnungen, der Widerwillen, der Wanderführer, der Wagemut. Heute braucht man ja nur einem markierten Wanderweg zu folgen. Und eine "Permiso", eine durchnumerierte Gipfelerlaubnis, sollte man bei sich haben. Die legt fest, dass wir uns am 19. März 2009 zwischen neun und elf Uhr auf dem Gipfel des Teide aufhalten dürfen. Man kann sich wundern über diesen aufgezwungenen Zeitdruck, man kann darin aber auch eine weitere Parallele sehen: Auch Humboldt musste 1799 einen strikten Zeitplan einhalten. Im Hafen von Santa Cruz lag die "Pizarro" unter Segeln, aufbruchbereit nach Venezuela, auf der Hut vor englischen Schiffen, und wartete nur, weil sich Humboldt zuvor beim Kapitän seine Permiso zur Besteigung des Piks eingeholt hatte.

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