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New York : Gebt mir eure Müden, eure Erholungsuchenden

Zwei Äxte, eine Glasperlenkette und ein paar Nägel ließ sich ein holländischer Handelsmann die Insel einst kosten. Der Erholungswert für stadtgestresste New Yorker ist heute unbezahlbar. Bild: AP

Ein Ausflug mit dem Fahrrad in den exterritorialen Raum: Governors Island ist New Yorks jüngster Park – mitten im Wasser.

          Von weitem sieht es aus wie ein Haus. Umgeben von jungem Grün, steht es auf einem Hügel auf der Manhattan abgewandten Seite von Governors Island im New Yorker Hafenbecken. Mit vier Wänden, einem Giebeldach, einer hohen Eingangstür, mit einem Fenster auf jeder Seite. Von weitem, das heißt vom Meer aus gesehen, ist es ein Versprechen. Blendend weiß leuchtet es herüber. Ein Zeichen für die Möglichkeit, dass die, die hier ankommen, ein Zuhause finden. Von der Stadt aus ist es nicht zu sehen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von nahem betrachtet aber ist alles ganz anders. Der Hügel auf der eigentlich platten Insel ist aufgeschüttet, das junge Grün gerade erst gepflanzt. Das weiße Haus steht mit dem Rücken zur Skyline, ein Fenster blickt aufs Meer, das andere in den Hügel hinein. Und eigentlich ist es auch gar kein Haus, sondern das Gegenteil davon – das, was übrig bleibt, wenn man Gips oder Zement in den Schornstein gießt und dann das Haus wie ein Förmchen im Sand hochhebt und wegstellt. Ein negativer Raum sozusagen. Ein Zeichen, das für all die Häuser steht, die jene, die hier vorbeikamen, im ganzen Land gebaut haben. Eine Warnung zugleich, es nicht mit Symbolen genug sein zu lassen. In diesem Haus kann niemand wohnen. Aber ist die weiße Skulptur nicht auch ein Zeichen des Widerstands, gegen die selbstzufriedene Sesshaftigkeit derer, die zuerst kamen, gegen die Hektik in der Stadt gegenüber? Ein Ort, um allein zu sein, in Stille zu sein, vom Treiben des Handels und Handelns abgewandt?

          Einwanderergeschichten im Gedächtnis

          Die Turnerpreisträgerin Rachel Whiteread hat dieses Kein-Haus auf dem erst kürzlich fertiggestellten Discovery Hill auf Governors Island gebaut. Drum herum liegen Utensilien aus Bronze, die zu einem richtigen Haus gehören, Teller, Tassen, Flaschen, ein alter Schuh, manche von ihnen auf der Insel gefunden, alle von der britischen Künstlerin in zerknüllte, zerbrochene Formen gegossen.

          Ein Nicht-Haus für die Unbehausten: Rachel Whitereads Skulptur „Cabin“ auf dem Discovery Hill.

          Wenn man dort zwischen dem Abguss eines alten Schuhs und dem weißen Kein-Haus steht, hat man das gesamte Hafenbecken im Blick. Die Freiheitsstatue, Ellis Island. Im Gedächtnis steigen Einwanderergeschichten wie die des Schriftstellers Henry Roth hoch, der mit seinem Buch „Call It Sleep“ dieser Erfahrung einen der großen amerikanischen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet hat. Roth kam als Dreijähriger aus Galizien nach New York und hat in Ellis Island, wo die Einwanderungsbehörde und das Aufnahmelager für Neuankömmlinge ihren Sitz hatten, die ersten Nächte auf dem neuen Kontinent verbracht. Jeder wurde dort gemustert, viele mussten Tage, Nächte, Wochen in den Anlagen auf Ellis Island ausharren, bevor sie in die Stadt übersetzen durften, und immer wieder wurden auch Menschen zurückgeschickt, weil sie krank waren oder Kriminelle. Ein Museum dort drüben hat die Geschichten und auch die Bilder davon aufbewahrt.

          Für zwei Äxte und eine Glasperlenkette

          Die Geschichte von Governors Island ist mit weniger Gefühl und Hoffnung aufgeladen. Dafür mit mehr Gewalt. An Governors Island mussten alle Immigranten vorbei, nachdem sie das Aufnahmelager in Ellis Island durchlaufen hatten und endlich in die Stadt, ins Land gelassen wurden. Vermutlich haben nicht viele die unscheinbare Insel überhaupt eines Blicks gewürdigt. Es gab auch kaum etwas zu sehen. Ein Fort. Eine Gouverneursresidenz. Baracken, Kanonen. Die Insel durfte niemand betreten, der nicht zum Haushalt des jeweils amtierenden Gouverneurs gehörte oder zum Militär, das ihm gehorchte. Noch träumte niemand von jungem Grün oder einem weißen Haus, das eigentlich keines ist.

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