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Portugiesische Dörfer : Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

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Schön ist es, keine Frage, und als Quasi-Nationalheiligtum selbstredend „wie geleckt“, so schrieb seinerzeit José Saramago. Zwar wurde die touristische Infrastruktur ausgebaut, der Bevölkerungsschwund dadurch allerdings nicht gestoppt. Das emblematische Monsanto weist für die Jahre 1991 bis 2011 mit vierzig Prozent die dritthöchste Schrumpfrate aller zwölf Historischen Dörfer auf. Seit dem Einwohnerhöchststand von 1950 sind netto fast achtzig Prozent seiner Bewohner demographisch verdunstet, damals wurden dreitausendachthundertsechsundvierzig gezählt, sechs Jahrzehnte später dreitausend weniger.

Die Magie funktioniert nicht so recht

Piódão, ein weiteres historisches Vorzeigedorf, das mit seinen Häusern aus dunkelbraunem Schiefergestein, Dächern aus dunkelgrauen Schieferplatten und seiner kalkweißen Kirche pittoresk am terrassierten Berghang klebt, verlor in besagten zwei Jahrzehnten per Saldo mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung und seit seinem Maximum von 1950 vierundachtzig Prozent. Die Erhaltung des Kulturguts dieser Dörfer und die Verbesserung der Lebensqualität sind zweifellos verdienstvoll, aber zu einer wirtschaftlichen Existenzgrundlage ist ihnen damit anscheinend nicht verholfen worden.

Vorzeigedorf Piódão: Bausubstanz gerettet, Dorf tot.

Von alten restaurierten Bauten, von Ästhetik oder historischer Größe allein lässt es sich wohl nicht leben, ebenso wenig von Stippvisitentourismus. Tourismusförderung vermag den Megatrends Landflucht und Verstädterung und der periodischen Emigration kaum zu trotzen. In Monsanto sitzen ältere Frauen vor ihren Häusern und preisen mit zarter, fast flehender Stimme „Marafonas“ an, handlange Püppchen mit einem Holzkreuz als Skelett und bunten Stoffresten als Gewand, Amulette, die Haus, Vieh und Ernte schützen und frisch Getrauten Fruchtbarkeit und Glück verheißen. Doch es gibt weder Vieh noch Jungvolk in Monsanto und nur magere touristische Ernte – die Magie funktioniert selbst hier nicht so recht.

Die Ziegen wurden noch nicht wegsaniert

Wie gut Linhares da Beira mit Stein bestückt und wie spärlich der Ort bevölkert ist, macht ein numerisches Verhältnis deutlich: Auf je zehn Einwohner kommt ein denkmalgeschütztes Bauwerk. Granithäuser mit manuelinischen Fenstern und Maueröffnungen, ehemalige öffentliche Gebäude wie das Gefängnis oder das Hospiz, Gotteshäuser, der Schandpfahl. Die Straßen sind erwartungsgemäß verwaist, keine Juden mehr im Judenviertel, keine Römer mehr auf dem Römerweg von Emerita Augusta (Mérida) nach Bracara Augusta (Braga).

Das Castelo aus dem dreizehnten Jahrhundert gehörte uns, die Mauern, zwei Türme, zwei Zisternen: Kapelle und Burg in Linhares da Beira.

Außer uns interessierte sich nur ein junger Mann für Linhares, ein Gallier, dem Autokennzeichen nach zu urteilen; er war schnell wieder weg. Das Castelo aus dem dreizehnten Jahrhundert gehörte uns, die Mauern, zwei Türme, zwei Zisternen, der Rest war von Gras und Granit bewachsene, innere Leere. Zwischen Burg und Pfarrkirche sahen wir zum ersten Mal in diesen Dörfern eine Verunreinigung, die Ziegen waren offensichtlich nicht wegsaniert worden, das alte ländliche Portugal lebte noch. Am langgestreckten Platz vor der Kirche lagen ein Geschäft mit kulinarischen Regionalprodukten und sonstigen Mitnehmseln – geschlossen, ein Restaurant – geschlossen und eine Bar – geöffnet. In dem düsteren Raum saßen vier laut schwadronierende Frauen beim Mittagessen, die Wirtin inklusive. Sie wehrte ab, auf Gäste war sie nicht eingestellt, es tue ihr leid. Da biss sich die Katze in den Schwanz.

Portugiesische Dörfer

Ein 565 Kilometer langer, ausgeschildeter Fuß- und Radwanderweg, die „Grande Rota das Aldeias Históricas de Portugal“ (GR22), verbindet die zwölf Orte miteinander. Er kann über eine 40 Kilometer lange Querachse in zwei Rundwege geteilt werden. An der Strecke liegen viele weitere Dörfer. Informationen über die Route im Internet unter www.portuguesetrails.com, zu den Historischen Dörfern unter www.aldeiashistoricasdeportugal.com.

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