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Frankreich : Still und Gleise

  • -Aktualisiert am

Eine Trasse für sich: Die Petite Ceinture in Paris. Bild: Marlene Göring

An der Petite Ceinture, einem Bahnring aus dem 19. Jahrhundert, ist sogar in Paris noch etwas zu entdecken. Eine Unterwanderung.

          Das Abenteuer endet an einem vier Meter hohen Zaun. Fünf Gestalten stehen im Dunkel des alten Bahntunnels, geblendet vom Licht auf der anderen Seite der Absperrung, wo Flieder und Birken die Gleise überwuchern. Über einen Kilometer lang sind die fünf durch die Finsternis gewandert, über Steine und Undefinierbares gestolpert. Der Größte von ihnen, leicht zwei Meter misst er, zieht sich prüfend am Gitter hoch. Die anderen laufen suchend die Tunnelbreite ab, sie sind nervös. Weil sie unbedingt noch weiter wollen. Und weil das, was sie tun, illegal ist.

          „Urban Explorer“, Stadtentdecker, bevorzugen Orte, die für die Öffentlichkeit verboten sind: leere Krankenhäuser, verfallene Villen, das Abwassersystem. In Paris ist einer dieser Orte die Petite Ceinture: ein Bahnring aus dem 19. Jahrhundert, der einmal die wichtigsten Stationen der Stadt verband, aber seit 1936 größtenteils stillgelegt ist. Zum Teil zieht er sich auf Erdgeschossniveau entlang, manchmal auch viele Meter über dem Boden. Die meisten der 36 Kilometer des Rings verlaufen aber tief unter der Erde. Früher nutzten die Petite Ceinture deshalb vor allem die Katakomben-Liebhaber, les Cataphiles - unzählige Eingänge verbinden sie mit dem unterirdischen Schachtsystem eines frühen Steinbruchs. Je enger es aber in der am dichtesten besiedelten Stadt Europas wird, je mehr Grün verschwindet und Baulücken gefüllt werden, desto mehr abenteuerlustige Menschen zieht die Petite Ceinture mit ihren stillen Gleisen an.

          An einem Dienstagmittag haben sich drei junge Männer und zwei Frauen an der Metro-Station Bel-Air verabredet. Marc (seinen richtigen Namen will er wie seine Freunde lieber nicht in der Zeitung lesen) hat vor kurzem eine Stelle entdeckt, an der nur ein einfacher Maschendrahtzaun das Trottoir vom Gleisbett der Petite Ceinture trennt. Der perfekte Einstieg: mitten in einem ruhigen Wohngebiet, niemand auf den Straßen. Nach dem kurzen Klettermanöver packen die fünf ihre Kameras aus, was ist das Abenteuer ohne Beweisfoto. Weiße, graue und braune Steine knacken unter ihren Füßen und machen das Laufen nicht einfach. Schon bald ziehen die ersten ihre Kapuzenpullover aus und stopfen sie in ihre Rucksäcke. Marlo und Marc gehen voran, Priya und Félix bleiben etwas zurück, leise unterhalten sie sich.

          Wiederentdeckter Charme

          Dann blitzen in der flimmernden Luft vor ihnen orange Punkte auf - Gleisarbeiter. Unschlüssig hält die Gruppe an. Umdrehen wäre ärgerlich, in der anderen Richtung kann man nicht weit gehen, dort soll ein verschlossener Tunnel den Weg versperren. Aber sollten die Bahnangestellten die Polizei rufen, droht ihnen Haft bis zu einem halben Jahr und eine Geldstrafe von 3750 Euro. „Ach Blödsinn, wir interessieren die doch gar nicht“, beschließt Marlo, „die wollen auch nur in die Mittagspause.“ Mit einem Bonjour! läuft die Gruppe an den Arbeitern vorbei, als träfen sie Nachbarn auf dem Weg zum Briefkasten.

          „Wir tun ja nichts“, bestätigt Félix im Nachhinein, dass es richtig war, weiterzugehen. „Wir haben nicht mal etwas zu essen oder zu trinken dabei.“ Nichts kaputt machen, keinen Müll hinterlassen - Urban Explorer haben ihre eigenen Gesetze.

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