https://www.faz.net/-gxh-9fj7w

Botanischer Sondergarten : Nicht zum Verzehr geeignet

  • -Aktualisiert am

Imposant und tödlich: Rizinusstauden. Bild: Sven Weniger

Im Botanischen Sondergarten in Wandsbek ist man stets vom Tod umgeben. Denn hier wird nicht nur das Grün bewundert, sondern auch über dessen mitunter endgültige Wirkung aufgeklärt.

          Die Finger spitz zulaufend, der Teint zwischen Purpur und Oliv, ihr Körper schlank und hoch, in der Sonne des Nachmittags scheint sie zu strahlen – kurz: Sie ist eine Schönheit. Dennoch: Drei Samen von Ricinus communis, sagt Helge Masch, reichen, um einen Menschen zu töten. Masch steht auf dem Grandweg vor dem Beet, aus dem sich die weinroten Stengel mit ihren pizzagroßen Blättern, gespreizt wie riesige Hände, dem Licht entgegenstrecken. Rizinus, auch Wunderbaum genannt, ist die Giftpflanze des Jahres 2018. Masch hat ihr zu Beginn des Sommers im Botanischen Sondergarten ein eigenes Beet gewidmet, in dem anderthalb Hektar kleinen Park in Hamburg-Wandsbek, einem Stadtteil im Osten der Stadt.

          Masch, ein jovialer Hüne, ist Gärtner und Planer der paradiesischen Grünanlage, Heger und Pfleger des Blütenmeers am Lauf der Wandse, einem schmalen Fluss, der im Zentrum Hamburgs in die Außenalster mündet. Und Masch ist sozusagen der Giftpflanzenvater der Nation. Vor vierzehn Jahren kam dem Angestellten des Bezirksamts Wandsbek die Idee. Der Park, ein 1926 eingerichteter Schulgarten, diente seit je der Erziehung. Der Baum, die Blume, der Vogel des Jahres wurden regelmäßig hier vorgestellt. Er habe mit dem Sonderthema, sagt er, Wesen und Bedeutung von Pflanzen jenseits ihres Äußeren ins Bewusstsein rücken wollen. Giftpflanzen sähen harmlos aus, hätten aber hocheffiziente Wirkstoffe, die zur Heilung, aber auch zum Tod führen könnten. Im Jahr 2004 legte Masch erstmals Handzettel im Sondergarten neben einer Wahlurne aus, etwa hundertfünfzig Parkbesucher stimmten ab. Seit 2005 wird aus fünf Kandidaten die Giftpflanze des Jahres gewählt, nun auch online und inzwischen von mehr als fünftausend Teilnehmern aus dem deutschsprachigen Raum.

          Wir sind umgeben vom Tod

          Es ist eine einzigartige Rangliste, darauf ist Helge Masch stolz. Eisenhut, Eibe, Herbstzeitlose, Goldregen, Maiglöckchen, Kirschlorbeer und Rittersporn trugen den Titel schon. Da staunt der Gartenfreund: Wir sind umgeben vom Tod. Rizinusöl ist seit alters her als Abführmittel im Gebrauch, der lateinische Gattungsname steht für Ungeziefer und bezieht sich auf die wie Zecken anmutenden Samenkörner, die das Gift enthalten. Erst vor kurzem wurde ein Mann festgenommen, der den biologischen Kampfstoff Rizin daraus extrahieren wollte. Die Medienresonanz war riesig. Wir haben es, sagt Masch augenzwinkernd, mit der Mutter dieses Proteins, unserer Giftpflanze des Jahres, dagegen noch nicht in die „Tagesschau“ geschafft.

          Drei Rizinussamen reichen, um einen Menschen zu töten.

          Die fünfzig Quadratmeter Beet, in dem der Rizinus sich im Wind hin und her neigt, werden jedes Jahr neu mit der jeweils gekürten Giftpflanze des Jahres bepflanzt. Exoten aus den Tropen würden selten vorgeschlagen, sagt Masch. Die Leute orientierten sich an dem, was sie kennen. Jeder kann teilnehmen. Mehr als hundertfünfzig Kandidaten aus dem Reich potentiell todbringender Vegetation stehen jedes Mal auf der Liste. In die Endausscheidung gehen die fünf mit den meisten Stimmen. Für 2019 sind dies Rhabarber, Jakobskreuzkraut, Blauregen, Aaronstab und Lantane.

          Mit Giftpflanzen leben

          Der Botanische Sondergarten in Wandsbek ist einzigartig. Obwohl Masch und seine Mitarbeiter die Rabatten nach ökologischen wie gartenbaulichen Kriterien zusammenstellen – Staudenbeete, Saisonblüher, Wildblumen, winterharte Exoten –, fehlt das Belehrende, fehlen die typischen Schildchen an den Rabatten. Das ist gewöhnungsbedürftig. Wer wissen will, was da vor ihm nach Vanille duftet oder in violettem Blütenmeer wogt, erfährt dies nur übers Scannen unscheinbar plazierter Strichcodes auf Handy oder Tablet.

          Auch diese zarte Blüte ist giftig: Das Schlafmützchen, auch bekannt als kalifornischer Mohn, war die Giftpflanze des Jahres 2016.

          Das kleine Areal wirkt eher wie ein höfischer Lustgarten denn wie ein wissenschaftlicher Lehrpfad. Mit Absicht, denn hier solle, sagt Masch, die Botanik zuerst die Sinne erreichen, erst danach das Gehirn. So dürfen Besucher auch auf den schmalen Rasenflächen liegen, was vor allem am Wochenende Anklang findet. Neugierde zu wecken sei das Ziel eines Schulgartens, sagt Masch, zu lernen, mit Giftpflanzen zu leben sein eigenes Anliegen, das besondere in diesem Park. Regelmäßig bieten er und seine Angestellten Führungen mit Themen wie „Wilde Kräuter“ oder „Nicht zum Naschen“ für ein paar Euro an, der Eintritt zum Garten selbst ist frei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU. Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.