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Holzschnitzen in Oberammergau : Fürchtet euch nicht!

Der Weg zum Engel ist lang und voller Schnitte – manche in den Daumen. Bild: Freddy Langer

Wie viel Engel lässt sich als Laie in zwei Tagen aus einem Holzklötzchen heraus schnitzen? Ein Selbstversuch.

          Es war die zweite Nacht im Hotel Alte Post in Oberammergau, als zwischen dem Fußende des Betts und der Anrichte mit dem Flachbildschirm unvermittelt der Engel stand und so etwas murmelte wie „Fürchte dich nicht.“ Ganz genau hatte ich es nicht verstanden, ich war ja noch dabei aufzuwachen, und das Licht, das ihn umgab, strahlte so hell, dass ich zunächst Probleme hatte hinzuhören. Gleichermaßen verlegen wie von seinem Glanz geblendet, blinzelte ich ihm zu, was er möglicherweise missverstand. Denn mir schien es, als zuckte er ein wenig zusammen. Dabei war es ja er, der mir keck sein nacktes Knie aus dem langen Gewand entgegenstreckte. Und der sein mächtig gelocktes Haar mit einer verführerischen Geste nach hinten warf. Aber dann kehrte sich sein Blick wie nach innen und verbreitete ein Moment von Seligkeit und Verzückung, so dass der Hinweis, sich nicht fürchten zu müssen, völlig überflüssig wurde. Es war exakt der Blick, den ich dem Holzengel wünschte, an dem ich tags zuvor fünf Stunden lang herumgeschnitzt hatte. Kurzerhand griff ich zum Handy. Aber bis ich die Kamerafunktion gefunden hatte, war das himmlische Wesen verschwunden. Einfach so. Nicht davongeflogen, entschwebt oder gar zur Tür hinausgegangen. Vielmehr löste der Engel sich auf wie Rauch. Für einen Augenblick hing er noch als Schliere im Raum, dann war es wieder finster. Ich legte das Handy zurück auf den Nachttisch und schlief weiter.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Oberammergau ist so etwas wie die Welthauptstadt der Holzschnitzerei. Von der lebensgroßen Schnecke auf Rädern bis zur lebensgroßen Pietà wurde hier schon alles geschnitzt. Üppig barock, kindlich naiv. Ist es Kunst, ist es Handwerk? Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Und sie wechselte wohl auch mehrmals im Laufe der Epochen. Wobei niemand genau sagen kann, wann die Kunstfertigkeit mit der rasiermesserscharfen Klinge hier ihren Anfang genommen hat. Immerhin war schon auf der Inventarliste von Jakob Fuggers Wunderkammer aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert eine Betnuss aus Oberammergau verzeichnet, die heute leider verschollen ist. Und der italienische Staatsmann Francesco Vettori, den eine Reise im Jahr 1508 durch Oberammergau führte, notierte, dass das Dorf ärmlich, aber sehr gesund sei und „der Großteil der Bewohner, um leben zu können, feinste Bildschnitzereien und Kruzifixe anfertigt“. Damit diese Kenntnisse nicht verlorengingen und die Kunstfertigkeit zugleich weiterentwickelt werden könnte, gründete man 1839 eine Zeichenschule und 1877 die Schnitzschule Oberammergau, die mittlerweile Staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer heißt und seit 1908 in einem großen Bau am Ortsrand untergebracht ist. Dort hatte ich mich mit Veronika Hecht verabredet. Bis zum vorigen Sommer war sie dort selbst noch Schülerin gewesen. So wie zuvor ihr Vater und ihre Mutter, ihr Onkel und ihre Tante. Und ihr Großvater.

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