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Fußballfreie Zone (6): Eine Briefmarkensammlerin in San Marino : Die kleinen Diplomaten eines winzigen Landes

Schöner Schein zum ersten: Liebespaar bei der Mondanbetung. Bild: Philatelie San Marino

San Marino steht an letzter Stelle der Fifa-Weltrangliste - und ist damit das Land, in dem ganz offiziell der schlechteste Fußball des Planeten gespielt wird. Vielleicht haben sich die Menschen deshalb auf eine andere Leidenschaft verlegt: Briefmarken. Jeder Sammler kennt sie und hat ein festes Bild im Kopf. Doch was ist es wert?

          8 Min.

          San Marino ist wunderschön. Es ist das Land, in dem jahrhunderte alte Bäume wachsen, in dem es für jeden Schmetterling eine farblich passende Blume gibt, in dem die Seen und Flüsse so voller Fische sind, dass man sie sich einfach greifen kann. Die Luft ist erfüllt von nie enden wollendem Vogelgezwitscher, vor den Toren der Stadt salutieren Männer, in deren Uniformknöpfen die Sonne blinkt, und wenn man sich nach einem Mittagsmahl aus Pasta und sanmarinesischem Wein auf einen Spaziergang durch die Hauptstadt begibt, dann begegnen einem in den Gassen die edelsten Hunderassen, die man sich vorstellen kann. Schnittige Oldtimer steuern um die engen Kurven, manchmal kommt ein Rennwagen herangebraust. Und wenn sich die Nacht über San Marino senkt, dann finden sich nach und nach die Liebespaare auf der Stadtmauer ein und sehen zu, wie der Mond die umliegenden Hügel in sein silbernes Licht taucht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So schön ist San Marino - für die Briefmarkensammlerin, die den Zwergstaat nur vom Betrachten der sanmarinesischen Briefmarken kannte. Sie verwandelten ihr Briefmarkenalbum in ein kunstvoll gestaltetes Bilderbuch, das mit elegantem Farbenspiel und feingezeichneten Motiven so lebendig von dem Land erzählte, dass sie beim Umschlagen der Seiten manchmal fast glauben konnte, dort zu sein. Nun steht die Briefmarkensammlerin tatsächlich vor den Stadtmauern San Marinos. Es sind mächtige Quader, viel größer, als die Briefmarken es glauben machen. Die Sonne hat den Stein erwärmt, bisher kannte sie nur seine Kühle auf dem durchscheinenden Papier. San Marino, das sich wie aus der Zeit gefallen mit Hunderten von Zinnen und Türmchen auf den drei Spitzen des Monte Titano zwischen die italienischen Provinzen Emilia-Romagna und Marken zwängt, ist auf einmal ganz real.

          Briefmarken statt Marshall-Plan

          San Marino ist wahrlich kein Land, das von sich Reden macht oder über das man mit vielen Menschen plaudern kann, außer im Kreis von Philatelisten. Ihnen freilich ist das Land ein Begriff, aus dem mitunter stundenlange Dialoge, Vorträge und wochenendfüllende Seminare erwachsen: Kein anderes Miniaturland hat sich so erfolgreich durch seine Briefmarken auf der Weltkarte plaziert, kein anderes hat es so wie San Marino verstanden, durch den Verkauf von Briefmarken seine Staatskasse zu sanieren. Anstatt etwa nach dem Zweiten Weltkrieg die angebotene Hilfe aus dem Marshall-Plan anzunehmen, druckten die geschäftstüchtigen San Marinesen lieber eine Gedenkserie für das Wiederaufbauprogramm. Die Sternenbanner und Roosevelt-Köpfe verkauften sich hervorragend - gegen harte Dollar. Auch deshalb haben die Sanmarinesen für ihre Briefmarken einen charmanten Namen gefunden. Sie nennen sie "kleine Diplomaten".

          Schöner Schein zum zweiten: Ein glücklicher Schlemmer in San Marino.

          Es sind nur ein paar Schritte über die Straße, über den Zebrastreifen, dann ist die Porta San Francesco, das Haupttor zur Stadt, erreicht. Die Briefmarkensammlerin schaut nach rechts und links, kein aus dem Briefmarkenalbum vertrauter Rennwagen, kein Oldtimer und auch keine anderen Fahrzeuge flitzen heran. Die Stille liegt wie eine faule Katze auf dem nachmittagsheißen Asphalt. Jetzt ganz Städterin, kürzt die Briefmarkensammlerin den Weg deshalb einfach ab, geht quer über die Straße. Sie kommt nicht weit: Aus verspiegelten Sonnenbrillengläsern starrt sie ein Polizist an, reißt den Arm hoch, zackig wie ein fabrikneuer Spielzeugkavallerist. Ein kurzer Augenblick des Staunens, und die Briefmarkensammlerin versteht: Sie wird hier gerade vom sanmarinesischen Staat über die Straße gewunken - in dem sechzig Quadratkilometer großen Land gibt es nur zwei Ampeln, was wohl auch das Fehlen von Ampelmotiven auf den sanmarinesischen Briefmarken erklärt. Marken, auf denen Uniformierte abgebildet sind, die in San Marino Bürger, Würdenträger oder Gebäude schützen oder Briefmarkensammlerinnen über die Straße helfen, existieren hingegen zuhauf. Da ist etwa die wunderbare Serie aus dem Jahr 1979, die auf zwölf Briefmarken unter anderem die Festungswache Guardia di Rocca mit ihren grünen Jacken, roten Beinkleidern und den schwarzen Mützen mit weiß-rotem Federbusch zeigt oder die Männer der Guardia del Consiglio, die in blauer, gelbbetresster Uniform und Säbel den Regenten salutieren.

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