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Jakob Strobel y Serry (str.)

Glosse : Augenorgasmus

Sprachschöpferische Jugendliche: Ramadeckel, Schleckrosine Bild: picture-alliance/ dpa

Lust auf eine Partie Speichelhockey? Das „Wörterbuch der Jugendsprache 2007“ übersetzt den Slang deutscher Halbwüchsiger in europäische Fremdsprachen und scheitert zuweilen an ihrer sprachschöpferischen Phantasie.

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          Wenn eine junge Französin oder eine junge Spanierin einen jungen Deutschen auf Reisen trifft, sagen wir beim Interrail, und er ihr in seiner Sprache sagt, dass sie ein Augenorgasmus sei und er Lust auf eine Partie Speichelhockey habe, hat sie drei Möglichkeiten: Erstens sie schlägt in einem herkömmlichen Wörterbuch nach und versteht noch immer nicht; zweitens sie haut ihm eins hinter die Ohren und bleibt anständig; drittens sie macht sich im „Wörterbuch der Jugendsprache 2007“ aus dem Hause Pons schlau und weiß dann ganz genau, warum sie ihm eine langt.

          Gründe stehen viele in diesem Büchlein, das die gerade aktuellen Wortschöpfungen der Elf- bis Achtzehnjährigen gesammelt und ins Französische, Spanische sowie Englische übersetzt hat. Evolutionsbiologisch bedingt, dreht sich in diesem Alter vieles um Paarbildung und Fortpflanzung, wofür dann Wortkreationen herbeigeholt werden wie Alimentenkabel und Treibhaus, muckeln und juckig sein, was zumindest Katzenbesitzer herleiten können.

          Pommespanzer und Puddingdampfer

          Auch Äußerlichkeiten spielen eine große Rolle, dann wird noch tiefer in der Metaphern-Kiste gewühlt und das Korallenriff herausgezogen (Mensch mit vielen Pickeln) oder eine Knochenschleuder (sehr dünner Mensch), ein Gesichtspullover (für ein stark behaartes Gesicht) oder Naturwollsocken (stark behaarte Beine), dann trägt einer eine Ossimatte (schlechte Frisur) oder läuft mit Ramadeckel herum (fettigen Haaren), wird zum Pommespanzer (dicke Person) oder zum Puddingdampfer (noch dickere Person).

          Nützlich ist dieses Wörterbuch allein schon deshalb, weil die Dinge oft anders sind, als man denkt. Wird die junge Französin oder junge Spanierin zum Beispiel als Kumpelbumser bezeichnet, meint der junge Deutsche bloß, dass sie unaufrichtig sei. Filet wiederum ist kein Essenswunsch, sondern ein Kompliment (hübsches Mädchen). Sagt das lernwillige Mädchen dann Playa, fordert sie damit keineswegs zum Spaziergang an einen einsamen Strandabschnitt auf, sondern sagt damit zunächst einmal nur, dass der Junge gut aussieht.

          Du bist eine Schleckrosine

          Die sprachschöpferische Phantasie der deutschen Jugendlichen, die den Pons-Verlag mit fünfzehntausend Einsendungen ihrer Lieblings-Slang-Ausdrücke überschwemmten, traf bei den Redakteuren dieses Wörterbuchs leider auf eine eher buchhalterische Mentalität. Viele der Begriffe sind alles andere als adäquat übersetzt. Gruppenschnaggeln zum Beispiel wird auf Spanisch slangfrei langweilig zu „sexo en grupo“.

          Für den Tsatzikihupser wird „Grec“ und „griego“ angeboten, für den Zappelbunker „club“, „boîte“ und „discoteca“. So finden die junge Französin, die junge Spanierin und der junge Deutsche keine gemeinsame Sprache. Immerhin können sie dank dieses Wörterbuchs aber die gröbsten Missverständnisse ausräumen und solche Dialoge führen: Du bist eine Schleckrosine. Du bist ein Schmacko. Lass uns rumlöffeln. Korall. Fjen.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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