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Heliskiing im Kaukasus : Wo die Grenzen wirklich Grenzen sind

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Skifahren am Tschauchi-Massiv, den Dolomiten des Kaukasus. Bild: Andreas Lesti

Vergiss deinen Thomas Mann und schau, dass du hier wegkommst: Beim Heliskiing im einsamen Norden Georgiens geht es um die richtige Mischung aus Verzückung und Vorsicht.

          7 Min.

          Es ist so – wenn sich ein Skifahrer in vollem Tempo im knietiefen Schnee ein wenig zu weit nach vorne beugt, weil der Übermut und die Höhenluft und noch ein paar andere sinnesraubende Faktoren ihm in diesem Moment vorgaukeln, das sei das Richtige, dann passiert Folgendes: Der linke Ski taucht ab, rutscht schräg unter den rechten und verkantet tief im Schnee. Der Sturz, das weiß man innerhalb von Sekundenbruchteilen, ist nun nicht mehr zu vermeiden. Hoppla, denkt man noch und wird zum handlungsunfähigen Beobachter seiner Selbst, das sich gerade zerlegt. Der Körper hebt ab, beschreibt unter der strahlenden Wintersonne in Zeitlupe eine Rechtsdrehung, während im Augenwinkel der linke Ski durch stiebenden Pulverschnee wirbelt. Vielleicht hat man Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (Herbst) im Kopf, wenn sich auch der rechte Ski löst und der Körper nach einer halben Drehung in F-Dur im Pulverschnee einschlägt. Dort wird er zu einem unlogischen Gebilde aus Stöcken, Stiefeln und Helm, verliert mit einer Rolle rückwärts seine Geschwindigkeit, wirbelt eine Schneewolke auf und bleibt schließlich liegen.

          An Intensität kaum zu überbieten

          Da liegt man dann, bedeckt von „blödsinnig regelmäßiger Kristallometrie“, wie Thomas Mann im „Zauberberg“ geschrieben, aber irgendwie dann doch den Spaß an der ganzen Sache verkannt hat. Denn solange man unverletzt bleibt, ist so ein Sturz im weichen Pulverschnee an Intensität und Lebensfreude kaum zu überbieten. Und dann schüttelt man sich, schreit laut „Juchuuu“, klopft den Schnee aus den Ärmeln, dem Anorak und der Skibrille. Und wenn dann das eiskalte Schneewasser Hals und Rücken hinabrinnt, sickern auch Vernunft und Realität zurück ins Bewusstsein.

          Wir sind nicht in einem Skigebiet in den Alpen, sondern beim Heliskiing in den einsamen Bergen des wilden Kaukasus, irgendwo im Norden Georgiens. Was ist, wenn das Knie nun doch etwas abbekommen hat? Wenn eine Lawine abgeht? Und dann ein russisches Tief verhindert, dass der Hubschrauber landen kann? Ein paar hundert Meter weiter stehen die Gruppe und die Bergführer, sie winken und rufen, weil sie wissen wollen, ob alles okay ist. Etwas weiter oben liegen die Skier, und es dauert lange, sie zu holen, weil man ohne sie bis zum Bauchnabel im Schnee versinkt. Erst nach langen Minuten anstrengendsten Stapfens, Robbens und Grabens kann es weitergehen. Man ist chancenlos gegen diese Naturgewalt, die gerade mal kurz ihre Muskeln zucken ließ, als wollte sie sagen: Vergiss deinen Vivaldi und deinen Thomas Mann und schau, dass du hier wegkommst!

          Bis die Oberschenkel brennen

          Und damit ist schon einiges über das Abenteuer Skifahren im Kaukasus gesagt. Rund um den georgischen Ort Kasbegi gibt es phantastische Berge, feinsten Pulverschnee und sogar ein luxuriöses Designhotel mit Hubschrauberlandeplatz. Skilifte und Pisten gibt es keine, und daher fliegt der Heli auf bis zu 3000 Meter Höhe, setzt dort eine Gruppe Wintersportler ab und donnert dann hinunter ins Tal, um die Gruppe dort wieder aufzusammeln und zum nächsten unberührten Tiefschneehang zu fliegen. In der Einsamkeit dieses fernen Hochgebirges schwingt man dann durch den glitzernden Schnee, bis die Oberschenkel brennen – und jauchzt, bis die Stimmbänder versagen.

