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Gentrifiziertes Hudson Valley : Die Vertreibung aus New York ins Paradies

Die Stahlskulptur des amerikanischen Bildhauers Mark di Suvero passt sich in den Storm King Park ein. Bild: Picture-Alliance

Immer mehr Künstler und Hipster sind nicht mehr bereit, Wucherpreise für Wohnlöcher in Manhattan zu zahlen. Sie fliehen in die Städtchen entlang des Hudson River und verwandeln sie in das neue „Hipsturbia“.

          Unsere Taxifahrerin, die nicht nur wie Kathy Bates in dem Thriller „Misery“ aussah, sondern deren Lachen ebenso rauh und bedrohlich klang, nickte vielsagend, als wir unser Ziel nannten: Glenmere Mansion. Wer die Verfilmung des Romans von Stephen King nicht kennen sollte: Kathy Bates spielt darin eine ziemlich brutale Frau, der man lieber nicht begegnen möchte. Der Weg jedenfalls führte durch die hügelige Landschaft des Hudson Valley im Staat New York, über gewundene Straßen, durch dunkle Ortschaften, und der Wind versetzte die Kronen der Bäume am Rande der Fahrbahn in Unruhe.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Irgendwann hielten wir vor einem großen, einsam in der Gegend stehenden Haus, das aussah, als stünde der Abriss, den auch ein ordentlicher Sturm locker hätte erledigen können, kurz bevor. Der Putz blätterte, die Fensterläden waren modrig, und wie unsere Fahrerin umgab das Haus etwas Unheimliches. „Wir sind da“, sagte sie und meinte es todernst. Wir sollten aussteigen. Schönen Urlaub!

          Ungeduldig klopfte sie mit ihren Fingern aufs Lenkrad. Nein, das könne unmöglich das luxuriöse, im toskanischen Stil errichtete Glenmere Mansion sein, insistierten wir. Doch, doch, das sei ja gerade der Witz, dass niemand, schon gar keine Paparazzi, hinter diesen Mauern Gäste wie Bill und Hillary Clinton vermuten würde. Es dauerte eine Weile, bis wir sie überzeugen konnten weiterzufahren. Und ganz nebenbei hatten wir unsere ersten Lektion gelernt: Während in Manhattan manche das Hudson Valley schon als die Hamptons der Zukunft bezeichnen, schien unsere einheimische Fahrerin die Wucht der in dieser Gegend vor sich gehenden Veränderung nicht zu spüren – oder nicht spüren zu wollen.

          Genau wie in der Toskana

          Keine zehn Minuten später bogen wir in die Pine Hill Road ab und erreichten schließlich das echte Glenmere Mansion, das auf einem Hügel in der Abendsonne thronte. Oh, das sei ja tatsächlich wunderschön, rief unsere Fahrerin jetzt, und nein, hier sei sie wirklich noch nie gewesen. Wir mussten uns die Augen reiben, um sicherzugehen, nicht doch in die Toskana, in die Nähe von Volterra oder Montalcino, gebeamt worden zu sein - wobei die Tatsache, dass dieser friedliche Ort nur eineinhalb Autostunden von New York City entfernt liegt, die Vorstellung des Beamens ziemlich plausibel erscheinen lässt. Der Lärm Manhattans, der während der Fahrt noch in unseren Ohren geklungen hatte, die Menschenmassen, deren ständige Präsenz selbst dann noch deutlich spürbar war, als die Skyline längst hinter uns lag, all die Zumutungen New Yorks war augenblicklich verschwunden.

          Glenmere Mansion ist ein gigantisches, in hellen Tönen eingerichtetes Wohnzimmer, in dem sich die Gäste überall in einen sehr weichen Sessel oder eine sehr weiche Couch fallen lassen können, ein Zufluchtsort, Balsam für den reizüberfluteten Städter. Peter Klein, Unternehmer aus dem Schwäbischen, Sammler zeitgenössischer Kunst, Museumsbesitzer und Mäzen, kaufte das sechzig Hektar große Anwesen 2007 und ließ die Villa für viele Millionen Dollar denkmalgerecht generalrestaurieren und an die Wände Kunstwerke von Robert Motherwell, Helen Frankenthaler, Robert Rauschenberg, Poly Apfelbaum, Charlie Hewitt, Jay Kelly, Terry Winters und Paula Scher hängen.

          Das Relais&Châteaux Hotel verfügt über achtzehn Gästezimmer und Suiten, zwei Restaurants, einen Pool sowie einen Helikopterlande- und einen Tennisplatz. Ein Spa inklusive Hammam gibt es selbstverständlich auch, wobei Alan Stenberg, der das Glenmere Mansion gemeinsam mit seinem Partner Daniel DeSimone leitet und der Serie „Mad Men“ entsprungen zu sein scheint, ausdrücklich betont, dass der Spa-Besucher wirkliche Privatsphäre genieße, schließlich habe jeder Gast einen eigenen Umkleideraum. Gemeinsames Umziehen wie im Spa des New Yorker Mandarin Oriental, in dem es passieren kann, dass man mehrfach irritiert den Code für sein Schließfach eintippt, die Tür aber trotzdem immer wieder aufspringt, weshalb man sich wie einst im Schwimmunterricht der Schule fühlt, ist hier undenkbar. Das mag ein Luxusproblem sein. In der Welt des Luxus aber ist es ein ernstzunehmendes Problem.

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