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Beschneiung von Skigebieten : Gottes Werk oder Teufels Beitrag?

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Galten Ende des vergangenen Jahrhunderts noch minus vier Grad als Grenze für eine wirtschaftliche Beschneiung, sind es heute minus zwei Grad. Bild: dpa

Gegner und Befürworter der technischen Beschneiung von Skigebieten führen nicht weniger als einen Glaubenskrieg. Der Versuch einer Versachlichung ist dringend geboten.

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          Die Hochgebirge stehen für unberührte, wilde Natur, ihre Gipfel sind sagenumwoben, nicht selten Sitz von Göttern, ihre Wände gebären Helden des Alpinismus, und ihre entlegenen Täler sind die letzten Refugien traditioneller Lebensweisen. So war es bis vor wenigen Jahrzehnten auch in den Alpen, und bis heute prägt die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit den Blick der städtisch dominierten Gesellschaft auf die Berge. Sie hat die Gebirge emotional derart aufgeladen, dass manche deren Bewohnern das Recht absprechen, Dinge zu tun, die andernorts in einem seit Jahrhunderten durch die Industrialisierung geprägten Umfeld selbstverständlich sind, etwa das Bewässern zur Steigerung der Erträge aus Grund und Boden – zumindest, wenn diese Bewässerung nicht der Förderung des Pflanzenwachstums, sondern dem Aufbau einer Schneedecke mittels einer Methode dient, die für viele selbsternannte Alpenschützer ein Sakrileg, eine Versündigung an der ursprünglichen Natur ihrer geheiligten Berge darstellt: der technischen Beschneiung mit Hilfe von Schneekanonen. Für den Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland etwa sind Schnee-Erzeuger, wie man die Geräte auf Seiten ihrer Befürworter etwas lieber nennt, ein „Symbol menschlicher Unbelehrbarkeit in Zeiten des Klimawandels“, die Wasser und Strom fressende Schneekanone ist ein Sinnbild für einen verschwenderischen Umgang mit Ressourcen.

          Die hohe Verletzbarkeit des Wintersports gegenüber steigenden Temperaturen macht diesen zu einer idealen Projektionsfläche für den Vorwurf mangelnder Nachhaltigkeit menschlichen Wirtschaftens. So konzentriert sich die Kritik an der Beschneiung neben dem Ressourcenverbrauch zunehmend auf deren in Folge des Klimawandels ungewisse wirtschaftliche Perspektiven. Die Beschneiung zur Sicherung des Skitourismus könne allenfalls eine Übergangslösung sein, der Umstieg auf schneelose Angebote die einzig adäquate Reaktion auf Klimaveränderungen, heißt es auf Seiten der Kritiker immer wieder. An der Seilbahnwirtschaft, die ihr Geld zu neunzig Prozent im Winter verdient, hängen in den Alpen etwa dreihunderttausend Arbeitsplätze. Wäre es überhaupt möglich, diesen wie geschmiert laufenden Wirtschaftsmotor zu ersetzen? Selbst beim Deutschen Alpenverein (DAV), der die technische Beschneiung mit Vehemenz verteufelt, scheint man zu wissen, dass es unmöglich ist, auch nur annähernd so viele Gäste im Winter zum Wandern oder Ähnlichem in den Alpenraum zu locken. Der DAV bietet über seinen eigenen Reiseveranstalter im Winter Wanderreisen jedenfalls nur in warme, weit entfernte und lediglich per Flugzeug zu erreichende Gebirge an.

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