          Im Wirbel des startenden Hubschraubers auf irgendeinem Bergkamm im Norden Georgiens. Die Skier sollte man besser schon an den Füßen haben.

          Das Abenteuer Heliskiing im Kaukasus besteht aus der richtigen Mischung von Verzückung und Vorsicht. Das hat auch der Reiseveranstalter verinnerlicht, der dies alles ermöglicht. „In einer Gruppe haben wir immer zwei Bergführer dabei. Außerdem steht immer ein zweiter Heli bereit“, sagt der österreichische Bergführer Wolfgang Russegger und erklärt, dass man für Strecken, die ein Heli in fünf Minuten zurücklegt, mit dem Auto fünf Stunden braucht. Wie lange man dann zu Fuß braucht, darüber möchte man gar nicht erst nachdenken. Russegger arbeitet für die österreichische Firma Wucher, die Heliskiing seit 2012 im Kaukasus anbietet, und hat, wie seine Kollegen auch, ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Gefahren, die damit einhergehen. Die Sicherheitsstandards haben die Bergführer und Piloten aus Österreich und der Schweiz mitgebracht, die Einschätzungen der Wetter-, Wind- und Schneesituation sind immer defensiv, das Notfallnetz engmaschig. Anders als in den Alpen gibt es keinen Lawinenlagebericht, den man sich morgens im Netz ansehen kann. „Wir müssen hier selbst Schneeprofile graben und sammeln alle Informationen über Neuschnee, Wind und Schneestabilität“, so Russegger.

          „Hello Kitty“, „Highway to Heaven“ und „Bella Vista“

          Seit 2013 erweitert das Wucherteam das Terrain Jahr für Jahr. Man baute Kontakte in der Gegend auf, und das Militär gab nach und nach mehr Flugreviere frei. Mittlerweile dürfen die Piloten des Unternehmens in einem 40 mal 96 Kilometer großen Korridor fliegen. Das sind rund 3800 Quadratkilometer, siebenmal so groß wie der Bodensee. In diesem Gebiet haben sie mittlerweile 100 Abfahrten samt geeigneter Landepunkte für die Hubschrauber erschlossen. Diese „runs“ tragen Namen wie „Canale“, „Powder Box“, „Hello Kitty“, „Highway to Heaven“ und „Bella Vista“.

          Das Rooms Hotel in Kasbegi, der Heli-Landeplatz ist gleich dahinter.

          Auch der Schweizer Marco Huser, einer der Piloten des Airbus H125, betont die Sicherheit, die über dem ganzen Vergnügen steht. Spätestens um 16 Uhr müsse er mit den letzten Gästen zurück sein. „Das ist der große Unterschied zu den Alpen: Wenn etwas passiert, dann hast du hier nicht viel.“ Bei einem Unfall holt ein Hubschrauber die Gäste zurück, während der zweite den Verletzten ins Krankenhaus fliegt. „Und die Grenzen“, sagt er dann noch, „sind hier wirklich Grenzen.“ Auch hier hört der Spaß auf: Wer versehentlich in die angrenzende russische Region Ossetien fliegt, riskiere, abgeschossen zu werden.

          Dass sicherheitsrelevante Ernsthaftigkeit schnell auch zu Enttäuschung führen kann, haben wir schon zu Beginn dieser Heliskiing-Woche erfahren. Nach drei Tagen hatten wir gerade mal fünf Abfahrten absolviert. Am Samstag waren wir von Tbilissi (Tiflis) nach Norden und dann über die legendären Serpentinen der „Georgischen Heerstraße“ in die Berge gefahren, über den Kreuzpass und vorbei am bauboomenden Skiort Gudauri bis nach Kasbegi, zwölf Kilometer vor der russischen Grenze. Der Ort mit seinen unvollendeten Baustellen, streunenden Hunden und alten Ladas heißt offiziell Stepanzminda, nennt sich aber lieber nach dem Schriftseller Alexander Kasbegi, dessen Familie sich wiederum nach dem Hausberg benannte. Auch Puschkin, Tolstoi, Gorki, Lermontow, Hamsun und Dumas sind hier durchgekommen, als sie durch den Kaukasus reisten. Der Kasbek wiederum, dieser namensgebende und markante Fünftausender, taucht schon in der griechischen Mythologie auf. Als äußerster Posten der damals bekannten Welt war der Berg der perfekte Ort, um dort Prometheus anzuketten und ihm täglich einen Adler zu schicken, der seine Leber herauspickt. Das war Zeus’ Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer gebracht hatte. Dem Kaukasus war und ist das alles egal.

