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Fußballfreie Zone (1): Heiliger Rasen in Cambridge : Die achte Todsünde

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Hier Fußball spielen? Um Gottes Willen - der Great Court des Trinity-Colleges in Cambridge. Bild: picture-alliance / dpa

Die Engländer sind ein fußballverrücktes Völkchen, und sie sind die Gralshüter des kultivierten Rasens. Das scheint sich wunderbar zu ergänzen. Aber wehe dem, der die falschen Rasenflächen betritt. Etwa in Cambridge.

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          Man darf ihn berühren. Man darf vor ihm niederknien, tiefer noch und die Wange an seinem zarten, kühlen, feuchten Fell reiben, aber dann ist Schluss. Wer je versucht hat, den universitären Rasen eines der fünfunddreißig Colleges in Cambridge zu betreten, wird den Kastenteufel nicht vergessen, der aus seiner Portiersloge geschossen kommt: "Don't walk on the grass!" Wer ihn nicht versteht, bekommt es auch gern schriftlich und auf Deutsch wie im King's College: "Besucher werden gebeten, den Rasen nicht zu betreten und von Picknicks Abstand zu nehmen. Bitte verursachen Sie keinen Lärm. Die Benutzung von Radios und Kassettenspielern ist untersagt."

          Der Rasen, mit dem die Innenhöfe der Cambridger Institute samtig ausgeschlagen sind, heißt nämlich nicht "lawn", wie etwas, auf dem man Tennis spielt oder grillt, sondern "turf". Und er ist heilig. Nur Tutoren und Professoren dürfen die Grünfläche queren, und sie tun es mit dem Flair flüchtiger Halbgötter, der Unbefugten nicht achtend, deren neidische Blicke ihnen Löcher in den wehenden Talar brennen. "Der weite Rasen lag schattenlos in der Sonne, ein Inbegriff von Grün, das die duftende Luft färbte", schrieb P. D. James in "Ein reizender Job für eine Frau". "Ein zierlicher älterer Tutor in Talar und Mütze humpelte über das Gras. Miss Leaming sagte, als hätte Cordelia um eine Erklärung gebeten: ,Er ist Mitglied des Lehrkörpers. Der geheiligte Rasen wird deshalb von seinen Füßen nicht befleckt.'"

          Sensenmänner am Werk

          Virginia Woolf, mit dem Kopf in den Wolken, versuchte einmal, in Cambridge ein heilig's Turfle unter die großen Füße zu nehmen, als auch sie von einem gestikulierenden Herrn in Gehrock und Melone abgefangen wurde, dessen Gesicht Schrecken und Empörung ausdrückte. "Er war der Pedell, ich eine Frau. Dies war der Rasen; der Weg war dort. Mein Platz war der Kies." Sie trat auf den Weg, und die Lage entspannte sich; seine Arme sanken herab, die Miene fand zur üblichen Gelassenheit zurück. Schaden war keiner entstanden, nur der Gedanke an ein Zimmer für sich allein, den sie im Gehen formuliert hatte, war ihr entschlüpft.

          Die ganz große Ausnahme: ein Fotograf betritt den Rasen der Universität von Cambridge, um Absolventen aufzunehmen.
          Die ganz große Ausnahme: ein Fotograf betritt den Rasen der Universität von Cambridge, um Absolventen aufzunehmen. : Bild: IMAGO

          An einigen Instituten soll der Posten des Portiers früher in der Regel von einem illegitimen Spross des englischen Königshauses bekleidet worden sein. Und wie auch nicht? Es gibt kein nobleres Grün als das der Gelehrten, sauber abgestochen wie ein Stück Kuchen, gerahmt von Rabatten und Wasserbecken, umschlossen von Tudorfachwerk oder backsteinroten und mittelaltergrauen Mauern, an denen eine baumstarke Glyzinie in Bleu Mourant hochgeht. Kegel aus Buchs und Eibe stehen stramm vor dem grünen Teppich. Auf dieser Bühne wird seit 1209 dasselbe Stück gespielt. Es ist eine versponnene, vordemokratische Welt, und wäre nicht das Schnurren und Klötern hochentwickelter Rasenschurgeräte, die im Sommer pausenlos herumkurven, könnte sich der Besucher der Illusion hingeben, in ein altes Bild getreten zu sein. Sechshundert Jahre Pflege sagt man der Grasnarbe nach, obwohl die Sensenmänner des fünfzehnten Jahrhunderts nichts dem heutigen Flor Vergleichbares zustande brachten und die Menge der Jahre wohl in Umlauf gesetzt wurde, um amerikanische Touristen zu verblüffen. Ein Rasen, der fünf Jahre lang picobello gegossen und gedüngt wird, unterscheidet sich in nichts von einer fünfhundert Jahre alten federnden grünen Schwarte.

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