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Glosse : Café Grantler

  • -Aktualisiert am

Die Wiener, die können es halt: das Café Sperl, das älteste Kaffeehaus der Stadt. Bild: Wonge Bergmann

Die Klagen über den Niedergang der Kaffeehauskultur sind so alt wie das Kaffeehaus selbst. Einer der vituosesten Nörgler ist der Dramatiker Rolf Hochhuth.

          Das Kaffeehaus. Thomas Bernhard! Gottfried Benn! Joseph Roth! Ach, das Kaffeehaus! Ohne diese Institution wäre die moderne europäische Kultur überhaupt nicht entstanden. Gut, vielleicht wäre sie trotzdem entstanden, aber sie wäre definitiv glanzloser. Nun ja, vielleicht nicht glanzloser, aber doch anders. Also gut, zugegeben, ohne das Kaffeehaus wäre die europäische Kultur nicht schlechter, als sie ist, aber doch auch nicht unbedingt lebensfroher. In Ordnung, in Ordnung: Sie wäre lebensfroher, aber soll das vielleicht eine Leistung sein?

          Und was wäre dann mit all den großartigen Grantlern, die in Kaffeehäusern vor sich hin köcheln wie eindickende Backerbsensuppe? Als Vorzeigegrantler etwa gilt der jüngst verstorbene Taubenvergifter Georg Kreisler, der sich in seinen gerade wiederveröffentlichten Wien-Geschichten allerdings als leidenschaftlicher Kaffeehaushasser zu erkennen gibt: "Niemand geht gern ins Kaffeehaus. Man geht nur ins Kaffeehaus, wenn man hinbestellt wird oder wenn man absolut nichts zu tun hat, also aus Langeweile. Außerdem sind alle Kaffeehäuser hässlich." Schnell weitet sich Kreislers Donnerwetter aus auf die "Kaffeehausnachweiner", die es immer schon gegeben hat, denn das Kaffeehaus geht unter, seit es besteht, nicht erst seit Leopold Hawelka vor wenigen Wochen im zarten Alter von hundert Jahren in die ewigen Buchtelngründe eingegangen ist. Kurz: Perfekt gegrantelt ist das, weil bei Kreisler auch die Grantelkultur selbst nicht vorm Begranteltwerden sicher ist.

          Grauenvolle Lattemacchiato-Yuppie-Scheunen

          Deutschlands profiliertester Rohrspatz, der Dramatiker Rolf Hochhuth, könnte also noch ein wenig Wiener Granteltraining vertragen, fällt seine neuste Tirade doch klar in die Kategorie "Kaffeehausnachweinen". Einen offenen Brief hat er dieser Tage an den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit geschickt, in dem er klipp und klar die Wiedereröffnung des alten Café Kranzler, des alten Café Möhring - des Stammhauses am Kurfürstendamm - und des seit Jahresbeginn nun ebenfalls geschlossenen Operncafés verlangt. Alle drei Berliner Cafés seien dem Mietwucher zum Opfer gefallen: "Wo aber, Herr Regierender Bürgermeister, sollen fortan die Touristen im Zentrum Berlins zwischen Uhlandstraße und Zeughaus noch Kaffee trinken?" Das ist rhetorisch so stark wie argumentativ, bedient es sich doch der hinterlistigen Figur der Auslassung, wobei der Leser automatisch ergänzt: etwa in einer der fünfhundert geistlosen Lounge-Internet-Lattemacchiato-Yuppie-Scheunen?

          Deutschlands Oberchefquerulant: Der arme Rolf Hochhuth weiß nicht mehr, wo er in Berlin stilvoll einen Kaffee trinken soll.

          Nein, wenn ein Berliner einen Kaffee trinken will, muss er schon bis Warschau oder Wien laufen. Dort nämlich würden die Kaffeehäuser noch wertgeschätzt, donnert Hochhuth, will sagen: subventioniert. Eben das aber sei auch die Ehrenpflicht Champagner-Wowis, denn "das zivilisatorische Niveau einer bedeutenden Metropole hängt ebenso von ihren Café-Häusern ab wie das kulturelle von ihren Theatern und Opern". Was Hochhuths Petition so erbaulich frech erscheinen lässt, ist der Umstand, dass sie das Ansinnen enthält, die gegenwärtig die Kulturstätten Möhring und Kranzler besetzt haltenden Textilgroßkonzerne augenblicklich auf die Straße zu werfen, was ein prächtig absolutistisches, ja geradezu österreichisches Machtverständnis offenbart, mit dem Klaus Wowereit wohl gut leben könnte. Geradezu als Symbol für die Würdelosigkeit Neu-Berlins will Hochhuth das zombiehaft in der Rotunde weiterlebende Rest-Kranzler erscheinen: "Wenn man einen klokleinen Lift besteigt, kann man unter dem Dach noch ein Stück Torte kaufen."

          Kuchenfresserei mit Depressionsblüten

          Und ist das nicht tatsächlich der Grund für die Berliner Tyrannei der hippen Lebensfreude, dass der Geist hier keinen Raum mehr hat, bei obszön sinnloser Kuchenfresserei in endloser Ruhe dunkelschöne Depressionsblüten auszubilden, sondern dass er wie ein hyperaktives Hau-den-Lukas-Metallzylinderchen in klokleinen Aufzügen auf und nieder rasen muss, um sich überhaupt noch zu spüren? Kleiner als in Wien war dieser Raum freilich immer schon, entsprechend niedriger das zivilisatorische Niveau. Darauf jedenfalls scheint Georg Kreislers Ethnoanalyse abzuheben: "Es gibt Deutsche, die zur Erholung nach Österreich fahren. Ein Wiener fährt nach Deutschland nur aus Geschäftsgründen oder weil er nicht ganz bei Trost ist." Wobei der Nachsatz nun doch impliziert, dass die allermeisten Wiener schon in Berlin aufkreuzen. Dort fallen sie nur nicht weiter auf, weil sie auf der Suche nach einem Kaffeehaus gleich weiter nach Warschau laufen.

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