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Am Waitaki in Neuseeland : Spur der Steine

War Henry Moore mal hier gewesen? Elephant Rocks am Waitaki River Bild: Ulf von Rauchhaupt

Wo wir jetzt viel lieber wären als im Homeoffice: Auf geologischer Sightseeingtour am Waitaki in Neuseeland.

          4 Min.

          Hinter dem Whiskyladen ist die Stadt auf einmal zu Ende. Sie hört einfach auf, wie nicht zu Ende gebaut. Blickte man eben noch auf klassizistische Fassaden, sind es plötzlich nur leere Flächen, dahinter ein winziger Hafen, vor dem ein einsames Schiff dümpelt. Natürlich, weiter landeinwärts setzt sich moderne Bebauung fort. Das architektonische Juwel von einem Stadtzentrum jedoch bricht mitten in der Expansion zu einer urbanen Hafenfront ab. Tatsächlich ist das Zentrum von Oamaru im Südosten Neuseelands eine Art viktorianisches Pompeji. Es verdankt seine Erhaltung einem jähen Niedergang.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das älteste erhaltene Mauerwerk ist von 1861, da hatte Oamaru 207 Einwohner“, erzählt Stadtführer Jim Hopkins und führt uns zwecks Besichtigung dieser Antiquität eigens zu dem Brückengewölbe unter der überbreiten Hauptstraße. „Vermutlich ist es das älteste erhaltene Mauerwerk in ganz Neuseeland.“ Der eloquente Herr, der vor seiner Pensionierung fürs Fernsehen arbeitete und bis heute im Waitaki District Council sitzt, erläutert, dass die Straßenbreite nicht etwa dem Abhalten von Paraden diente, sondern überlangen Ochsengespannen einen U-Turn ermöglichen sollte. Diese brachten Wolle und Weizen zum Hafen, die von hier aus in alle Welt verschifft wurden und die Stadt in kurzer Zeit schwerreich machten. „Die Glanzzeit waren die Jahre nach 1880, als die Einwohnerzahl auf über fünftausend stieg“, sagt Hopkins. Feine Hotels schossen wie Pilze aus dem Boden, und die Straßen versuchten, in verkleinertem Maßstab, auszusehen wie in Wien oder Paris. Selbst ein Getreidespeicher bekam eine wohlproportionierte Gründerzeitfassade. Heute beherbergt dort das „Steampunk-Headquarter“ lauter skurrile Artefakte einer Zukunft, zu der es nie gekommen ist.

          Das „Criterion Hotel“ in Oamaru wurde 1877 erbaut
          Das „Criterion Hotel“ in Oamaru wurde 1877 erbaut : Bild: Ulf von Rauchhaupt

          Die Zukunft Oamarus kam ebenfalls nicht. 1889 lief das erste hochseetaugliche segellose Dampfschiff vom Stapel, aber der Hafen von Oamaru war für Dampfer nicht geeignet. Das Geschäft und das Geld wanderten nach Christchurch und Dunedin, zurück blieben ein Banktempel in korinthischer Säulenordnung, ein Rathaus mit Glockenturm und die Hotels – von denen die wenigsten noch lange als solche betrieben wurden. An Oamaru scheint seither das, was Architekten für Fortschritt halten, vorbeigegangen zu sein. Die Stadt wurde zum Fossil.

          In gewisser Weise war sie das schon vorher. Die gute Erhaltung der viktorianischen Altstadt verdankt sich nämlich auch dem Umstand, dass hier nicht mit Holz gebaut wurde wie damals sonst überall in Neuseeland. Auf der sumpfigen Mündungsebene des Waitaki wuchsen kaum Bäume. Stattdessen liegt hier die Ototara-Formation, eine mächtige Schicht hellen Kalksteins, die den vielleicht besten Baustein des Landes liefert. Er besteht aus den Resten winziger Meeresorganismen, deren Schalen sich hier vor etwa 34 bis 28 Millionen Jahren ablagerten, als die Gegend von einem flachen Meer bedeckt war.

