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Fünfzig Jahre James Bond : Die Venus des Agenten

Erotische Schnitzereien eines unanständigen Matisse

Wahrscheinlich wunderten sich diese Herrschaften auch, wenn sie heute nach Strawberry Hills kämen, einem Kolonialistenanwesen aus schneeweißen Pinienholzvillen hoch über der Hauptstadt mit herrlichem Blick über die Bucht und die Blue Mountains, in dem sich jetzt nicht mehr Großgrundbesitzer zum Afternoon Tea treffen, sondern Jet-Set und High Society zum Nachmittags-Champagner. Denn die Erdbeerhügel sind von Jamaikas Tycoon Chris Blackwell mit einem Luxushotel samt Privatvillen und eigenem Hubschrauberlandeplatz überbaut worden und würden gewiss auch James Bond gefallen - alleine schon deswegen, weil viele der Villen Friese mit erotischen Schnitzereien zieren. Sie zeigen recht eindeutig in der Manier eines unanständigen Matisse ineinander verschlungene Leiber bei Liebes- und anderen Spielen. Bond selbst hatte hier oben indes keine Flausen im Kopf, sondern geschäftlich zu tun, um sich anschließend bei der Fahrt hinunter eine mörderische Verfolgungsjagd mit den drei Bettelmördern zu liefern.

Wir bewältigen die Strecke deutlich gelassener, die sich in halsbrecherischen Serpentinen ins Tal windet und dabei ängstlich an Bergflanken so steil wie gigantische steinerne Brettwurzeln krallt oder schwankend auf schwertscharfen Graten balanciert. Autowracks säumen die Straße, Anzeigetafeln mit austauschbaren Ziffern verkünden die aktuelle Zahl der Verkehrstoten, und Schilder mit Verkehrserziehungslyrik mahnen zum lebensverlängernden Fahren. „Don’t drink and drive, arrive alive“ lesen wir dort, oder „Undertakers love Overtakers“ - und denken uns, dass dieser Spruch eine Hommage an James Bond sein muss, denn die drei Mörder auf seinen Fersen fuhren nach einem missglückten Überholmanöver mit ihrem Leichenwagen in den Tod. Und jetzt beneiden wir 007 plötzlich gar nicht mehr, sondern erfreuen uns an der entspannten Fahrt mit unserem landestypisch eminent entspannten Chauffeur, dessen Fahrstil genauso gemütlich ist wie seine von sehr viel amerikanischem Fast Food ausgepolsterte Figur und der uns wie eine Fleischberg gewordene Personifizierung von Jamaikas Nationalmotto „No problem“ erscheint.

Schon wieder dieser jamaikanische Nationalmidas

Nach einer phantastisch schönen Tour ohne Zwischenfälle und Mordanschläge durch schroffe Berge und tiefe Flusstäler, durch dösende Dörfer und eine tropische Kulisse voller Flamboyants und Tamarinden erreichen wir bald die Wiege von James Bond: einen wunderbar schlichten Bungalow aus blendend weißem Kalkstein mit offener Holzdecke und fünf Meter breiten Panoramafenstern, den sich Ian Fleming, der Schöpfer von 007 und im wahrhaftigen Leben waschechter Geheimagent, als Winterrefugium errichten ließ und in glücklicher Erinnerung an eine Kommandoaktion in Gibraltar während des Zweiten Weltkriegs „Golden Eye“ nannte. Dort steht noch immer jener Schreibtisch aus Ulmenholz, an dem Fleming seine zwölf „Bond“-Abenteuer verfasste. Und dort ist er bis heute auf Schwarzweißfotografien so präsent, als werde seine Ankunft aus dem nasskalten Mutterland demnächst erwartet. Die Aufnahmen zeigen einen mustergültigen Gentleman mit Zigarettenspitze, schmalem Hüftgürtel und einem Lächeln, das immer eine Prise spöttischer Süffisanz und manchmal auch ein Hauch von Snobismus umspielt, ein Herr von der Sohle bis zum Scheitel jedenfalls, der selbst in Badehose beim Harpunenfischen eine formvollendete Figur macht.

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