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Edmonton in Kanada : Lasst uns trinken, mit der Welt geht es zu Ende

Boomtown im hohen Norden Kanadas: Edmontons Skyline am North Saskatchewan River. Bild: Picture-Alliance

Öl hat Edmonton reich gemacht. Das war ein hartes Stück Arbeit. Jetzt ist es Zeit für Spaß: Eine Genusstour durch die kanadische Stadt zu Schnapsbrennern, Blutwurstköchen und Hähnchenbratern.

          Kris Sustrik sieht genauso aus wie die Sorte von Kerlen, denen man im Mondenschein lieber nicht begegnet. Killerplauze, Schlägermütze, Ganzkörper-Tattoos und eine schwere Stahlkette um den Hals täuschen allerdings über den Sanftmut seines Wesens hinweg, auch wenn Kris tief in seinem Inneren Sympathie für eine bestimmte Art der Delinquenz hegt: Er fühle sich wie ein Geistesbruder der „Moonshiner“, jener illegalen, vorzugsweise in hellen Mondnächten aktiven Schnapsbrenner aus nordamerikanischen Prohibitionszeiten, und trage deswegen eine Tätowierung mit ihrem Geheimcode „Get my shine on“ an prominenter Leibesstelle, auch wenn er sein Geschäft selbstverständlich völlig legal betreibe. Und fast glaubt man, Kris bei dieser letzten Bemerkung ganz leise seufzen zu hören.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Gemeinsam mit seiner Frau Shayna Hansen führt Kris in einem Vorort von Edmonton die Familientradition der Schnapsbrennerdynastie Hansen fort, die über vier Generationen bis zur Großen Depression zurückreicht und sich die längste Zeit im mondscheinbeschienenen Halbdunkel der Illegalität abgespielt hat. Davon zeugen allerhand Devotionalien in der Destillerie, vergilbte Familienfotos, verrostete Brennereiutensilien und ein Ford ModelA von 1928, mit dem der Schnaps einst klandestin zu den Schnapsnasen transportiert wurde. Heute produziert das Haus Hansen nur noch aus Sentimentalität den unraffinierten, fünfzigprozentigen, wie ein Weizensilo im Hochsommer müffelnden Wodka „Moonshine“ und ansonsten Jahr für Jahr fünfzigtausend Flaschen feinster, mitunter monatelang in Rotweinfässern aus British Columbia gereifter Spirituosen – Liköre, die nach Sauerkirschen und Haselnüssen duften, Gins, die mit Hibiskusblüten und Rhabarberwurzeln aromatisiert werden, Whiskys, die sich in ein exotisches Geschmacksgewand aus Chilischoten und Zimtstangen kleiden.

          Der Brennkessel heißt „Grace“, nach der Großmutter

          Der Erfolg der Hansen Distillery ist symptomatisch für die Metamorphose der kanadischen Millionenstadt Edmonton, die nach Jahrzehnten des Schuftens und Ackerns im Blaumann nun das Genießen für sich entdeckt. Öl hat sie reich gemacht, und ruhmreich ist hier, in den tiefsten Weiten der Provinz Alberta, bis vor kurzem nur das lokale Eishockeyteam mit dem bezeichnenden Namen Edmonton Oilers gewesen.

          Im Ausgehviertel Strathcona erlaubt sich Edmonton nicht nur kulinarisch einen Eskapismus: Die Bar „The Next Act“, eine von vielen.

          Nun aber haben die Menschen keine Lust mehr, ihre Freizeit allein mit Hockey bei Fastfood und Bier zu verbringen. Stattdessen gehen sie in einem der vielen frisch eröffneten Lokale gut essen – bei der Wahl der besten neuen Restaurants Kanadas hat die Stadt im vergangenen Jahr die Plätze drei, fünf und zehn belegt – und genehmigen sich danach einen Branntwein von Hansen oder von der Destillerie Strathcona Spirits, die sich in einem unscheinbaren Hexenhäuschen mitten in Edmontons lebendigstem Viertel Strathcona südlich der Innenstadt versteckt. Sie wird von dem Hobbymusiker, Hobbybierbrauer und neuerdings Profidestillateur Adam Smith betrieben, der vier Jahre lang durch die Welt reiste, um alles über das Schnapsbrennen zu lernen, nun seine preisgekrönten Gins mit Koriandersamen, Bitterorangen oder Paradieskörnern verfeinert und seinen zwölf Etagen hohen Brennkessel liebevoll nach seiner Großmutter Grace benannt hat.

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