          Motivation und Motivationsstrategie

          Beim Briefing erfuhren wir erste Details zur kommenden Woche. „Verlust des Materials“ war auf einem Dokument zu lesen: „Rucksack: 850 , Ski 745 , LVS 315 “. Damit waren schon mal zwei Dinge geklärt. Erstens: Die Leihausrüstung ist auf dem neuesten Stand. Die Rucksäcke haben alle Lawinen-Airbags, und die Verschüttetensuchgeräte (LVS) sind von jedem zu bedienen. Zweitens: Das Zeug ist sauteuer. Aber so ist das nun mal, wenn man im Kaukasus Ski fährt und statt Schlepplift den Hubschrauber nimmt, der den Preis für einen Urlaubstag auf rund 1000 Euro nach oben schraubt. Und doch ist Heliskiing im Kaukasus ein guter Einstieg in diese exklusive Art des Skifahrens. In den Alpen wird es nur vereinzelt und mit begrenzten Möglichkeiten angeboten (etwa in Lech/Zürs, im Aostatal oder im Wallis), und in Kanada, Kamtschatka oder Alaska ist der Spaß schon wegen der Anreise noch teurer.

          Ein „Wolga Gaz 21“ im winterlichen Kasbegi.

          Tatsächlich konnten wir erst am Sonntagnachmittag bei mittelmäßigen Bedingungen fliegen und Ski fahren. Fünf kurze Abfahrten bei schlechter Sicht, aber immerhin. „Eigentlich dachten wir, es geht gar nicht“, gestand der Schweizer Chefguide Marcel Frank später ein. Aber wenn eine neue Gruppe ankommt, ist das wohl Teil der Motivationsstrategie. Am Montagvormittag zeigte sich, dass die auch nötig war. Wir warteten in der Lobby des Hotels, das früher einmal ein russisches Sanatorium gewesen ist, ehe es 2013 als „Rooms Hotel“ eröffnete, darauf, dass es losgeht. Reiche Russen, Georgier und Aserbaidschaner tranken Kaffee, dazwischen machten ein paar Japaner Selfievideos, und keiner von ihnen sah aus, als hätte er irgendwas mit Wintersport zu tun. Wir dagegen konnten es kaum erwarten, in die Berge zu kommen, einige hatten schon Skistiefel an und dampften im Overall vor sich hin. Doch die Wolken hingen tief im Tal, kein Kasbek und kein Tiefschneehang waren zu sehen, und an Fliegen war nicht zu denken.

          Da! Ein kleiner blauer Fleck am Himmel. Ganz langsam schob sich die Sonne durch die Wolken und trieb sie die Hänge hinauf. Plötzlich strahlte die Welt, der Fluss glitzerte, der Schnee blendete, und die Farben dazwischen, die den Kaukasus so grundsätzlich von den Alpen unterscheiden, explodierten: rostbraune Felsen, ockerfarbene Abhänge, ziegelrote Zedern, weiß-schwarz schraffierte Birken, anthrazitfarbene Granite, graumelierte Gneise, silbernes Wasser im sandbeigen Flussbett. Innerhalb von Minuten wurde aus der tristen Bergeinöde eine erleuchtete Berg-Winter-Wüstenlandschaft. Als folge alles einer Dramaturgie, öffnete sich schließlich der Wolkenvorhang im Westen, und der Kasbek erschien vor der Hotelterrasse, markant wie das Matterhorn und höher als der Montblanc, scheinbar zum Greifen nah. Auf einem Hügel davor zeichnete sich die schwarze Silhouette des Gergeti-Klosters ab. Wir waren uns sicher: Das wird unser Tag. In der Vorfreude machten wir Skigymnastik wie einst Manfred Vorderwülbecke und erwarteten sekündlich den Startschuss. Dann kamen sie, Marcel, Wolfgang, ein Pilot, und sagten: „Schön, aber oben viel zu windig.“ Und das war’s für heute. Wir konnten es nicht fassen. „Wennd rausschaugst werst wahnsinnig“, sagte einer der österreichischen Kunden. Das fasste die Situation ganz gut zusammen.

