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Äthiopien : Die Hyänen haben immer Hunger

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Fromme Siedler aus Arabien gründeten die Stadt im achten Jahrhundert und gaben ihr mit farbigen Mauern, Moscheen und Schreinen ein eigenes Flair. Bild: Picture-Alliance

Mit einem brandneuen Zug ins äthiopische Mittelalter: In der heiligen Stadt Harar prallt die Moderne an einer Mauer von der Länge aller Koranverse ab.

          10 Min.

          Weg. Einfach weg. Der Hauptbahnhof von Addis Abeba ist verschwunden, einfach fort, der komplette Bahnhof hat sich gerade in Luft aufgelöst, und der Taxifahrer findet sein Ziel nicht. „Weg“, sagt er und macht ein hilfloses Gesicht. Vor wenigen Minuten hielt er sich noch für den größten Fahrer der Stadt. „Good driver?“ „Ja“, bestätigten wir, „guter Fahrer“, was ihm ausnehmend gefiel, denn er pumpte sich hinter dem Lenkrad auf und schoss mit quietschenden Reifen durch einen Kreisverkehr. „Fast driver?“ Natürlich auch das, ein schneller Fahrer, gut und schnell, wahrscheinlich der schnellste überhaupt, und er raste glucksend mit dem gelben Toyota über die noch menschenleeren Straßen von Äthiopiens Hauptstadt. Wiedergutmachung, dachten wir, denn der beste aller Taxifahrer war eine halbe Stunde zu spät zum Hotel gekommen, verschlafen, und nun blinzelt schon die Sonne, es gilt Zeit aufzuholen. Doch statt in den vierspurigen Boulevard einzubiegen, der auf den neuen Bahnhof zuführt, stranden wir an einer gottverlassenen Kreuzung im Nirgendwo und drohen den Zug zu verpassen.

          „No station“, stellt der Fahrer ungerührt fest. Zur Bekräftigung zeigt er aus dem Fenster: keine Gleise, keine Züge, also auch kein Bahnhof. Am liebsten würde er uns hier aussteigen lassen. Wir winken energisch mit den Zugtickets, erklären, dass wir die Fahrkarten gestern gekauft haben, nicht in der Stadt, sondern direkt im neuen Hauptbahnhof von Labu, den Chinesen gebaut haben. „Bahnhof?“, buchstabiert der Taxifahrer, und er könnte jetzt auch Brombeer-Kefir-Sorbet sagen, so schwer und ungewohnt kommt ihm das Wort über die Lippen. Ungläubig dreht er die Tickets in der Hand.

          Anweisungen der chinesischen Investoren sind in Stein gemeißelt

          „Telefonnummer?“ Nein, wir haben unverzeihlicherweise keine Telefonnummer des Bahnhofs notiert, wir sind unvorbereitet unterwegs und wären verloren, besäße nicht ein Mitarbeiter in der Taxizentrale eine vage Vorstellung davon, wo die seltsamen Chinesen das schlossartige Bahnhofsgebäude, das heute offenbar erstmals angefahren wird, errichtet haben. Der entscheidende Hinweis, nach vielen Telefonaten verstanden, bringt uns in einer wilden Schleife durch die Peripherie der Stadt zu einer Baustelle, in deren Schlamm der Fahrer weder parken noch wenden kann. Der Bahnhof liegt auf einem Hügel, wir springen heraus und registrieren, dass wenigstens der Taxameter seine Pflicht getan hat: Der Fahrpreis entspricht dem der kompletten Zugfahrt, aber das ist nun egal, wir sind glücklich, den Zug erreicht zu haben, und der Fahrer reibt sich die Hände. „Bahnhof“, sagt er ungeniert und grinst zufrieden. Er ist der beste und jetzt auch der reichste Taxifahrer Addis Abebas.

          Nur jeden zweiten Tag verlässt eine halbleere Eisenbahn den schmucken Bahnhof von Addis Abeba.
          Nur jeden zweiten Tag verlässt eine halbleere Eisenbahn den schmucken Bahnhof von Addis Abeba. : Bild: Picture-Alliance

          Nichts an dieser neuen Verbindung ist afrikanisch, nicht die resolute Personenkontrolle, nicht das inquisitorische Filzen des Gepäcks auf Wühltischen, nicht die robuste Anweisung, Platz zu nehmen. In der neobarocken Riesenhalle heben wir das Gepäck vom Sitz, stellen uns an, wenn wir in Gruppen auf den Bahnsteig gelassen werden, und ziehen ergeben den Fuß von der weißen Linie, die den Sicherheitsabstand zum Gleis markiert und unvorsichtigerweise touchiert wurde. Die Anweisungen der chinesischen Investoren sind in Stein gemeißelt. Sie zielen auf Sicherheit, volle Züge und hektische Betriebsamkeit. Es ist bewundernswert, dass Chinesen in Dekaden planen, aber zurzeit wirken die Regeln kurios. Nur jeden zweiten Tag verlässt eine halbleere Eisenbahn den schmucken Bahnhof von Addis Abeba. Die Züge rollen parallel zu der vor hundert Jahren von Frankreich gebauten Linie, deren Schwellen unverrottbar aus der afrikanischen Erde ragen. Aus Angst vor Termitenfraß hatten die französischen Ingenieure sie aus Metall gießen lassen. Aber auch das solideste Gleis braucht Wartung, und daran hat es in den vergangenen Jahrzehnten gehapert.

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