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Alpen : Hoch im Kurs

  • -Aktualisiert am

Das fängt schon auf Wanderwegen an. Wir sind unterwegs auf einem steinigen Pfad zum Sallagoni-Klettersteig, nördlich von Arco. Aus dem Nieselregen ist ein niederprasselnder Schauer geworden. „Sich richtig in den Bergen zu bewegen ist gar nicht so einfach“, sagt Engelbert Leitner unter seiner Kapuze. Der Bergführer aus Osttirol leitet seit vielen Jahren Ausbildungskurse. „Die meisten Leute können nicht gehen“, sagt er, und auch im Prasseln des Regens kann man die Betroffenheit in seiner Stimme heraushören. „Wenn ich zu meinen Kursteilnehmern sage, wir üben jetzt erst mal das Wandern, dann lachen sie - aber die meisten können wirklich nicht gehen.“ Lektion eins der alpinen Ausbildung lautet also: Gehen. Bergauf: Sicheres Auftreten auf den nassen Steinen, ein kräftiger Abdruck unter dem Körperschwerpunkt, kleine Schritte und ein an die Steigung angepasstes Tempo. „Bergab müsst ihr leise und schonend gehen“, sagt Engelbert und geht breitbeinig, leicht in die Knie und nach vorne gebeugt, voran. „Das finde ich aber anstrengender“, sagt eine Teilnehmerin. „Stimmt“, antwortet Engelbert, als hätte er diesen Einwand erwartet. „Und davon bekommst du wahrscheinlich auch einen Muskelkater. Aber dafür bleibt dein Meniskus ganz. Der Muskelkater vergeht wieder, der kaputte Meniskus nicht.“

Der Neuschnee auf dem Stubaier-Gletscher verdeckt die Spalten.

Wir sind am Sallagoni-Steig angekommen, eine imposante Schlucht, deren Wände über uns den Himmel verdunkeln, aber auch den Regen abhalten. Aus den Felsen ragen große Metallstifte, darüber verläuft ein Drahtseil schräg nach oben. Am Vormittag hatten wir in der Theorie bereits einiges über Klettersteigsets und Gurte, die wir nun um die Hüften schnallen, gelernt. Dass immer einer der beiden Karabiner im Drahtseil eingeklickt sein muss, dass eine Seilbremse einen Sturz zwar abfängt, der aber dennoch schmerzhaft wäre. Jetzt folgt die Praxis: Nacheinander klicken wir die Karabiner ins Drahtseil, treten auf die Metallstifte und hangeln uns nach oben. Unter uns mäandert der Fluss durch die Schlucht, und wir versinken in einem von der Außenwelt abgekapselten Kosmos. Versinken in der Konzentration und im Staunen über diese Naturschönheit - und kehren erst nach zwei Stunden berauscht wieder in die echte Welt zurück.

Klettern als Extremform des Gehens

Als „Alpenpiercing“ werden Klettersteige mittlerweile kritisiert, und mit jeder Saison, in der eine weitere Region stolz ihren neuen Klettersteig präsentiert, scheinen die in die Felsen gerammten Metallstifte und die Drahtseile diesen Kritikern recht zu geben. Die Steige brächten die Menschen zudem an Plätze, an denen sie nichts zu suchen hätten. Befürworter sprechen dagegen von der Demokratisierung des Kletterns - senkrechte Wände für alle, vorausgesetzt, man weiß, was man macht. Die Unfallstatistik gibt eher den Kritikern recht.

Das liegt auch an der medialen Inszenierung. Um das zu sehen, muss man nur einmal quer durch Arco gehen. Magazintitel, Werbebilder und Videos stellen riskante Bergsportarten wie leichte Spaziergänge dar. Gefahren werden ausgeblendet, und die meisten Betrachter denken: Das will und das kann ich auch! In dem unterhaltsamen Roman „Tartarin in den Alpen“ hat der französische Schriftsteller Alphonse Daudet die Berge schon 1885 als ungefährliche Kunstwelt dargestellt. Die Gipfel, die Gletscher, die Felswände - alles nur eine Marketingidee: „Und die Spalten, mein Lieber, die schrecklichen Gletscherspalten! . . . Wenn Sie da hineinfallen?“, will Tartarin von seinem Begleiter wissen. „Sie fallen auf Schnee, Herr Tartarin, und Sie tun sich nicht sehr weh. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, ein Jäger, irgendjemand da, der Sie aufhebt, Sie abbürstet, schüttelt und höflichst sich erkundigt: ,Haben der Herr auch Gepäck?‘“ Die Unterhaltung dieser Gletscherspalten, fügt er ernst hinzu, sei eine der größten Ausgaben der „Comagnie“, die das alles inszeniert.

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