          Aber es geht auch anders. Am nächsten Tag zwinkern uns die Bergführer beim Frühstück zu und sagen: „Drink and blue“ hat gestern an der Bar irgendwie nicht funktioniert. Wieder drücken die Wolken von Norden ins Tal und umnebeln das Hotel. Um elf Uhr bekommen wir eine Nachricht: „Leider noch immer kein Heliski möglich. Nächstes update: 12 Uhr.“ Und dann, als es draußen komplett dicht ist und der Wind Schneeflocken an den Fenstern vorbeipeitscht, kommt Pilot Marco Huser auf uns zu und sagt: „Es sieht gut aus. In einer Stunde geht’s los.“

          Als hätten die Guides Tausende von Diamatnen verstreut.

          Der Heli sticht durch die Wolkendecke ins strahlende Blau und fliegt eine halbe Stunde über einen Bergkamm nach dem nächsten. Wir blicken auf ein verlassenes Tal nach dem nächsten, und nur einmal zeugt eine Hochspannungsleitung davon, dass hier schon vor uns Menschen waren. Flögen wir über die Alpen, dann wären hier Hoteldörfer und Talstationen, Speicherseen und Tunnelgalerien, Hütten und Bergstationen. Der Heli setzt uns auf einem schneeverwehten Grat ab und fliegt wieder davon. Wir sind ratlos. In welches Tal würden wir nun abfahren, um zurückzukommen? Wo ist das nächste bewohnte Gebiet? Wo das Hotel? Und folgen den Anweisungen der Bergführer.

          Nicht die Alpen, sondern der wilde Kaukasus

          Freitag, das große Finale. 16 „runs“ und 9000 Höhenmeter werden es heute, insgesamt 28 000 in dieser Woche. An den Hängen der Tschauchi-Berge, „Dolomiten“ genannt, weil sie aussehen wie die kaukasische Antwort auf den Südtiroler Rosengarten, fahren wir durch butterweichen Schnee. Auf der „Bella Vista“ funkelt alles, als hätten die WucherGuides dort Tausende von Diamanten verstreut. Und auf dem „Highway to Heaven“ hat der Übermut zu jener rasanten Rolle rückwärts im Tiefschnee geführt.

          Am späten Nachmittag sinken wir auf der Hotelterrasse erschöpft und glücklich in die Sessel. Die Sonne geht irgendwo neben dem Kasbek unter, und die Barkeeper aus Tbilissi servieren im Bewusstsein ihrer eigenen Coolness georgisches Argo-Bier. „Viel besser geht’s nicht“, sagt ein Vorarlberger Skilehrer und blinzelt in die Sonne. Und dann kann man sich noch ein letztes Mal selbst beobachten: wie man sich nach vorne beugt, das kühle Bierglas umgreift, es anhebt, wie man dem Österreicher zuprostet und ihm uneingeschränkt zustimmt.

          Der Weg nach Georgien

          Anreise Lufthansa fliegt sonntags und donnerstags in knapp vier Stunden direkt ab München nach Tbilissi (freitags zurück, ab ca. 300 Euro). Alternativ fliegen verschiedene andere Fluglinien mit Zwischenstopp in die georgische Hauptstadt. Von dort sind es noch mal ein paar Stunden Autofahrt bis nach Kasbegi.

          Skifahren Bei „Gudauri Heliskiing“ (Wucher) kostet die siebentägige Reise „Unlimeted Heliskiing“ inkl. sechs Flugtagen, unbegrenzten Höhenmetern, Hotel, Verpflegung, Guides und Leihausrüstung 8200 Euro. Die Saison reicht von Januar bis März. Termine und Informationen unter gudauri-heliskiing.at

          Unterkunft Das „Rooms Hotel“ in Kasbegi gehört zu Design-Hotels und liegt auf 1700 Metern mitten in den Bergen; samt Pool, Sauna, Casino und Hubschrauberlandeplatz direkt neben dem Hotel. Mehr unter roomshotel.ge

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