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Portugiesische Dörfer : Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

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Der letzte Widerstand der Lusitanier

Inzwischen hat der portugiesische Staat mit Hilfe der Europäischen Gemeinschaft ein Einsehen gehabt und Anfang der neunziger Jahre ein Programm aufgelegt, in dessen Rahmen zwölf Orte in der zentralportugiesischen Region Beira Interior saniert, restauriert und für den Tourismus feingemacht wurden, um sie vor dem Verfall zu bewahren, ihnen ein wirtschaftliches Standbein zu verschaffen, die Lebensqualität zu verbessern und die Abwanderung zu bremsen.

Diese „Aldeias Históricas“ sind Dörfer und Städtchen mit viel Geschichte, die überlebt haben und abgeschieden im Hinterland liegen, zum großen Teil unweit der bedeutungslos gewordenen und demographisch entlaubten Grenze zu Spanien – und die trotz ihrer Felsenburgen, Zitadellen, Kapellen, Schandpfähle und Granitschweine, trotz ihrer traditionellen Architektur, malerischen Ansichten und ruhigen Lage in diesem Stück alten, ländlichen, felsigen, mauerumgürteten Portugals zu entschlafen drohen. Denn ungeachtet des Förderprogramms, hat sich die Bevölkerung Idanhas zwischen den Volkszählungen der Jahre 1991, 2001 und 2011 von dreiundneunzig auf dreiundsechzig Ausharrende verdünnt.

Wo Straßen sich um Felsen winden: Monsanto galt einst als portugiesischstes Dorf Portugals.

Der siebenhundertfünfzig Meter hohe heilige Berg ragt einsam aus der Ebene heraus, über die vor zweitausend Jahren die römischen Legionäre anmarschierten. Dort oben in den Felsen sollen die widerspenstigen Lusitaner letzten Widerstand geleistet haben. Hätten sie die überall herumliegenden Felsblöcke nur ein bisschen anschubsen können, wäre Portugal vielleicht nicht erst elfhundert Jahre später geboren worden. Doch um die wie hingeworfen scheinenden, auch übereinandergetürmten, rundgeschliffenen Granitmurmeln und damit die Geschichte in die gewünschte Richtung zu bewegen, dazu waren die riesigen Kugeln und Klumpen zu schwer.

Schweinehäuser aus Granit

Die Templer zogen später auf der Spitze des Bergs bloß ein paar Mauern von Fels zu Fels, setzten Turm und Kapelle in ihre Burg, die Erben der lusitanischen Patrioten bauten ihre Wohnstätten zwischen, an und unter die Felsen, und fertig war Monsanto. Hier und da hat es den Anschein, als wüchsen grandiose Granitgeschwülste aus Hauswänden und Dächern. Außer den neuen roten Ziegeldächern ist alles aus Granit in diesem Dorf: Kirchen und Kapellen, Uhrturm und Brunnen, Pelourinho und Kreuzträger, die Hauswände und das Pflaster der grauen Gassen, die wegen der vorwitzigen Felsen manchmal Umwege machen müssen. Sogar die Schweineställe bestehen aus Granit, die Schweine sind allerdings für den Tourismus wegsaniert worden, aus Gründen der öffentlichen Hygiene, wie es heißt. Sie wohnten wie die Menschen, hatten ihr Einfamilienhaus mit Vorgarten und Pool und Granitzaun. Am Weg zur Burg lassen sich einige Schweinewohnungen einsehen.

Welches Leben? Hier hat man das Gefühl, in einem Geisterdorf gelandet zu sein.

Monsanto bekommt deutlich mehr Besuch als Idanha-a-Velha, doch ob dies dem portugiesisch-europäischen Förderprogramm zuzuschreiben ist, darf bezweifelt werden. Monsanto hatte vorher schon einen Namen, einen düster-romantischen, patriotisch-melancholischen Nimbus, das Dorf war allen Portugiesen ein Begriff. In einem landesweiten, vom Nationalen Propaganda-Sekretariat des Salazar-Regimes organisierten Wettbewerb war es 1938 zum „portugiesischsten“ – nicht schönsten – Dorf Portugals auserkoren worden.

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