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Das Psychiatriemuseum Gabersee : Freibier für die Geisteskranken

  • -Aktualisiert am

Ein kleines bisschen irre: Inszenierung in der Psychiatrie von Gabersee. Bild: Veronika Eckl

Im Jahr 1883 wurde in Gabersee die erste Irrenanstalt Bayerns gegründet. Heute ist sie ein Museum - und ein Ort, der ebenso anrührend wie erschreckend ist.

          Groß ist es nicht, das Psychiatriemuseum Gabersee. Aber es ist eine große Geschichte, die an den grünen Höhen über Wasserburg am Inn erzählt wird. Dort wurde 1883 die erste so genannte Irrenanstalt Bayern gegründet, in der Patienten nicht nur verwahrt wurden, sondern menschenwürdig leben sollten. Die Initiative verdankte sich dem Aufschwung der Psychiatrie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Kranken sollten, so forderten es die Ärzte, in hellen Pavillons leben – und nicht in einem dunklen Kasten dahinvegetieren wie anderswo üblich zu jener Zeit. In Gabersee findet man sich deshalb in einer grünen Anlage wieder, in der Gründerzeitvillen aus hellrosa Backstein mit weißen Fensterläden stehen. Die Anstalt war angelegt wie ein Dorf, mit Kirche und einem Festsaal. Es gab eine Männerstation und eine Frauenstation – und einen Friedhof. Finanziert hat sich der Betrieb über eine Landwirtschaft mit Pferden, Kühen und Rindern, Gärtnerei, Fischzucht und Käserei.

          „Was braucht der Mensch zum Leben? Ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und eine Aufgabe“, erklärt Wolfgang Schmid, einer der Pfleger des Klinikums und Gabersee-Historiker aus Leidenschaft, der Besucher die Holztreppe in einer der Villen hinaufführt. Dort ist das Museum eingerichtet. Zwei Räume einer ehemaligen Station, in denen ausgestellt ist, was ein ehemaliger Mitarbeiter der Anstalt über Jahrzehnte hinweg gesammelt hat. Doch wenn Schmid zu erzählen beginnt, fühlt man sich zwischen den weißgestrichenen Stühlen, dem plumpen Essgeschirr, der groben Arbeitskleidung ehemaliger Insassen zurückversetzt in eine Zeit, in der psychisch Kranke vielleicht sogar mit größerer Selbstverständlichkeit behandelt wurden als heute. Sonderlich gemütlich ging es allerdings nicht zu. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte Gabersee mehr als tausend Patienten; Schmid deutet auf ein Foto, das einen Schlafsaal zeigt: „Die Enge in den Räumen war bedrückend. So etwas wie Intimsphäre gab es nicht, die Leute hatten nicht einmal einen Nachttisch.“ Trotzdem, sagt er, habe sich niemand beschwert: „Die Menschen besaßen ja nicht viel. Ein Arbeitsgewand, ein Sonntagsgewand, ein Paar Schuhe. Sie haben hier gewohnt und gearbeitet, viele sind auf den Stationen frei ein- und ausgegangen. Und sie haben jeden Tag ihre drei Halbe Freibier getrunken, die waren da daheim.“

          Crashkurs für die Psychiatriepfleger

          Der Pflegeberuf sei beliebt gewesen, besonders bei Frauen, aber auch bei den nicht ausgebildeten jungen Männern, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt waren. „Sechs Wochen Crashkurs in Psychiatriepflege, und schon konnte man Beamter werden und eine Familie ernähren.“ Von einem alten Schwarzweißfoto schauen die Pflegerinnen und Pfleger herab, einer der Männer trägt ein Hitlerbärtchen – Vorbote einer dunklen Zeit. Denn als die Nazis an die Macht kamen, waren die sorglosen Zeiten für die Gaberseer Kranken vorbei. Im Wasserburger Krankenhaus wurden die meisten von ihnen zwangssterilisiert. Mehr als fünfhundert Patienten wurden nach Schloss Hartheim bei Linz deportiert und vergast – „meistens die Unauffälligen, Braven, die aber als ,unheilbar‘ diagnostiziert waren“, sagt Schmid.

          Im Jahr 1945 übernahmen die Amerikaner die Anstalt, richteten dort ein Lager für „displaced persons“ ein. Erst 1954 wurde Gabersee mit einer neuen Klientel wiedereröffnet: den „Kriegssüchtigen“, die auf den Schlachtfeldern abwechselnd Aufputschmittel und Morphium geschluckt hatten. Doch die große Zeit der Anstalt war vorüber. In den folgenden Jahrzehnten wurden immer mehr private Heime gegründet. Heute gibt es in Gabersee keine Langzeitpatienten mehr – im Durchschnitt bleiben die Hilfesuchenden nur noch zwei Wochen.

          Messer zum Essen strengstens verboten

          Das Museum konserviert ein wenig von der Atmosphäre, die in den alten Häusern herrschte. Zu sehen ist etwa ein Zimmer, wie es Privatpatienten hatten, mit einem Bett, einem Schrank, einem Tisch und einem Blick ins Grün der Bäume. „Sieht gemütlich aus, aber ein Waschbecken oder eine Toilette gab es nicht“, kommentiert Schmid. Andere Ausstellungstücke verweisen auf die wenig angenehmen Seiten des Heimalltags, etwa die Aluminiumlöffel – lange Zeit durften die Patienten zum Essen keine Messer benutzen.

          Am anrührendsten und schrecklichsten zugleich wirkt der Spind eines Patienten, der seine Mutter erstochen hatte. Mit der Begeisterung eines Kindes sammelte er leere Schokoladenschachteln und Zigarettenpäckchen, Vogelfedern und Stifte. Eine bizarre Welt tut sich da auf, die einer ganz eigenen Logik unterliegt.

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