https://www.faz.net/-gxh-9cmz5

Griechenland : Die Schlacken der Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Makronisos: Einst gefürchtetes Militärgefängnis, heute Heimstatt für eine Handvoll Viehhirten. Bild: Richard Fraunberger

Im Süden Attikas liegt der Ruhrpott der Antike und der Neuzeit. Über Jahrhunderte prägte er die Geschichte Griechenlands und gebar Lavrio, die erste Industriestadt des Landes. Lange lag sie darnieder, doch jetzt, ausgerechnet in Zeiten der Krise, kommen die Touristen.

          10 Min.

          Siebzig Kilometer südlich von Athen und zehn Kilometer östlich von Kap Sounion steht ein altes, steinernes Maschinengebäude samt verrostetem Förderturm. Gleißendes Licht fällt durch die großen, vergitterten Bogenfenster und flutet den Raum. An einem Schreibtisch sitzt, stumm und starr und mutterseelenallein, Kostas Tzanis, einundachtzig Jahre alt, das schüttere Haar schlohweiß, die Augen geschlossen, die Brille mit einer Schnur am Hinterkopf festgezurrt. Seit zwei Stunden sitzt er wie versteinert da, liest nicht, telefoniert nicht, hört kein Radio und blickt auch nicht durch eines der verstaubten Mikroskope, die neben ihm auf dem Tisch stehen. Kostas Tzanis sitzt da und wartet.

          In einer Stunde wird er die Tür wieder verschließen, wird die Blumen im Hof gießen, sich aufs Moped setzen und nach Hause fahren, so wie jeden Mittwoch. Kein Besucher ist bis jetzt gekommen, um zu sehen, was er und ein Dutzend anderer ehemaliger Bergarbeiter wie ein Denkmal hüten und pflegen und was einst ihr Leben war und sie und ihre Familien mehr schlecht als recht ernährte: Fördermaschinen, Förderwagen, Acetylenlampen, Spaten, Bleibarren und allen voran die in allen Regenbogenfarben leuchtenden Mineralien, die sie nach der Arbeit aus Sammlerleidenschaft in hundertsechzig Meter Tiefe aus dem Gestein geschlagen und in Vitrinen ausgestellt haben: Adamine, Aragonite, Azurite, Annabergite, eisblau, schwefelgelb, giftgrün, farblos, durchsichtig wie Glas, nadelig, kugelig, prismenförmig, quaderförmig, manche so winzig wie eine Münze, andere größer als ein Fels.

          Seit 1975 existiert das kleine, vom örtlichen Verein betriebene Bergbau- und Mineralienmuseum in Agios Konstantinos, einem Dreihundert-Seelen-Kaff am Hang einer Hügelkette, das es nicht gäbe ohne die Erzvorkommen, die man 1864 abzubauen begann und die längst erschöpft sind. Damit die Nachwelt die Geschichte dieses jungen Dorfes nicht vergisst, schließt Kostas Tzanis das Museum dreimal pro Woche auf und wartet geduldig auf Besucher. Manchmal kommt jemand vorbei, eine Schulklasse, Athener auf Ausflügen, Touristen, die es zufällig nach Agios Konstantinos verschlagen hat. Die meiste Zeit aber verbringt Kostas Tzanis allein im Museum, allein mit sich, den alten Gerätschaften und glitzernden Mineralien.

          Der Dollar des Mittelmeerraums

          Auch ins benachbarte Souriza verirren sich nur selten Besucher. Eine Wärterin sitzt in einer Bude und starrt gelangweilt aufs Handy. Jeden Morgen schließt sie die in einem Kiefernwald gelegene, archäologische Ausgrabungsstätte auf. Man ist ganz allein in Souriza. Zikaden schreien, die Luft flirrt, Schildkröten und Schlangen schieben sich durchs Gebüsch. In einer Zisterne steht noch immer das Regenwasser vom Winter. Vor zweitausendfünfhundert Jahren wurden in Souriza in hundertzwanzig Meter tiefen Stollen silberhaltige Erze abgebaut und mit Hilfe raffinierter Waschanlagen und riesiger Zisternen systematisch sortiert, zerkleinert, gemahlen, gereinigt, mit Karren an die nah gelegene Küste transportiert und dort in Schmelzöfen verhüttet. Tausende Tonnen von Silber und Blei gingen nach Athen. Zurück blieben Berge von Schlacken und Erze, die nicht verarbeitet wurden. Ein Wunderwerk des Bergbaus. Und niemand besucht die antike Anlage, die nur eine von Hunderten in der Laureotike ist. Selbst die einheimische Bevölkerung zeigt wenig Interesse für das nationale Kulturerbe.

          Weitere Themen

          Touristenboom auf Kosten der Natur? Video-Seite öffnen

          Grönland : Touristenboom auf Kosten der Natur?

          Mit seiner wilden Natur und der unberührten Landschaft lockt Grönland immer mehr Touristen an. In den Regionen im Osten freuen sich zwar viele über die Entwicklung, doch sie fürchten auch Negativfolgen.

          Topmeldungen

          Antrieb der Zukunft : Elektroautos retten das Klima nicht

          Mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, scheint politisch entschieden. Aber neue Untersuchungen nähren Zweifel. Demnach ist ein Elektroauto erst nach 219.000 Kilometern besser für das Klima. Der Plug-in-Hybrid ist erst recht kein Gewinn.
          Während des Sommers 2015 hat es auch viele Flüchtlinge nach Dänemark gezogen. Welche Rolle dabei Sozialtransfers gespielt haben, ist kaum zu ermitteln.

          Princeton-Studie : Sozialleistungen locken Zuwanderer

          Bislang haben wissenschaftliche Untersuchungen nur einen schwachen Effekt von Sozialtransfers auf die Bereitschaft zuzuwandern nachgewiesen. Ein Forscherteam hat es nun am Beispiel Dänemark untersucht und Überraschendes beobachtet.
          Gut verdienen -  das wollen viele; aber wo gibt es die besten Gehälter?

          Gehaltsreport für Absolventen : Berufswunsch? Reich!

          Ein Studium zahlt sich aus – so viel ist bekannt: Akademiker können sich auf höhere Gehälter freuen als Nicht-Akademiker. Aber das ist natürlich nur ein Durchschnitt, wie diese neuen Gehaltsdaten zeigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.