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Glosse : Do you speak Englisch?

Eine schöne Insel mit prachtvollen Städten, auf der man außerdem gut Englisch lernen kann: Das ist Malta. Bild: Archiv

Irgendwann ist es soweit: Die Kinder wollen nicht mehr gemeinsam mit den Eltern verreisen, sondern eigene Wege gehen. Das tut weh und ist unvermeidlich - oder vielleicht doch nicht?

          3 Min.

          Dieser Sommer ist ein schrecklicher Sommer - nicht nur wegen des Weltuntergangswetters und nicht nur wegen der apokalyptischen Weltnachrichten, die das gute alte Sommerloch zugeschüttet haben: überall nur Mord und Totschlag statt eines anständigen Meeresungeheuers im Dorfteich. Nein, schuld daran sind auch unsere beiden Töchter. Denn es ist der erste Sommer, in dem sie nicht mehr mit uns verreisen wollten, nach vierzehn Jahren gemeinsamer und - wir werden jetzt nicht sentimental - wunderbarer, glücklicher, harmonischer Familienurlaube, in denen wir meistens vier Wochen lang mit dem Auto ein paar tausend Kilometer durch Spanien vagabundiert sind. Die Ältere, Sechzehnjährige hat ihren Rucksack geschultert und macht derzeit Interrail. Und die Jüngere ist gerade von einer Sprachreise nach Malta zurückgekehrt.

          Jakob Strobel y Serra
          (str.), Feuilleton, Reiseblatt

          Nicht, dass hier falsche Vermutungen die Runde machen: Wir haben unsere Tochter nicht gedrängt, sie wollte selbst ihr schauderhaftes Schulenglisch aufpolieren. Wir wären viel lieber wieder nach Spanien gefahren und hätten dort die Zeit pädagogisch nutzlos, aber lebensqualitativ hochwertig vertrödelt. Aber nein, das Kind hat seinen Kopf, und jetzt weiß es, was es davon hat. Eine ganz tolle, aber auch die anstrengendste Reise ihres Lebens sei es gewesen, gestand uns unsere Tochter, was allerdings nicht am strammen Lehrplan, sondern eher an der außerordentlichen Fülle außerschulischer Aktivitäten lag. Jeden Tag um kurz vor acht habe sie aufstehen müssen, berichtete die Tochter voller Empörung, obwohl sie doch nie vor Mitternacht ins Bett gekommen sei und manchmal sogar noch viel später. Acht Stunden hätte manche Poolparty gedauert, allein zwei Stunden habe sie die Überfahrt zum wunderschönen Badestrand auf der vorgelagerten Insel Comino gekostet. Und eine Odyssee sei die Bustour zur Pferderanch gewesen, kaum eine Stunde Zeit sei ihr für den Ausritt geblieben.

          Nichts als Fürchterlichkeiten

          Dafür waren es mit dem Taxi nur fünfzehn Minuten von der Unterkunft zum Kneipenviertel. Dort fand die Vierzehnjährige mühelos in jedem Club Einlass, obwohl die Altersgrenze deutlich höher lag. Das fanden wir schon schlimm genug. Dass unsere liebste Kleinste dort von irgendwelchen Jungs zu Schnäpsen eingeladen wurde, verdrehte uns dann vollends den Magen - nicht aber unserer Tochter, die nur lapidar meinte, dass ein leichtes Bauchkribbeln der einzige Effekt des Alkohols gewesen sei.

          Wir hörten uns die Torturen der Tochter mit dem Ausdruck größten Bedauerns an und erfuhren viele weitere Fürchterlichkeiten. Zu kurz sei das Bett in der Gastfamilie gewesen, zu karg das Frühstück, zu knapp die tägliche Wasserration. Jeden Tag habe es Nudeln mit Fertigsauce gegeben, schauderhaft, kein Vergleich zu Speis und Trank, die sie von unseren Spanien-Reisen gewohnt sei. Und nachmittags habe sie regelmäßig Hunger gelitten, weil niemand für ein Mittagessen gesorgt habe. Warum sie sich nicht etwas zu essen gekauft habe, wir hätten ihr doch genügend Geld mitgegeben, fragten wir so naiv, wie nur Eltern fragen können. Keine Zeit zwischen der Schule und den Ausflügen an den Strand oder zum Shoppen, lautete die knappe Antwort. Immerhin fand unsere Tochter nette Freunde beim Sprachurlaub: zwei Mädchen aus der deutschsprachigen Schweiz, eines aus Thüringen, dann noch ein paar Jungs, mit denen es gleichfalls keine Verständigungsschwierigkeiten gab, schließlich seien vier Fünftel der Schüler in ihrer Klasse deutscher Zunge gewesen. Ob sie sich denn in ihrer Freizeit auch einmal einer anderen als ihrer Muttersprache bedient habe, wollten wir, unsere Desillusion kaum mehr verbergend, von der Tochter wissen. Aber ja, bei einem Ausflug habe sie sich mit einem „Leader“ - so wurden auf Malta offensichtlich die Betreuer genannt - namens Alfonso angefreundet, aus Bilbao stamme er und sei sehr nett, und sie habe die ganze Zeit Spanisch mit ihm gequatscht. Wenigstens etwas, wenigstens ist unsere zweisprachige Erziehung nicht gänzlich vergebens, seufzten wir.

          Und dann jubeln die Eltern innerlich

          Apropos Spanien: Ach, Spanien, gestand uns unsere todmüde Tochter kurz vor dem Einschlafen, Spanien vermisse sie schon sehr, das Herumfahren im Hinterland und das Herumsitzen in den Bars auf den Plätzen unter lauter Einheimischen statt Sprachschülern und die vier fast endlos langen Wochen des Unterwegsseins. Jetzt habe sie noch vier Wochen schulfrei, aber die Ferien seien ja eigentlich schon vorbei. Bevor ihr dann die Augen zufielen wie Fallbeile, mussten wir dem Kind noch ein Versprechen geben: Nächstes Jahr fahren wir alle wieder nach Spanien. Versprochen? Versprochen! Hurra! Danke, Malta!

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