https://www.faz.net/-gxh-a7p1c

Mit Vögeln unterwegs : In Socken nach Amerika

Hitchcock lässt die Vögel los: Rette sich wer kann! Bild: Allstar/Universal

Auf manchen Reisen erinnert man sich an Filme – und bei manchen Filmen an die eigenen Reisen. Bodega Bay etwa bleibt auf ewig verknüpft mit Alfred Hitchcock.

          2 Min.

          Neulich war ich mal wieder in Bodega Bay. Zumindest in Gedanken. Das lag an Weihnachten oder Neujahr oder einem der anderen vielen, langen, freien Tage in dieser Zeit des Jahres, an denen es so früh dunkel wird und es nirgendwo gemütlicher ist als auf dem Sofa vor dem Fernseher. Die Beine ausgestreckt und die Füße in dicke Wollsocken gepackt, selbstgestrickt von irgendjemandem aus der Familie und schon allein deshalb dem Anlass und der Jahreszeit angemessen, weil sie vor einer halben Ewigkeit ein Weihnachtsgeschenk gewesen sind.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Bodega Bay, das ist der Ort, in dem Alfred Hitchcock einen seiner berühmtesten Filme gedreht hat. Den Film, der einer ganzen Generation für lange Zeit den Schrecken in alle Glieder fahren ließ, selbst wenn sich nur eine einzelne Krähe auf dem Klettergerüst irgendeines Kinderspielplatzes niedergelassen hatte: „Die Vögel“ aus dem Jahr 1963. Heute freilich wissen die wenigsten jungen Menschen noch, wer Alfred Hitchcock war. Und es braucht bei ihnen mehr als eine kreischende Vogelschar, um sie das Fürchten zu lehren.

          Alfred Hitchcock und Tippi Hedren bei der Premiere des Film „Die Vögel“ 1963 in Cannes.
          Alfred Hitchcock und Tippi Hedren bei der Premiere des Film „Die Vögel“ 1963 in Cannes. : Bild: Picture-Alliance

          Ich weiß nicht mehr, wann ich „Die Vögel“ zum ersten Mal gesehen habe, aber ich weiß, wann ich das erste Mal in Bodega Bay gewesen bin: vor einem halben Menschenleben. Zu zweit waren wir in New York losgefahren, immer Richtung Westen. Ohne Reiseführer, ausgerüstet nur mit einem Atlas, vertrauten wir den Ratschlägen, die wir unterwegs erhielten, und mäanderten durch die Vereinigten Staaten. Als wir den Pazifik erreichten, bogen wir rechts ab, und eine Woche später standen wir auf einem Parkplatz und blickten, statt aufs Meer hinaus, auf die Zeile kleiner Holzhäuschen – einen Laden, ein Lokal, einen Lagerschuppen. Dann sagten wir wie aus einem Mund: „Hier bin ich schon mal gewesen.“ Wir waren so irritiert über das gleichzeitige Déjà-vu, dass wir dem Händler im Lebensmittelladen davon erzählten. „You’ve seen the movie“, sagte er bloß und grinste. Das passiere Fremden, die den Ort besuchten, andauernd.

          Wochenlang waren wir durch unsere Kino-Erinnerungen gefahren. Auf der Route 66 durch all die Road Movies, im Monument Valley durch die Western von John Ford, in Los Angeles an lauter Straßenecken vorüber, die wir aus Detektivfilmen und Liebesschnulzen kannten. Schon damals war Amerika durch all seine Filme zur Zweitheimat unserer Erinnerung geworden. Dies kleine Städtchen mit seinen tausend Einwohnern aber hatten wir nicht auf dem Radar gehabt. Und jetzt ging es mir umgekehrt.

          Jetzt brachte mich der Film zurück an den Ort. In Socken war ich dort angelangt. Mir fiel das Gespräch im Laden wieder ein. Der Kaffee, den wir in dem Lokal mit dem Panoramafenster getrunken haben. Und das Foto, das wir vor dem Schulhaus machten. Und dann fiel mir noch ein, dass bei einem zweiten Besuch, Jahre später, ein großes Schild am Ortsrand aufgestellt worden war, auf dem Bodega Bay mit Alfred Hitchcock und dem Filmtitel für sich warb. Das hätten die Bewohner ja mal früher machen können. Vielleicht steht es noch da, auch wenn die jungen Menschen heute weder Alfred Hitchcock noch „Die Vögel“ kennen.

          Kurz hinter Bodega Bay bogen wir ein zweites Mal rechts ab und fuhren zurück nach New York.

          Weitere Themen

          Der Ruhe die Ruhe lassen

          Miltenberg in Franken : Der Ruhe die Ruhe lassen

          Verwunschen, verwildert, aber nicht vergessen: Der Alte Jüdische Friedhof von Miltenberg ist seinen berühmten Pendants in Berlin, Prag und Jerusalem in manchem voraus.

          Sehr schön einsam

          Wandern in Irland : Sehr schön einsam

          Auf der Halbinsel Beara im Südwesten Irlands führt ein Wanderweg durch menschenleere Landschaften und verwaiste Dörfer. Jetzt ist es hier noch stiller als sonst – und noch berauschender.

          Topmeldungen

          In einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Neuburg erhalten zwei Senioren die erste Corona-Schutzimpfung.

          Entwurf aus Spahns Ministerium : Auch Hausärzte sollen impfen

          Spätestens von Ende April an sollen auch Hausärzte eine Covid-19-Impfung verabreichen dürfen. Das sieht ein Papier des Gesundheitsministeriums vor, das der F.A.Z. vorliegt. Abweichungen von der Impfreihenfolge sollen aber weiter nicht erlaubt sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.