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Gartensiedlung Buchschlag : Villen für Idealisten

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So schön kann Utopia sein: eine Villa in der Gartenstadt Buchschlag nahe des Frankfurter Flughafens. Bild: Lucas Bäuml

In der Gartenstadt Buchschlag vor den Toren Frankfurts sollte eine soziale Utopie Wirklichkeit werden. Der Geist ihres Gründers scheint sie bis heute zu beseelen.

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          Urplötzlich wird es still, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, als hätten das geschäftige Treiben, der Lärm und die ständige Bewegung von Handel, Wirtschaft und Verkehr aus Respekt vor der Erhabenheit dieses Ortes ihre Tätigkeit eingestellt. Eben noch ist man durch das nicht gerade ansehnliche Gewerbegebiet von Sprendlingen gefahren, das so aussieht wie Tausende von Gewerbegebieten in Deutschland auch: Baumärkte, Autowaschstraßen, Möbelhäuser, Riesensupermärkte. Dann wird es kleinteiliger. Die Einfallsstraße verengt sich von vier auf zwei Spuren, in einem Einbahnstraßensystem wird man um das Zentrum von Sprendlingen herum geleitet, biegt rechts ab, fährt einen Kilometer, biegt noch einmal rechts ab – und ist inmitten einer anderen Welt: Buchschlag heißt der Ort und gehört seit 1977 zur Großgemeinde Dreieich im Landkreis Offenbach, die damals im Zuge der hessischen Gebietsreform entstanden ist. Hier steht die erste und auch eine der schönsten und größten Gartenstädte Deutschlands, geplant und gebaut zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Wohlgemerkt: Wir sind sechs Kilometer von den Start-und-Lande-Bahnen des Frankfurter Flughafens entfernt. Eine S-Bahn-Station weiter, fast in Laufnähe, befindet sich die Zentrale der Deutschen Flugsicherung, die den gesamten deutschen Luftraum überwacht. Doch in Buchschlag ist von alldem nichts zu bemerken. Man ist mitten im Rhein-Main-Gebiet, und doch fühlt es sich an, als wäre die Welt weit weg. Das muss auch schon vor mehr als hundert Jahren so gewesen sein, und das ist einer der Gründe dafür, dass die Villenkolonie in Buchschlag überhaupt geplant wurde. Ihre Entstehungsgeschichte verdankt sich einer eigenwilligen Mischung aus Religiosität, bürgerlichem Mäzenatentum, feudaler Machtausübung und reformerischem Denken als Gegengewicht zur fortschreitenden Industrialisierung.

          Feldgottesdienste unter freiem Himmel

          Der Frankfurter Kaufmann und Kolonialwarenhändler Jakob Latscha, der bis zu seinem Tod im Jahr 1912 mehr als siebzig Geschäftsfilialen im Rhein-Main-Gebiet aufbaute, war Vorstandsmitglied im Christlichen Verein Junger Männer. Zusammen mit Gleichgesinnten hielt Latscha im Forst zwischen Neu-Isenburg und Sprendlingen Feldgottesdienste unter freiem Himmel ab. Später baute er zu diesem Zweck eine kleine Halle. Was Latscha antrieb, war zum einen die Sehnsucht nach unberührter Natur, zum anderen aber auch eine ethische Selbstverpflichtung zu sozialem Handeln. Er entwickelte die Vision einer Siedlung, deren Bewohner zu günstigen Preisen Parzellen kaufen konnten, um dort auf solidarischen Grundsätzen eine neue Kommune zu gründen. Beamten, Handwerkern und Angestellten wollte Latscha in Buchschlag ein neues Zuhause im Grünen, aber mit Verkehrsanschluss an die knapp fünfzehn Kilometer entfernte Stadt Frankfurt ermöglichen. Buchschlag liegt direkt an der Bahnlinie; der Bahnhof, der mitten im Wald errichtet wurde, firmierte seinerzeit noch als Haltepunkt Sprendlingen.

          Gründer Jakob Latscha entwickelte die Vision einer Siedlung, deren Bewohner zu günstigen Preisen Parzellen kaufen konnten, um dort auf solidarischen Grundsätzen eine neue Kommune zu gründen. Bilderstrecke
          Buchschlag : Villen für Idealisten

          Das Gelände, auf dem Jakob Latscha seine Pläne umsetzen wollte, war seit dem siebzehnten Jahrhundert im Besitz des Großherzogtums von Hessen-Darmstadt. Im Jahr 1904 unterzeichneten Latscha und Großherzog Ernst Ludwig von Hessen den Gründungsvertrag für die Siedlung Buchschlag. Die Vorstellungen des Großherzogs wichen allerdings entscheidend von Latschas Utopie einer genossenschaftlich strukturierten Gemeinschaft ab. Im selben Jahr war die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe vollendet worden. Der Großherzog war auf der Suche nach einem neuen Projekt, bei dem er seine eigenen architektonischen Ideale umsetzen konnte. Ernst Ludwig von Hessen war der Enkel von Queen Victoria und häufig in England zu Gast. Der britische Landhausstil in Verbindung mit der ästhetisch bis ins Detail durchgeplanten Wildheit englischer Landschaftsgärten wurde zum dominierenden Element der Villenkolonie. Dreiundneunzig Häuser entstanden dort von 1905 an. Für den Bebauungsplan zeichnete der Architekt Friedrich Pützer verantwortlich, der in Darmstadt ganze Stadtviertel und später auch den Hauptbahnhof entwarf.

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