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Hamptons : Verloren in den Hamptons

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„Ein Cabriolet rauscht vorbei, in dem zehn johlende Gestalten sitzen - die zukünftige Elite der Unternehmer und Ärzte der amerikanischen Ostküste“ Bild: Gordon M. Grant

Wie kam es bloß, dass ich plötzlich in Frauenkleidern am Strand saß? Eine Sommergeschichte.

          10 Min.

          Der Zug hieß „Cannonball“. Mit ihm fuhr man nach East Hampton, wenn man kein Auto hatte, zweieinhalb Stunden mit runtergeschobenen Fenstern über rumpelnde Gleise, wie ganz früher, es fühlte sich schon damals, in diesem Sommer des Jahres 2000, nicht wie eine Kanonenkugel, sondern wie ein Museumszug an - aber es war immer noch besser, als an einem heißen Freitagnachmittag in meinem von der Aircondition in ein Eisfach verwandelten New Yorker Büro zu sitzen. Und am Ende der Fahrt sah man East Hampton mit seinen dezenten Villen, die sich hinter hohen Hecken versteckten, und seinen weißen Atlantikstränden, auf denen sich an diesem Tag hohe Wellen brachen. In den vergangenen Jahren hatte diese stilvolle Festung des alten amerikanischen Geldadels jeden und alles angezogen, der reich und berühmt war, alle wollten in die Hamptons, dort etwas zu besitzen war für Normalsterbliche völlig ausgeschlossen, und selbst eine Einladung in irgendein Haus dort war ein großer Schritt nach oben auf der sogenannten sozialen Leiter.

          Ich hatte den Cannonball genommen, um eine altmodische Aufgabe zu erledigen: Ich wollte Violet Gould verführen, eine absurd wohlerzogene Person, deren Familie in dieser Gegend früher zusammen mit den Rockefellers und den Whitneys Hof hielt - eine Mission, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Ich war ein mittelloser Verlagsmitarbeiter aus Ohio, dreißig Jahre alt, aber ohne irgendwelche Verdienste außer einer bekannten Neigung, mich auf Partys meiner Kleidung zu entledigen.

          „Hi, wohin geht's?“

          Violet arbeitete, wie ich, für wenig Geld, aber sie spendete das wenige, was sie bei ihrem Kunstmagazin verdiente. Ich hatte sie ein Jahr zuvor bei der Barn Party kennengelernt, dem jährlichen Fest, das in East Hampton stattfand, und ich hoffte, sie auch dieses Jahr wieder zufällig dort zu treffen. Die Barn Party lief über ein ganzes Wochenende. Der Gastgeber hieß Toby, er war das einzige Kind zweier Psychologen, er war in Manhattans Upper East Side aufgewachsen, und seine Eltern hatten in den siebziger Jahren die weitsichtige Idee gehabt, bei East Hampton ein endlos großes Grundstück mit Strand, Wäldern und Feldern zu kaufen. In den vergangenen Jahren waren seine Barn Parties mit ihren Talentwettbewerben, Kerzenlichtprozessionen und den Lagerfeuern am Strand einer der sozialen Höhepunkte des Jahres geworden. Ein paar seiner alten College-Freunde standen immer auf seiner Gästeliste - darunter auch ich.

          Als ich auf dem Bahnhof von East Hampton ankam, bekam ich den ersten Panikanfall. Es war Freitagabend, ich hatte, wie ich feststellen musste, noch genau vierzig Dollar in der Tasche, mein Konto gab keinerlei Geld mehr her, was bedeutete, das ich genau mit diesen vierzig Dollar bis zum Montag durchkommen musste. Wenn ich jetzt auf dem Bahnhof nicht irgendjemanden treffen würde, den ich kannte, würde ich ein Taxi zum Barn nehmen müssen, was ein böses Loch in meine Ressourcen gerissen hätte. Ich entdeckte vor dem Bahnhof Fred, einen Medizinstudenten, der gerade eine Ausbildung zum Neurochirurgen machte und in seinem zitronengelben alten Cadillac Eldorado Cabriolet vorbeirauschte, in dem bereits ungefähr zehn johlende Gestalten saßen, deren blonde Haare im grellen Sonnenlicht wie Gold leuchteten - die zukünftige Elite der Unternehmer, Ärzte und Rechtsanwälte der amerikanischen Ostküste. Ich rief. Ich rannte, was ich konnte, aber Fred rollte weiter, ganz langsam, und der Eldorado verschwand, uneinholbar, hinter einer der zahllosen Hecken. Während ich in Richtung Barn wanderte, fuhren zahllose Autos vorbei, alle sichtlich auf dem Weg zu Toby, aber niemand hielt - bis plötzlich ein alter Range Rover auftauchte. Durch die offenen Scheiben hörte ich, wie eine glockenhelle Stimme von der Rückbank aus meinen Namen rief. Ich schaute und entdeckte auf der Rückbank Violet Gould. Sie steckte den Kopf aus dem Seitenfenster und rief: „Hi, wohin geht’s?“

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