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Hongkong für Feinschmecker : Die beste Kantine der Welt

  • -Aktualisiert am

Das soll ein Sternerestaurant sein? Kaum zu glauben, aber wahr: Das Tim Ho Wan in Hongkong ist dem Michelin eine Auszeichnung wert. Bild: Jochen Müssig

Haute Cuisine muss immer teuer sein? Weit gefehlt! In Hongkong gibt es ein Restaurant, das mit einem Michelin-Stern dekoriert ist und trotzdem nur Preise wie ein Straßenimbiss nimmt.

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          Damast und Silberbesteck, Weinkartenenzyklopädie und Sommelier, Kronleuchter und Blattgold sind die Zutaten, die das Menü in den meisten europäischen Sternerestaurants begleiten. Das Besondere auf dem Teller muss sich im Besonderen des Dekors und Ambientes widerspiegeln - so lautet das ungeschriebene Gesetz der Haute Cuisine, denn nur dann kann das kulinarische Erlebnis zu einem unvergesslichen Ereignis werden.

          Nun sind wir als bekennende Feinschmecker in Hongkong gelandet und dem Guide Michelin dankbar, dass er die besten Restaurants der Stadt nach seinen zuverlässigen Qualitätskriterien klassifiziert hat. Wir wählen das „Tim Ho Wan“ aus, über dem ein Stern leuchtet, und wundern uns darüber, dass dieses Haus keine Reservierungen akzeptiert. Wir denken nichts Böses dabei - andere Länder, andere Sitten eben - und vertreten uns vor dem Lokal zusammen mit anderen Wartenden die Beine, als stünden wir an der Trambahnhaltestelle. Ab und an geht die Tür auf, und zwei Glückliche dürfen eintreten. Wir sind ganz zufrieden, in Gesellschaft zu sein, denn das Restaurant liegt nicht gerade in der besten Gegend der Glitzerstadt Hongkong. North Point ist ein Viertel der eher kleinen Leute, in dem es noch einen Schreiner gibt, einen Wahrsager, eine Autowerkstatt und einen Kindergarten. Dieser liegt genau vis-à-vis vom „Tim Ho Wan“.

          Ruppige Bedienung, phantastisches Essen

          Endlich sind auch wir an der Reihe - und unsere Irritationen gehen munter weiter. Das Amuse bouche fällt aus. Es gibt auch keine Tischdecken. Statt Silberbesteck liegen Einwegessstäbchen in Papiertütchen auf dem Tisch. Auch sonst entspricht das Ambiente eher einer Kantine als einem Weihetempel der Haute Cuisine. Und die Speisekarte wird wie beim Billig-Chinesen zu Hause zum Bestellzettel: Wir kreuzen brav an, was wir essen möchten. Sogleich reißt uns die Bedienung mit harscher Herzlichkeit den Zettel aus der Hand. Wortlos. Die Frage nach der Weinkarte wird mit heruntergezogenen Mundwinkeln quittiert. Dafür kommt - wieder ungefragt - eine Kanne grüner Tee auf den Resopaltisch.

          Der Herrscher über das Dim Sum: Chefkoch Mak Kwai Pui probiert seine eigenen Kreationen.

          Irgendwann hören wir auf, uns zu wundern, und lassen die Dinge ihren Lauf nehmen. In kurzen, aber regelmäßigen Abständen kommen die Gänge frisch aus der Küche. Sie werden in traditionellen Bambuskörbchen serviert, denn das „Tim Ho Wan“ besuchen Einheimische wie Ausländer wegen des Dim Sum, jener kleinen, meist gedämpften Köstlichkeiten, die das Herz berühren - so die Übersetzung für Dim Sum. Zunächst speisen wir noch. Doch nach ein paar Gängen passen wir uns den Landessitten an, beginnen zu futtern und freuen uns darüber, dass die Kantonesen einst Dim Sum erfanden und sich die Hongkong-Chinesen zügig an seine Verfeinerung machten. Noch mehr freuen wir uns über die fabelhafte Qualität, Frische und Vielfalt der Gänge. Am allermeisten aber - es sei uns verziehen - erfreut uns der Preis: Im Durchschnitt kostet ein Körbchen zwanzig Hongkong-Dollar, etwa zwei Euro. Was braucht man da Damast und Silber, Sommelier, Kronleuchter und das ganze Drumherum? Auf die inneren Werte kommt es doch an! Auf die zarten Bällchen und Röllchen, die gefüllt sind mit Seeschnecken, Schweineleber, Schrimps oder Gemüse. Darauf bringen wir einen Grüntee-Toast auf das günstigste Sternerestaurant der Welt aus!

          Der Meister macht die Runde

          Bei fünfzehn Euro sind wird pappsatt. Dann kommt Mak Kwai Pui an den Tisch. Als er sich 2009 selbständig machte, brachte er das Kunststück fertig, am Anfang des Jahres noch für sein Gourmetrestaurant im Hotel Four Seasons einen Stern zu halten und Ende des Jahres mit seinem eigenen „Tim Ho Wan“ gleich wieder einen zu bekommen. Mak macht die Lokalrunde und holt sich sein Lob von den Gästen ab, wie andere Sterneköche auch. Aber das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

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