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Historische Fotografien : Neapel

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Die Porta Capuana fotografierte Michele Amodio 1882 Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen / Sammlung Siegert

Einerlei, wohin es frühe Italien-Besucher trieb, die Fotografen waren immer schon da gewesen. Eine Ausstellung in München.

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          Zehn Tage lang macht das Ehepaar Fontane bei seiner Bildungsreise nach Italien 1874 Station in Neapel. Während es "Theo ins Museum" zieht, besorgt Gemahlin Emilie Andenken: "nach dem Frühstück im salle, gehe ich zu Giorgio Sommer u. kaufe 1 Dtz. Photographien à 5 Fr." Wir wissen nicht, welche Aufnahmen sie nach Berlin mitnahmen, aber Ansichten vom atemberaubenden Golf mit seiner Vesuv-Kulisse fehlten sicherlich ebenso wenig wie Bildsouvenirs vom Pompeji-Besuch. Womöglich kamen einige kuriose Folklore-Szenen ins Album, die Giorgio Sommer im Atelier sorgfältig inszenierte; seine "Makkaroni-Esser", die kleinen Taschendiebe sowie ausgelassene Tarantella-Tänzer dürften manch hartnäckiges Italien-Klischee gefördert, wenn nicht mitbegründet haben. Der gebürtige Frankfurter war der erfolgreichste Fotograf in ganz Süditalien, der Aufnahmen an Touristen verkaufte, und seine Idee, auch Abgüsse antiker Kunstwerke herzustellen und zu vertreiben, optimierte das Geschäft.

          Italiens Karriere als Traumreiseland startete schon im sechzehnten Jahrhundert, als der Jungadel Europas auf "Grand Tour" zu gehen begann. Deutsche Bildungsbürger passierten die Alpen dann in Scharen, seit Goethes "Italienische Reise" ihnen ihr ganz spezielles Sehnsuchtsland in die Seele schrieb. Man wollte erleben, was Goethes Arkadien geformt hatte und den Mythos vom leichten, unbeschwerten Leben im Süden nährte: Italiens Natur und Kunst, sein "ganz sinnliches Volck" und vor allem die seit Johann Joachim Winckelmanns Schriften vergötterte klassische Antike. Goethe rumpelte noch mit der Postkutsche stiefelabwärts bis Neapel. Aber schon bald profitierte der Tourismus von ersten Bahnlinien und fast gleichzeitig von der Erfindung der Fotografie, die im Nu die Druck-Grafik vom Souvenirmarkt verdrängte.

          Die Fotografie als idealer Reisebegleiter

          Was einen damals im Süden erwartete und was den Reisenden interessierte, zeigt jetzt eine Ausstellung historischer Aufnahmen aus der Privatsammlung Siegert in Münchens Neuer Pinakothek anhand der Bilder von zwanzig Fotografen. Da war die heiße, brodelnde Stadt am Golf mit ihren Sehenswürdigkeiten und dem gefährlich rauchenden "Feuerberg", dessen Besteigung zum Pflichtprogramm zählte. Ausflüge in die Umgebung überraschten mit spektakulären Blicken auf Sorrent und Salerno und das pittoreske Amalfi, dessen Strand statt Sonnenschirmlegionen noch Fischerboote belagerten. Am stärksten lockte wohl die stille Größe antiker Ruinen, die römischen Villen, die man sich in den Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum auf intaktem antiken Straßenpflaster erwanderte, und nicht minder die wiederentdeckten griechischen Tempel von Paestum. Griechenland lag nach langer osmanischer Herrschaft noch danieder und war kaum bereisbar, weshalb Antikenbegeisterte in der Magna Graeca, also in Süditalien und Sizilien, zu Zeugnissen einstiger griechischer Besiedlung pilgerten.

          Kaum erfunden, erwies sich die Fotografie schon als idealer Reisebegleiter. Aber auch Wissenschaftler nahmen Lichtbildner auf Forschungstour mit, die ihre Funde schneller und wahrheitsgetreuer dokumentierten als Zeichner. Die Fotografen schlugen dabei zwei Fliegen mit einer Klappe; zum Beispiel nützten Giorgio Sommers Aufnahmen der Gipsabformungen von Erstickungsopfern des Vesuv-Ausbruchs im Jahre 79 nach Christus sowohl der Archäologie wie dem Souvenirjäger. Als Berufsfotograf trieb es Sommer auch zu Ereignissen wie dem Vesuv-Ausbruch von 1872, den er im Halbstundentakt dokumentierte; elf Jahre später setzt er nach Ischia über, um Todesopfer und zerstörte Dörfer nach einem Erdbeben zu fotografieren. Meist aber bedienten Fotografen die Idealvorstellungen der Touristen, und entsprechend wenig erzählen ihre Bilder über die schon damals aus allen Nähten platzende Großstadt Neapel und die verheerenden Zustände in den von Choleraepidemien und Bandenwesen heimgesuchten Elendsvierteln. Die Ansichtskarte feierte hier ihre Geburtsstunde.

          Neapel und der Süden, Fotografien 1846-1900 aus der Sammlung Siegert in der Neuen Pinakothek München. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Februar 2012 zu sehen. Ein Begleitband ist im Hatje Cantz Verlag erschienen, 192 Seiten, 130 Abbildungen, gebunden, 39,80 Euro.

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