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Das Wunder von Bern : Manche Spiele dauern ein ganzes Leben

  • -Aktualisiert am

Die Uhr ist original, das Ergebnis nicht: 1954 stand als Resultat am Berner Wankdorfstadion ein 3:2 - und stürzte Deutschland in einen Taumel der Freude. Bild: Karl-Heinz Hug

Ein unbezahlbares Foto und eine Uhr mit bewegter Geschichte: Was man heute noch vom „Wunder von Bern“ entdecken kann, wenn man sich auf die Spuren der damaligen deutschen Nationalmannschaft begibt.

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          Wie müssen ihre Herzen gerast haben, als sie vor sechzig Jahren in Spiez ankamen, diesem stillen Ort im Kanton Bern. Toni Turek, Fritz Walter, Helmut Rahn, Horst Eckel und all die anderen Spieler der deutschen Nationalmannschaft von 1954. Im Prinzip ein Team aus Teilzeitfußballern: Jeder von ihnen hatte noch einen anderen Beruf - ausschließlich vom Sport leben konnte man damals nicht. Und nun waren sie tatsächlich hier. Einige von ihnen hatten sogar unbezahlten Urlaub genommen, um ihr Land in den kommenden Wochen bei der Fußball-Weltmeisterschaft zu vertreten.

          „Was wollt denn ihr in der Schweiz? Ihr habt doch nicht etwa vor, die Ungarn, Brasilianer oder Urus zu schlagen?“ sollen die Zöllner sie an der Grenze gefragt haben. So richtig ernst nahm sie wahrscheinlich keiner - bis auf diesen eigenwilligen alten Trainer, der mit ihnen im Bus hockte. In den Wochen zuvor hatte er sie bis an ihre Grenzen ertüchtigt, um noch möglichst viel von den Bäuchen wegzukriegen, die sich bei den meisten mehr oder weniger dezent unter den Trikots abzeichneten.

          Lieber Holländer als Deutsche

          Heute, sechzig Jahre später, bei der Ankunft am Spiezer Bahnhof, kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, wie fremd diese Welt damals auf die Spieler gewirkt haben muss: die am Hang verstreuten gepflegten kleinen Häuser, der blau und glatt im Tal liegende Thunersee, gerahmt von grünen Ufern und blassblauen Alpen. Zu Hause das graue, noch immer zerbombte Nachkriegsdeutschland - hier, hinter den Bergen, das heile Postkartenidyll. So ähnlich muss das wohl gewesen sein. „Als wir am 11. Juni zum Hotel einbogen, verschlug es uns erst mal die Sprache. Ein imposantes Gebäude, direkt am See“, hat Horst Eckel seinen ersten Eindruck vom Mannschaftshotel „Belvedere“ Jahrzehnte später in seinem Buch „Die 84. Minute“ beschrieben.

          Der Augenblick des Triumphes: Noch können es die deutschen Spieler nicht so recht fassen, dass sie gerade Fußballweltmeister geworden sind.
          Der Augenblick des Triumphes: Noch können es die deutschen Spieler nicht so recht fassen, dass sie gerade Fußballweltmeister geworden sind. : Bild: dpa

          Dass sie überhaupt in diesem Grandhotel unterkommen durften, hatte die deutsche Mannschaft vor allem dem ehemaligen deutschen Nationalspieler Albert Sing zu verdanken. Der trainierte seit 1951 die Berner „Young Boys“ und hatte sich darum im Vorfeld für Sepp Herberger auf Quartiersuche begeben. Spiez schien ihm wegen der ruhigen Lage ideal. Allerdings war der damalige Direktor des „Belvedere“ zunächst nicht gerade erpicht auf die Deutschen: Er habe doch so viele holländische Gäste, die wären bestimmt nicht begeistert, soll er eingewendet haben. Aber Sing blieb hartnäckig, bis der Hotelier endlich überzeugt war.

          Persönliche Widmung von Sepp Herberger

          Und so kann sich das mehr als hundert Jahre alte Vier-Sterne-Haus auf seinem grünen Hügel etwas oberhalb des Thunersees bis heute ein bisschen im Glanz der damaligen Weltmeisterschaft sonnen. Im Empfangsbereich, gleich neben der Rezeption, hängt noch immer ein Schwarzweißbild der Sieger-Elf. Am unteren Rand haben alle Spieler unterschrieben, am oberen hat sich Sepp Herberger mit einer persönlichen Widmung beim Hotelpersonal bedankt.

          Noch immer würden Väter mit ihren Söhnen in das Hotel pilgern, um ihnen genau dieses Foto zu zeigen, sagt Markus Schneider, der das Belvedere seit fünfzehn Jahren leitet. Wir haben an einem kleinen Tisch in der warm beleuchteten Lobby Platz genommen, er hat die Hände im Schoß gefaltet. Mit einem Lächeln erzählt er vom Anfang seiner Dienstzeit und von dem Moment, in dem ihm klar wurde, was dieses Foto noch Jahrzehnte später für manche Deutsche bedeute.

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