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Fünfzig Jahre James Bond : Die Venus des Agenten

Die Touristenführer kreischen wie hysterische Cheerleader und peitschen die Besucher mit Calypso-Refrains auf. „How do you feel?!“, brüllen sie, „hot, hot, hot!“, schreit es im Chor zurück. Dann tapsen die Horden durch die Wasserfälle, wobei die besonders schweren Fälle unter ihnen ab zwei Zentner Lebendgewicht von den Führern an der Hand genommen werden wie Monsterkindergartenkinder. Ständig hält die Karawane für Gruppenfotos, dauernd werden Spielchen gemacht - Paare müssen sich unter dem Jubel der restlichen Spaßgesellschaft küssen und dann rückwärts in ein Becken plumpsen lassen -, pausenlos platscht Fett aufs Wasser, ach Ursula, wo bist du nur, ach 007, wie sehr wir dich beneiden! Oben angekommen, werden die Kohorten dann durch ein Labyrinth aus Souvenirständen geschleust und raffen Bob-Marley-Holzmasken zusammen, dessen Konterfei von seinen Rastalocken umschlungen wird wie von Medusa-Schlangen, oder kaufen sich Muscheln, wie sie Honey Rider sammelte, wahrscheinlich ohne jemals von Ursula zu träumen.

Ein Weltreisender par excellence

Wir haben schon immer von einem Leben à la James Bond geträumt, und wenn wir ganz ehrlich sind, ging es uns dabei gar nicht um seine Geheimagentenabenteuer und noch nicht einmal um seine Frauengeschichten - wobei wir sowieso nie verstanden haben, warum die weltweite Damenwelt im Angesicht dieses schottischen Schlacks mit dem viel zu hohen Hosenbund und der viel zu kurzen Krawatte dahinschmilzt wie Sahnetörtchen in der Sonne. Es ging immer um etwas viel Wichtigeres: James Bond ist ein Weltreisender par excellence, ein Mann, der sich in der Fremde so selbstverständlich bewegt, als sei er auf allen Erdteilen zu Hause, ein Kosmopolit, der uns mit spielerischer Leichtigkeit den Schrecken vor der Ferne genommen hat, so wie vor ihm schon Hergés rastloser Reporter Tim, unser allererstes Vorbild in der Kunst des Kosmopolitismus. „Ihr Flugzeug geht in einer Stunde“ - was für ein verheißungsvoller Satz, was für ein phantastisches Leben! Ein letzter Scherz mit Moneypenny, Schnitt, und Bond ist tatsächlich in Hongkong, auf den Bahamas oder landet in „Dr.No“ mit einer Boeing707 der Pan Am auf dem Flughafen von Kingston in Jamaika.

Die 707 von 007 ist längst Luftfahrtgeschichte und die wahre Pan Am schon vor Jahren im Orkus des Bankrotts verschwunden. Manche Drehorte von „Dr.No“ aber haben alle Stürme der Zeiten überstanden, als warteten sie nur auf die Rückkehr des Agenten, so wie der Liguanea Club, in dem die drei als blinde Bettler getarnten Meuchelmörder Bonds Geheimdienstkollegen Strangways erledigen. Liguanea ist auch nach hundert Jahren trotz aller sorgfältig gehegten Verstaubtheit noch immer der exklusivste Club Jamaikas, in dem die oberen Zehntausend in viktorianischen Holzkulissen Squash oder an lederbezogenen Tischchen Bridge spielen, und Gentlemen ganz alten Schlages so vertieft die Kreuzworträtsel ihrer Zeitung lösen, dass sie gewiss noch nichts von Jamaikas Unabhängigkeit im Jahr 1962 mitgekommen haben und wohl auch nichts von dem Mord, obwohl sie gewiss Augenzeugen der Schandtat waren.

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