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Portugiesische Dörfer : Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

  • -Aktualisiert am

Herausgeputzt und unbelebt: Monsanto. Bild: Picture-Alliance

Im zentralportugiesischen Hinterland sind ein Dutzend historischer Orte Schönheitsoperationen unterzogen worden. Trotz des Liftings laufen diesen Museumsdörfern die Bewohner davon.

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          Durch das mächtige Stadttor in den Zyklopenmauern drangen wir in Idanha-a-Velha ein, als beträten wir ein römisches Oppidum. In den steingepflasterten Straßen regte sich nichts, kein Mensch, kein Tier, kein Wagen, vielleicht lagen die Legionäre im Hinterhalt, vielleicht waren sie aber auch ausgerückt, um die aufsässigen Lusitaner zu jagen. Der Ort war wie leergefegt, wirkte jedoch nicht wie vor langer Zeit aufgegeben, vielmehr erst vor kurzem verlassen, vorübergehend evakuiert womöglich. Es gab keine Spur von Verfall, die Häuser, das Pflaster, alles machte einen gepflegten Eindruck.

          Vielleicht war eine Epidemie ausgebrochen, und alle Welt siechte in den Häusern dahin, man hörte allerdings kein Stöhnen, keine Schreie, kein Wehklagen, es war sonderbar, beinahe gespenstisch. Doch dann erklang der bohrende Gesang einer Bohrmaschine und führte uns zu einer Hausfassade, vor der das Auto der Handwerker stand und hinter der sich ein Café befand, das ebenso geöffnet war wie das Tourismusbüro nebenan. Ein Mann stürzte aus einem Nachbarhaus und fragte euphorisch: „English, French? Come and see my shop just around the corner“, und rasselte mit dem Schlüsselbund.

          Idanha-a-Velha sei „ein Dorf für die Sinne“, betet der Werbeprospekt daher. „Hier ist das Leben Emotion.“ Welches Leben? Hier hat man das Gefühl, in einem Geisterdorf gelandet zu sein. Keine Römer, keine Sweben, keine Goten, keine Mauren, keine Templer mehr – das war zu erwarten. Aber auch fast keine Portugiesen mehr. Welcher Geruch liegt in der Luft, wenn nicht der herbe Hauch der Vergänglichkeit? Welchen Geschmack verspricht dieser Ort ohne Restaurant, wenn nicht den Vorgeschmack des Todes? Kaum sieht man ein paar Leute, hört eine alte Stimme, der Rest ist Stille. Ein Traktor steht an einem schönen großen Natursteinhaus und verrät nicht, wann er zuletzt durchs Dorf gerattert ist.

          Die Menschen sind abhandengekommen

          Lediglich der Tastsinn kommt auf seine Kosten, viel alter Stein zum Anfassen ist vorhanden, der Stadtmauerring mit sieben Türmen, die präromanische Basilika und das sich anschließende Ruinenfeld mit den gehegten Resten möglicherweise eines Baptisteriums und einer Prälatur, der Verteidigungsturm des Tempelritterordens und der manuelinische Pelourinho, Pranger, Symbol städtischer Rechte und Gewalten und bürgerlichen Stolzes. Ein Dorf der Steine. Die Menschen hingegen sind der ehemaligen römischen Civitas und westgotischen Bischofsstadt abhandengekommen. Und doch ist Alt-Idanha auf Hochglanz poliert.

          Keine Römer, keine Sweben, keine Goten, keine Mauren, keine Templer mehr: Das römische Tor in Idanha-a-Velha.

          Als José Saramago im Jahr 1980 auf seiner Reise durch Portugal nach Idanha kam, war das römische Monumentaltor bereits restauriert, doch die Kathedrale mit Maschendraht abgesperrt, das Trümmerfeld ein Unkrautdickicht, und die vierzehn oder fünfzehn Jahrhunderte alten Taufbecken standen unter einem simplen Holzverschlag, unter dem sie von der Feuchtigkeit zerfressen wurden. Ein Elend, eine infame Nachlässigkeit, ein Verbrechen, echauffierte sich der auf Kirchenkunst versessene Reisende. „So kümmert sich Portugal um sein kulturelles Erbe.“

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