          Maori-Kunst an den Ufern des Waitaki River: Hier ein „Taniwha“, ein Wasser-Monster
          Maori-Kunst an den Ufern des Waitaki River: Hier ein „Taniwha“, ein Wasser-Monster : Bild: Ulf von Rauchhaupt

          Solches Gestein entzückt aber nicht nur an den historischen Fassaden von Oamaru. Wer sich etwas länger Zeit nimmt, kann die Stadt nicht nur bei verschiedenem Sonnenstand bewundern, sondern auch das Waitaki-Tal hinauffahren. In einer Tagestour gelangt man bis zu den spektakulären Lehmklippen nahe Omarama und auf dem Weg – oder auf dem Rückweg, denn die Lehmklippen liegen vormittags noch besser im Licht – zu verschiedenen steinernen Sehenswürdigkeiten des geplanten Waitaki-Whitestone-Geoparks. Das geht auch, und sogar besonders gut, mit dem Fahrrad. Der Radwanderweg „Alps 2 Ocean“, der über 300 Kilometer vom Fuße des Mount Cook bis zum Pazifik führt, verläuft in seinem letzten Drittel durch den Geopark. An dessen Akkreditierung durch die Unesco wird noch gearbeitet – es wäre der erste solche Park in Australien und Neuseeland –, doch ein lokaler Verein, die „Vanished World Society“, hat die wichtigsten Attraktionen bereits ausgeschildert.

          Bild: Christine Sieber

          Etwa Anatini, ein bezauberndes kleines Tal, durch das der Radwanderweg geradewegs hindurchführt. In dem rings um die dort weidenden Kühe formschön verwitternden Otekaike-Kalk – er ist etwas jünger als der Stein in Oamaru – wurde vor Jahren ein versteinerter vorzeitlicher Wal gefunden. Noch mehr Fossilien kamen im nahe gelegenen Tal des Awamoko River zutage, der sich auf dem Weg zum Waitaki fotogen in den Kalkstein geschnitten hat. Manche der darin gefundenen Knochen urzeitlicher Wale, Delphine und Riesenpinguine kann man – neben allerlei geologischen Lesefunden – in dem kleinen Museum bestaunen, das die Vanished World Society in der Ortschaft Duntroon betreibt. Ein paar Kilometer den Waitaki hinauf ist auch eine der besten Stellen, um historische Felszeichnungen der Maori zu sehen, etwa ein meterlanges „Taniwha“, ein Meeresungeheuer, das in der Mythologie der Maori nicht nur die See unsicher macht, sondern generell Bedrohungen durch Wasser verkörpert – für alle, die hier einst unter Felsüberhängen kampierten, dürfte das vor allem der über seine Ufer tretende Waitaki gewesen sein.

          Das vielleicht kultigste Bodendenkmal am Waitaki findet sich ein paar Kilometer südlich von Duntroon. Wieder auf privatem, aber zugänglichem Weideland öffnet sich dort eine Senke, in der die Erosion emporgehobene Segmente des Otekaike-Kalksteins in einen atemberaubenden Skulpturengarten verwandelt hat. Wie erstarrte mythische Wesen blicken die „Elephant Rocks“ auf ihre Besucher. Das namensgebenden Tier ist indes nur an einer Stelle und aus einem bestimmten Blickwinkel zu sehen, denn mit jedem Schritt verwandeln sich die Formen dieses kleinen kalkigen Kosmos. Und man fragt sich, ob Henry Moore vielleicht einmal hier gewesen war.

          Was sehen die Maori in diesen Felsen? „Sie haben hierzu keine Geschichten“, antwortet Micheal Gray von der Vanished World Society. „Das ist sehr seltsam.“ Nicht einmal von Maori-Namen für diese Felsen hat Gray gehört, dabei muss ihnen der Ort schon im 14. und 15. Jahrhundert bekannt gewesen sein, als die Moas, die großen neuseeländischen Laufvögel, noch nicht ausgerottet waren und das Buschland am Unterlauf des Waitaki die wahrscheinlich reichsten Jagdgründe beider Inseln bot. Aber vielleicht gerieten die Maori-Namen für die Elefantenfelsen sowie die dazugehörigen Geschichten einfach nur in Vergessenheit. Das Verschwinden der Moas muss für sie einen tiefgreifenden Wandel bedeutet haben. Wie Jahrhunderte später für die viktorianischen Einwohner von Oamaru das Verschwinden der Segelschiffe.

          Wo der Waitaki River fließt

          Reisen nach Neuseeland sind aufgrund der Covid-19-Pandemie im Moment nicht möglich. Premierministerin Jacinda Ardern teilte kürzlich mit, dass das Land wohl noch einen Großteil des Jahres seine Grenzen geschlossen halten werde. Aktuelle Informationen unter immigration.govt.nz/about-us/covid-19 oder beim Auswärtigen Amt, auswaertiges-amt.de. Mehr über Oamaru und den Waitaki: waitakinz.com Mehr zum Radwanderweg „Alps 2 Ocean“ unter: alps2ocean.com, zum Whitestone Geopark unter: whitestonegeopark.nz, Weitere Informationen über Neuseeland und wann es wieder touristisch besucht werden kann: newzealand.com

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