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Griechenland : Menschen im Gegenlicht

Messenien heißt das Land seit der Antike, und es ist immer noch genauso herrlich wie damals. Bild: www.costanavarino.de

Wir kamen mit all den Nachrichten, Schuldzuweisungen und Beschwerden im Gepäck nach Griechenland, auf die Peloponnes, dort, wo die Berge ins Meer fließen. Was wir fanden, waren eine unabweisbare Freundlichkeit. Und das deutsche Gesinnungsgriechentum.

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          Wir sind lange nicht in Griechenland gewesen, zwanzig Jahre mindestens, und als wir zuletzt dort waren, sind wir nur zu jenen Inseln gereist, die ja jedes Jahr im Winter frisch gereinigt und neu gestrichen werden für die Touristen, weshalb man von der Stimmung am Hafen von Naxos oder Paros ohnehin keine Schlüsse auf die Seelenlage und die finanziellen Verhältnisse der Griechen ziehen darf. Und manchmal, wenn ich mich zu erinnern versuche, wie es damals auf den Inseln war, kommt es mir vor wie ein Film ohne Action, das Blau des Meeres und des Himmels, das Weiß der Häuser und der Laken, Menschen im Gegenlicht, ein bisschen unscharf alles, so wie man eben auf die eigene Jugend schaut, wenn man inzwischen erwachsen geworden ist.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Anfang März sind wir nach Kalamata geflogen, auf die Peloponnes, wo wir noch niemals waren – und außer ein paar Kleidern und Büchern hatten wir viel von dem im Gepäck, was wir aus den Zeitungen, dem Radio und dem Fernsehen mitgenommen hatten, all die Berichte und Analysen, die Meinungen, die Klagen, die starken Behauptungen, die wir an Ort und Stelle überprüfen wollten, was, wie wir schnell merkten, fast unmöglich war: Der Mann, der uns den Mietwagen übergab und der so unglaublich freundlich und hilfsbereit war: War der so, weil man in der Krise auf jeden Touristeneuro angewiesen ist? Oder hatten wir einfach das Glück, dem freundlichsten Menschen der gesamten Peloponnes begegnet zu sein? Dann die Straße, die von Kalamata durch die Berge hinüber zur südwestlichen Küste führt: War die schon immer so schlecht, mit Schlaglöchern, so groß, dass man Slalom fahren muss? Oder fehlt nur jetzt, in der Krise, das Geld, sie auszubessern? Später dann, im Kafenion am Hafen des kleinen Städtchens Pylos, wo wir die einzigen Touristen waren und niemand den Gästen das Rauchen verbot: Ist das so ein melancholischer Ort, weil man hinausguckt, auf die Bucht, und von der Sehnsucht gepackt wird, ein Schiff zu besteigen und davonzufahren? Oder drückt nur die Krise auf die Stimmung?

          Leute, die tagsüber Golf spielen

          Ach, man tendiert zur Vorsicht, fast schon zu einer gewissen Verklemmtheit, als deutscher Tourist in Griechenland, und dass es nicht nur uns so ging, das glaubten wir auch dort zu spüren, wo wir wohnten, im „Westin Resort Costa Navarino“, wo die meisten Gäste aus Deutschland kamen, Leute, die tagsüber Golf spielten auf den Hügeln über der Küste. Und abends, im Restaurant, waren sie weit weniger laut und herrisch und leutselig, als das dem Bild von deutschen Touristen entspricht. Aber vielleicht hatten wir nur Glück, und es waren eben angenehme Menschen.

          Das Resort ist, zusammen mit dem Nachbarresort (welches aber erst später im Frühling aufmacht) größer als die Dörfer in der Umgebung, und obwohl die Architektur sich offensichtlich nicht aufspielen oder breitmachen mochte in dieser Landschaft, die noch immer, wie in der Antike, Messenien heißt und herrlich ist, mit ihren Bergen, die ins Meer hineinzuwachsen scheinen, ihren Buchten, der Lagune von Gialova und den Olivenhainen, obwohl die Architektur sogar versucht, sich dem Baustil der Gegend anzupassen, sieht man doch gleich, dass das alles nicht billig war. Es war das Projekt von Vassilis Constantakopoulos, eines Mannes aus der Gegend, der, weil es in der Gegend wenig zu holen gab, wegging aus Messenien und ein reicher Reeder wurde; und der viel Geld, mehr als eine Milliarde soll es gewesen sein, dann wieder in seine Heimat investierte: um Arbeitsplätze für die Einheimischen zu schaffen und den Tourismus in Schwung zu bringen, wie das die freundlichen Pressedamen erzählen. Natürlich gibt es Leute, die das Projekt kritisieren: Es sei zu groß, es hätten viele Olivenbäume gefällt werden müssen, und überhaupt gehe es doch nur ums Geld der Deutschen, der Engländer und der reichen Russen, die hier Ferien machen. Und natürlich waren wir, die Besucher, die hier am Strand und an der Lagune spazieren gingen und hinaufgeklettert sind, zur sogenannten Nestor-Grotte, deren Eingang hoch über der sichelförmigen Bucht von Voidokilia liegt, natürlich waren wir grundsätzlich davon überfordert, diese Frage zu klären.

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