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Macrons Heimatstadt Amiens : Der Weg von der Vogelscheuche zum Staatspräsidenten

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Die schöne Allianz aus Lebenslust und Genusssucht: Feierlaune im Viertel Saint-Leu unterhalb der Kathedrale Bild: Rob Kieffer

Schrebergärten und Kunsthappenings, Bio-Gemüse und Liebesgeschichten mit nationalen Folgen: Erstaunliche Entdeckungen in der nordfranzösischen Stadt Amiens, der Heimatstadt des Präsidenten.

          6 Min.

          Eine Entenfamilie nimmt paddelnd und quakend Reißaus, als wir mit unserem Elektroboot in den Kanal abbiegen, der von Birken- und Erlenlaub überschattet ist. Libellen umschwirren Seerosen, während zwei Löffelreiher mit ihren langen Schnäbeln um einen günstigen Nistplatz im Schilf kämpfen. Angler werfen ihre Ruten nach Aalen, Barschen und Rotaugen aus. Auf üppig begrünten Inselchen winken uns Schrebergärtner mit Rechen und Grillzangen zu. Manche der aus Brettern gezimmerten Lauben sind von wilder Vegetation umwuchert und könnten verborgene Schauplätze für Huckleberry-Finn-Abenteuer sein. Doch die meisten Häuschen und ihre akkurat gemähten Rasen sind so liebevoll mit schmiedeeisernen Rosenportalen, feingesteckten Geranienbeeten und bunten Gartenzwergen geschmückt, dass sie alle Chancen haben, im alljährlichen Gartenschmuckwettbewerb eine Trophäe zu erringen.

          In der nordfranzösischen Stadt Amiens und ihren Vororten verwandelt sich die Somme, die flussaufwärts noch von den Gespenstern einer der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkrieges geprägt ist, in eine amphibische Welt von entrücktem Zauber. Der zweihundertfünfzig Kilometer lange Strom bildet hier, kurz bevor er in den Atlantik mündet, einen Flickenteppich aus Teichen, Kanälen, Wassergräben und Rinnsalen, die fruchtbare Eilande umschmiegen. Schon unter Cäsar wurde in diesen sogenannten Hortillonages, die ihren Namen dem lateinischen Wort „hortus“ für Garten zu verdanken haben, Gemüse für ganze Legionen angebaut. In den folgenden Jahrhunderten wuchsen die Torfparzellen auf mehr als zehntausend Hektar Fläche an und belieferten ganz Nordfrankreich mit Kartoffeln, Karotten, Kohl und anderen Feldprodukten. Später ließ die Konkurrenz von Supermärkten und industriellen Gewächshäusern die schwimmenden Gärten auf dreihundert Hektar Fläche schrumpfen. Zum Glück verhinderten protestierende Bürger in den siebziger Jahren, dass eine Umgehungsstraße durch das Biotop gebaggert wurde. Es wäre wohl sein Todesurteil gewesen.

          Kunst am Kanal

          Wir legen mit unserem Boot am Steg des Musée des Hortillonages an. Hausherr René Nowak begrüßt uns mit dem festen Händedruck eines Schwergewichtsringers. Die Muskelkraft verdanke er seiner von Jugend an betriebenen Arbeit als Hortillon, als Gemüsebauer, sagt Monsieur Nowak. Er greift unter den vielen Exponaten des Museums eine alte Schaufel zum Ausbaggern der Wasserwege heraus und demonstriert, wie er, einem Sisyphos gleich, die Gräben vor Verschlammung und die Ufer seiner Schollen vor Erosion bewahren musste. „Längst haben Maschinen diese Arbeit übernommen“, sagt René Nowak, „trotzdem ist der Beruf noch immer eine Plackerei.“ In den besten Zeiten, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, waren in Amiens’ Inselwelt fast tausend Hortillons am Werk, heute ist es noch ein knappes Dutzend. Alte Fotos im Museum zeigen, wie die Transportbarken mit ihren geteerten Eichenplanken und dem hohen Bug zum Andocken an Böschungen von den Frauen mit einer hölzernen Stechstange fortbewegt wurden, während ihre Männer am Ufer am Tau zogen. Diese archaische Beförderungsart ist passé, heute kommen die Kähne lediglich als Ausflugsboote für Touristen zum Einsatz. Verwitterte Gärtnerschuppen wurden zu pittoresken Ferienwohnungen in verspielter Pippi-Langstrumpf-Architektur restauriert, die zwar nur eine Viertelstunde Fußweg vom Stadtzentrum entfernt liegen und dennoch von Stille und urwüchsiger Vegetation eingehüllt sind.

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