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Frankreich : Ich kenn' dich, aber du kennst mich nicht

  • -Aktualisiert am

Niemand weiß, wer hinter der Maske steckt - Chef, Nachbar, der eigene Gatte? Bild: Rob Kieffer

Geishas, Gladiatoren, Maskenmenschen und niemals versiegende Ströme von Schaumwein: Limoux in Frankreichs Südwesten feiert den längsten Karneval der Welt.

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          Noch döst die Place de la République an diesem Samstagmorgen vor sich hin. Unter schummrigen mittelalterlichen Arkaden öffnen die ersten Geschäfte. Beim Blumenladen rattern die Rollläden hoch, der Weinhändler stellt dekorative Barriquen vor die Tür, und der Leichenbestatter installiert vor seiner Vitrine ein schwarzbeflortes Tischchen mit Kondolenzbuch. In der Mitte des gepflasterten Platzes wird die taugetränkte Plane von einem Pferdekarussell gezogen, ein Verkäufer richtet einen Stand mit Bugs-Bunny- und Minni-Maus-Masken für Kinder ein. Und an einer Imbissbude wird das Fett zum Braten von Merguez-Würsten und Churros-Gebäck heiß gemacht.

          Doch sobald es aus dem pfeilranken Turm der Kirche Saint-Martin elf schlägt, ist es mit der Stille des im südwestlichen Languedoc-Roussillon gelegenen Provinzstädtchens Limoux vorbei. Von nun an ist der ansonsten behäbige Ort außer Rand und Band, den ganzen Tag, bis spät in die Nacht, und am Sonntag genauso, und das jedes Wochenende von Mitte Januar bis zum 25. März, wenn während der Nuit de la Blanquette ein Strohmannequin verbrannt und Las Fecos, der längste Karneval der Welt, symbolisch zu Grabe getragen wird. Bis zu diesem Finale ist es ein nie enden wollender, konfettigetränkter Rausch, ein von Masken und Fanfaren bevölkertes Déjà-vu, eine Endlosschleife närrischer Ausgelassenheit, der sich die Limouxins, wie die Einwohner heißen, weit über die Fasenacht hinaus und mit Inbrunst fast das ganze Jahr über widmen.

          Die Maske darf niemals fallen

          Beim Glockenschlag strömt aus den Seitengässchen ein verrücktes, vermummtes Volk, gefolgt von rotbehemdeten Musikern, die ihren Trommeln, Trompeten und Saxophonen ohrenbetäubende Weisen entlocken. Die Schaulustigen applaudieren und kommentieren. Les Estabousits und Las Coudenos nennen sich die beiden "bandes", die an diesem Samstag den Platz aufmischen. Die Verwegenheit der Verkleidungen ist grenzenlos: Rapper mit Schweinsmasken, ein weihrauchspendender Kardinal, Geishas, Roboter mit Antennen auf den Kopf, Gladiatoren, Safarijäger. Und da die Estabousits dreißigjähriges Bestehen feiern, sind einige ihrer Leute als Geburtstagskuchen verkleidet und verteilen Kerzen.

          Morgens ist die "sortie de bande", das sich stets wiederholende, streng ritualisierte Ziehen um den Platz von Kneipe zu Kneipe, speziellen Themen gewidmet, die Geschehnisse aus dem Lokalleben persiflieren. Kommunalpolitiker werden durch den Kakao gezogen, der sich im Abstieg befindliche Fußballclub bewitzelt, stadtbekannte Tratschtanten belästert. Tabus gibt es keine, fast keine - eine Posse mit bärtigen Turbanträgern und einer Moschee aus Pappmaché hat man lieber doch seingelassen. Alle Aufritte konzentrieren sich auf dem zentralen Platz der Republik, womit Las Fecos nicht nur der am längsten dauernde Karneval der Welt ist, sondern auch über die kleinste Bühne verfügt. Pause wird traditionsgemäß in den fünf Cafés unter den Arkaden gemacht. Während die Musiker am Tresen Unmengen an Bieren und Weinen bewältigen, verziehen sich die Verkleideten in die Hinterräume. Denn die Maske darf nicht fallen, das Inkognito nicht gelüftet werden.

          Weißgekleidete Müllergesellen in Holzpantinen

          Immer wieder ertönt das Ploppen von Schaumweinflaschen, die entkorkt werden. Limoux ist das Zentrum der Produktion von Blanquette de Limoux. Die Winzer brüsten sich, dass die Blanquette schon im Jahre 1531 von Mönchen der Abtei Saint-Hilaire erfunden wurde und somit der weltweit erste moussierende Wein gewesen sein soll, fast zweihundert Jahre vor der Erfindung des Champagners durch den Abt Dom Pérignon. Noch älter als der lokale, mit Trauben der Rebsorte Mauzac hergestellte Traditionstrank ist der Karnevalsbrauch, der sich bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Damals zogen die Müller von Limoux einmal im Jahr über die nahen Pyrenäen nach Aragonien, um dort ihr Mehl zu verkaufen. Bei der Rückkehr zahlten sie eine Steuer an das Kloster von Prouilhe, doch blieb ihnen noch reichlich Geld, um am Fetten Dienstag den lukrativen Handel ausgelassen zu feiern. Diese Ursprungsdeutung erklärt, warum die Karnevalsaison Mitte Januar stets vom Defilee der weißgekleideten Müllergesellen in Holzpantinen eröffnet wird.

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